Medien : Bye, Bye, Broadsheet

Der englische „Guardian“ wird eine „Berliner“ Zeitung – jedenfalls im Format

Flora Wisdorff

In den Fluren des „Guardian“ spielt Berlin schon länger eine ganz besondere Rolle. „Wir werden bald als Berliner erscheinen“, hieß es immer wieder, und die Redakteure diskutierten heftig darüber, ob das gut oder schlecht sei. Denn der „Guardian“, Großbritanniens Sprachrohr der Linksliberalen, wird sein Format verkleinern. Eine revolutionäre Veränderung, wie manche sagen, die genauso wichtig sei wie der Umzug der Zeitung vor 40 Jahren von Manchester nach London. 1821 war der „Guardian“ in der nordenglischen Stadt gegründet worden. Nach den konservativen Zeitungen „Daily Telegraph“ und „Times“ ist der „Guardian“ die drittgrößte überregionale Tageszeitung in Großbritannien.

Ab Montag erscheint sie nun im „Berliner“ Format, also 315 mal 470 Millimeter – so wie die „taz“ und „Le Monde“. Die Broadsheet-Maße beliefen sich immerhin auf 400 x 570 Millimeter. Das „Berliner“ Format heißt so, weil es im späten 19. Jahrhundert bei den Berliner Zeitungen eingeführt worden war. Bis zum Zweiten Weltkrieg hielt sich das Format bei den meisten Zeitungen in der Hauptstadt, jetzt ist nur die „taz“ übrig.

In Großbritannien gibt es jetzt nur noch eine überregionale seriöse Tageszeitung, die im traditionellen Broadsheet- Format erscheint – der „Daily Telegraph“. „Times“ und „Independent“ haben bereits 2003 auf ein handlicheres Format umgestellt – sie erscheinen in einer noch kleineren Größe als der „Guardian“. Sie sind zum „Tabloid“ geworden, zumindest von der Größe her. Mit den Inhalten wollen sie nichts zu tun haben, denn die Tabloids sind die Boulevardblätter wie die „Sun“ oder der „Daily Mirror“, neben denen die „Bild“-Zeitung harmlos ist. Aber vor allem die vielen Pendler in London waren es leid, die riesigen Zeitungen in überfüllten U-Bahnen lesen zu müssen.

In dieser Situation musste „Guardian“ nachziehen. „Erst hatten wir auch eine neue Ausgabe im Tabloid-Format entwickelt“, sagt Ian Katz, Chefredakteur der täglichen Magazin-Beilage G2, der das neue Konzept mitentwickelt hat. Aber dann habe man festgestellt, dass der „Independent“ in seinem kleinen Format auch neue Akzente gesetzt habe. „Die Aufmachergeschichten wurden zugespitzter, reißerischer, manche Tage war die Titelseite ein Spiegelbild der Tabloids.“ „Wegen ihrer Größe stehen der ,Independent‘ und die ,Times‘ jetzt am Kiosk in direkter Konkurrenz zu den Tabloids“, sagt Katz. In Großbritannien ist der Wettbewerb auf dem Zeitungsmarkt viel härter als in Deutschland, weil es so gut wie keine Abonnements gibt.

Um den seriösen Ruf zu bewahren, entschied sich der „Guardian“ dann für das größere Berliner Format – „so können wir weiterhin mehrere Geschichten auf der Titelseite drucken“, sagt Katz. Chefredakteur Alan Rusbridger drückt es so aus: Das Berliner Format kombiniere die „Tragbarkeit der Tabloids mit der Sensibilität des Broadsheet“.

Die Umstellung kommt den „Guardian“ teuer zu stehen, denn für die neue Größe mussten drei neue Druckmaschinen gekauft werden. Die deutsche Firma MAN Roland lieferte in einer Rekordzeit von 18 Monaten, der Verlag hatte es eilig. „Times“ und „Independent“ gewannen seit ihrer Umstellung stetig an Auflage, die des „Guardian“ dagegen sank – jetzt liegt sie etwa bei 350 000, in besseren Zeiten waren es schon einmal 450 000. 80 000 Pfund hat der Relaunch gekostet.

Ian Katz ist sich sicher, es lohnt sich. Denn der „Guardian“ hat die Umstellung mit einem inhaltlichen Wechsel verbunden – laut Katz eine „philosophische Selbstprüfung“. Die Zeitung habe auch Leser verloren, so Katz, wegen seines traditionellen Images als Truppe von „linken, sandalentragenden Sozialarbeitern, die verbissen sind und das Leben nicht genießen können“. Zu vorhersehbar links seien die Kommentare gewesen und zu groß der Verdacht, die Nachrichten seien ideologisch gefärbt. Nun habe man neue Kommentatoren eingekauft wie etwa den konservativen Simon Jenkins, der zuvor für die „Times“ schrieb. Nachrichten sollen noch strikter von Kommentaren getrennt werden. Eine große Rolle spielen nun gute Fotos, es gibt auch ein Foto des Tages. Der „Guardian“ erscheint künftig vierfarbig.

Philip Jenkins, Leiter des Medienforschungsinstituts an der schottischen Stirling-Universität, findet, die neuen Formate seien ein guter Versuch, sich den neuen Bedürfnissen der Leser anzupassen. Eine Garantie, die seit Jahren sinkende Zeitungsleserschaft dauerhaft zu steigern, sei das jedoch nicht.

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