Bytes und Spiele : Raserei durch virtuelle Städte

Ticket nach Seattle: Das deutsche Finale der World Cyber Games auf der Ifa 2007.

Achim Fehrenbach
WorldCyber Games
Im Rennwagen über den Bildschirm. Auch Nachwuchsspieler wie Stephan Schulze haben bei den World Cyber Games eine Chance. -Foto: David von Becker

Gegen Mittag wird es auf der Ifa immer voller, bunter, lauter. In Halle 10.1 dagegen ist es angenehm dunkel. Der Besucherstrom windet sich um abgegrenzte Inseln mit langen Reihen von Flachbildschirmen. Viele Messebesucher bleiben neugierig stehen, schauen den jugendlichen Computerspielern über die Schultern. Die wenigsten wissen, was hier an diesem Wochenende gespielt wird: das Deutschland-Finale der „World Cyber Games“ (WCG), der weltweit wichtigsten Veranstaltung im „eSport“, wie die Szene ihre am Computer ausgetragenen Wettkämpfe nennt. 200 Spieler treffen in zehn Disziplinen aufeinander, die 25 besten bilden ein Nationalteam und fliegen zur Weltmeisterschaft nach Seattle.

Stephan Schulze aus Steglitz, 20 Jahre alt, an der TFH Berlin im ersten Semester Student der Kommunikationstechnik und Elektronik, hat sich über Vorturniere für die Deutsche Meisterschaft auf der Ifa qualifiziert. Seine Spezialität: „Project Gotham Racing“, ein Autorennenspiel, bei dem die Fahrzeuge in wahnwitziger Geschwindigkeit durch neonhelle Häuserschluchten rasen. Über Sieg oder Niederlage entscheiden oft nur Zehntelsekunden. Stephan hatte das erste Duell am Samstagmorgen gewonnen, das zweite verloren, blieb aber guter Laune, auch als Seattle immer ferner rückte. Bescheiden nannte er „Platz 6 oder 7“ unter 16 Teilnehmern als persönliches Ziel.

Gestartet war er für den Clan „Team Elite Racers“, einen Zusammenschluss von Berliner Computerspielern. Er ist noch nicht lange dabei, gehört nicht zu den Stars der Gaming-Szene. Spielern wie den „Fifa-Twins“, das sind zockende Zwillinge aus Köln, die seit Jahren zur Elite der Computerfußballer gehören und von den Preisgeldern ihr Studium finanzieren. „In Deutschland muss man sich als eSportler irgendwann fürs Berufsleben entscheiden“, sagt WCG-Organisator Thomas von Treichel. „Im Unterschied zu Asien, wo eSportler bis zu 400 000 US-Dollar pro Jahr verdienen, kann man in Deutschland vom eSport allein noch keine Familie ernähren.“ Auf der Ifa gibt es für die Sieger Sachpreise – und die begehrten Seattle-Tickets.

Auf einer großen Bühne wurden ausgewählte Partien dem Publikum präsentiert – und von Moderatoren recht flapsig kommentiert. An den Eingängen zur Halle informierten Tafeln über Turniermodalitäten und Spiele. Auch „Counter-Strike“ stand auf der Liste. Das berüchtigte Ballerspiel fand beim WCG-Finale hinter verschlossenen Türen statt – aus rechtlichen Gründen. Was die Neugier des Publikums nicht bremste. Ein Rentnerpaar aus Wedding riskiert einen Blick hinter die Stellwände, drehte aber gleich wieder um: „Das ist ja wie im Internet-Café.“

Für Stephan Schulze endete das Duell zuletzt zufriedenstellend: noch zwei Rennen gewonnen, eines verloren – das bedeutete Siebtbester von Deutschland. Das ist doch was. Achim Fehrenbach

Ab heute können Messe-Besucher in der Halle 10.1 alle Spiele ausprobieren.

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