Medien : Carola Stern: Voller Brüche und Wendungen

Thomas Gehringer

Nach ihrer Flucht aus der DDR unterzeichnete Erika Assmuss ihre Texte nur noch mit drei Sternen, "um die Stasi nicht auf mich aufmerksam zu machen". Doch schon bald wurde für die einstige Dozentin an der SED-Parteihochschule Klein-Machnow ein Pseudonym nötig, unter dem sie veröffentlichen konnte. Also wurde aus den drei Sternen und dem Vornamen einer von Erika Assmuss geschätzten Schauspielerin ein neuer Name gebildet, der heute in Deutschland wie kaum ein zweiter für engagierte Publizistik steht: Carola Stern.

Am 14. November wird die auf Usedom geborene Schriftstellerin und Journalistin 75 Jahre alt. Volker Mauersberger und Hinnerick Bröskamp zeichnen in ihrem 45-minütigen Film "Der mühsame Weg zu mir selbst" (3 Sat, heute, 22 Uhr 25 / WDR, 8. November, 23 Uhr 15 / Phoenix, 13. November, 19 Uhr 15) ihr bisheriges Leben nach. Es ist eine Biografie voller Brüche und Wendungen: Vom nazitreuen BDM-Mädel und von der Marxistin der Nachkriegszeit wandte sie sich im Westen konsequent ab und wurde zu einer streitbaren Verfechterin für Demokratie und Menschenrechte - gleich in mehreren, sauber getrennten Karrieren: als Lektorin bei Kiepenheuer & Witsch, als Redakteurin und Kommentatorin in der ARD und als erfolgreiche Autorin einiger Frauen-Biografien, die sie nach ihrem Ausscheiden beim WDR seit 1985 geschrieben hat. "Diese Stimme war unverwechselbar - aber auch die Präzision der Gedanken, gepaart mit einem persönlichen Engagement", verteilt Bundespräsident Johannes Rau höchstes Lob. Und für Pastor Heinrich Albertz, den Berliner Ex-Bürgermeister, stellt Carola Stern eine "Oase von Ehrlichkeit in einer Wüste von Heuchelei" dar.

Am meisten habe sie den ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann geliebt, bekennt die der Sozialdemokratie nahe stehende Carola Stern - Willy Brandt dagegen, dessen Entspannungspolitik sie vehement unterstützte, "ist mir fremd geblieben". Dass sich Carola Stern immer wieder persönlich einmischte, die deutsche Sektion von amnesty international gründete und heute gemeinsam mit Günter Grass Spenden für die Entschädigung von Zwangsarbeitern sammelt, hat gewiss ebenfalls biografische Wurzeln. Ganz verziehen hat sich Carola Stern ihre Ignoranz in der Jugend nicht, vor allem "meine Mitleidlosigkeit im Angesicht hungernder Kriegsgefangener".

Volker Mauersberger und Hinnerick Bröskamp legen einen schnörkellosen Film vor, reihen Interviews und Archivschnipsel aneinander und können dabei ganz auf die Offenheit und die sprachliche Kraft von Carola Stern vertrauen. Sich als Frau im Kreise männlicher Intellektueller Gehör zu verschaffen, erforderte schon einige Energie, die die "Platzhirsche" wie Günter Grass durchaus zu spüren bekamen. "Schwierig im Umgang" sei sie, findet der Nobelpreisträger und erinnert sich, dass Stern seine Komplimente für ihre Hüte nicht so recht zu schätzen wusste.

Dabei steht sie zu ihrer Eitelkeit: Sie sei wohl in ihrem Leben nie darüber hinweg gekommen, dass sie nicht Bühnenkünstlerin geworden sei, sagt Carola Stern, die als junge Frau am liebsten Tänzerin werden wollte. Nun wisse sie, "was es mir bedeutet, mich zu produzieren. Deshalb war es so schön, beim Hörfunk zu sein und noch schöner, im Fernsehen eine Lippe zu riskieren". Etwas von Erika Assmuss, "die mir längst fremd geworden ist", blieb trotz aller Lebensbrüche erhalten.

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