Medien : "Capital": Erben gesucht

Ulrike Simon

Monatelang hatten sich die Spekulationen um den Weggang von "Capital"-Chefredakteur Ralf-Dieter Brunowsky schon hingezogen. In Branchenkreisen wurde offen darüber geredet, wie lange es wohl bis zur Absetzung noch dauere. Am Mittwoch, um 15 Uhr 30 war es dann soweit. Der Redaktion wurde mitgeteilt, dass Brunowsky den Chefredakteursposten abgibt. Wegen "unüberbrückbarer unterschiedlicher Auffassungen mit dem Verlag über die weitere konzeptionelle Ausrichtung". Brunowsky wird auch nicht mehr Herausgeber der jungen "Capital"-Ablegerzeitschrift "Bizz" sein und auch nicht mehr stellvertretender Verlagsgeschäftsführer des Kölner Gruner + Jahr-Tochterverlags G + J-Wirtschaftspresse, in dem "Capital" und "Bizz" erscheinen.

Brunowsky war zehn Jahre lang Chefredakteur von "Capital". Im Februar 2000 hatte der Verlag den Erscheinungsrhythmus des Magazins von monatlich auf 14-täglich umgestellt. Die Früchte des goldenen Anzeigenjahres 2000 wollte sich der Verlag nicht entgehen lassen. Wirtschaftstitel waren in, die Leser wollten ihr Geld an der Börse vervielfachen, in den Anzeigenabteilungen herrschte Goldgräberstimmung. Das Konzept schien aufzugehen. "Wir sind toll aus den Startlöchern gekommen", freute sich Brunowsky im März 2000. Das erste Heft im neuen 14-täglichen Rhythmus hatte 285 000 Exemplare verkauft, fast so viel wie zuvor bei monatlicher Erscheinungsweise. Doch seit Herbst 2000 geht es bergab. Aktuell verkauft "Capital" nur noch 233 813 Exemplare - 31 387 Hefte bzw. fast zwölf Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Unmut kam zudem auf, als der gefürchtete ehemalige "Stern"-Chefredakteur Werner Funk als Berater an Brunowskys Seite gestellt wurde. Seitdem Funk den "Stern" verlassen hat, berät er G + J-Zeitschriftenvorstand Rolf Wickmann. Der frühere "Spiegel"- und "Manager-Magazin"-Chef Funk ist bekannt für seine Wirtschaftskompetenz. Und er will Erfolgserlebnisse. Zwischen den beiden Egos Funk und Brunowsky bahnten sich Konflikte an. Die Trennung am vorigen Mittwoch kam allerdings überraschend nach einem Eklat zwischen Brunowsky und Vorstand Rolf Wickmann. Es heißt, Brunowsky habe es darauf angelegt.

Hintergrund: Die Marktentwicklung der Wirtschaftsmagazine ließ bei "Capital" dringenden Renovierungsbedarf entstehen. Nicht nur optisch, auch konzeptionell und strukturell. "Capital" müsse sich neu erfinden, war Wickmanns Forderung, er stellte jedoch fest, dass eine Neupositionierung mit dem mittlerweile isolierten Brunowsky nicht zu machen war. Schon für September ist der Relaunch angekündigt, jetzt steht "Capital" erst mal ohne Chefredakteur da. Jetzt wird Funk aktiver Herausgeber des Blattes - ein Zeichen dafür, dass es zu keiner internen Nachfolgeregelung kommen wird.

Funk könnte nun nachholen, was er als "Stern"-Chefredakteur vertraglich zugesichert hatte, aber nicht erfüllte, nämlich, einen geeigneten Nachfolger zu finden. Kommenden Dienstag wird Funk nach Köln fahren und mit der Redaktion reden.

Die Zahl der Wirtschaftsjournalisten, die sich für die "Capital"-Spitze eignen, ist begrenzt. Ein Name, der immer wieder auftaucht, ist der von "Spiegel"-Wirtschaftschef Gabor Steingart, der dementiert, von G + J gefragt worden zu sein. Auf Steingart, der als jung, dynamisch, ehrgeizig und neo-liberal charakterisiert wird, hatte Funk schon bei der Planung für ein deutsches "Newsweek" gesetzt. Steingart gilt jedoch auch als Wunderwaffe von "Spiegel"-Chef Stefan Aust und möglicher, wenn auch intern umstrittener Nachfolger des Berliner "Spiegel"-Büro-Chefs Jürgen Leinemann. Aust plane eine starke Aufwertung des Berliner Büros, heißt es. Noch ist aber nichts entschieden. Aust lässt sich Zeit.

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