Caroline Peters im Gespräch : „Heulen und leiden kann jeder“

„Ein Mord mit Aussicht“: Interview mit Caroline Peters über die Kunst der Komödie, Heimatfernsehen mit "Muschi" und den „Tatort“.

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Hengasch, nicht immer ein Schicksal. Caroline Peters meint es gut mit ihrer Kommissarin Sophie Haas, jetzt, da sich die ARD-Serie „Mord mit Aussicht“ zum Film „Ein Mord mit Aussicht“ weitet. Am Montag um 20 Uhr 15 in der ARD.
Hengasch, nicht immer ein Schicksal. Caroline Peters meint es gut mit ihrer Kommissarin Sophie Haas, jetzt, da sich die ARD-Serie...Foto: WDR/Michael Böhme

Guten Tag, Frau Haas. Wie geht es denn Frau Peters?

Frau Peters geht es wegen eines Kreuzbandrisses gerade nicht so gut. Aber was soll Frau Haas denn sagen? Sie steht unter Mordverdacht.

Werden Sie unverändert mit Ihrer Rollenfigur verwechselt?

Nein, Gott sei Dank hält sich das in Grenzen. Das Verwechseln passiert nicht mehr so häufig, jetzt kennen die Leute auch meinen Namen. Hängt vielleicht damit zusammen, dass ich mittlerweile andere Rollen spiele, wie gerade in dem Liebesfilm „Süßer September“. Jetzt werde ich auch als Schauspielerin Caroline Peters wahrgenommen und nicht mehr nur als die Figur Sophie Haas.

Frau Peters ist jetzt ein Star.

Wann ist jemand in Deutschland ein Star? Eine sehr, sehr gute Frage, die ich wirklich nicht beantworten kann. Für Österreich schon: Die haben keine Hemmungen, jemanden als Star zu bezeichnen und anzuhimmeln. Das hat nichts Verruchtes. In Deutschland ist das immer an der Grenze zum Negativen. In Österreich ist man ein Star und bleibt ein Star. Bewunderung wird hier ungehemmter praktiziert. Trotzdem möchte ich keine Österreicherin werden, sondern vorher in Berlin auf eine Bühne gelassen werden.

Ach, Sie haben Sehnsucht nach Berlin und seinen Theatern?

Ja, total. Ich habe jahrelang an der Volksbühne gespielt und zugleich am Burgtheater in Wien und bin immer gependelt. Berlin und Wien ergänzen sich so wunderbar. In Wien kann man den Stress aus Berlin runterpegeln, dann fällt einem in Wien die Decke auf den Kopf – und man fährt wieder nach Berlin. Ein traumhafter Ausgleichszustand.

Heißt das: Die Burgschauspielerin Peters profitiert auch von der Fernsehschauspielerin und umgekehrt?

Ich versuche das. Früher gab es ja so eine glasklare Trennung zwischen Theater und Fernsehen, zwischen Hochkultur und Unterhaltung. Jetzt mischt sich das und soll sich noch mehr mischen: Die Leute sollen einen gerne im Fernsehen sehen und dann ins Theater kommen. Oder meinen Kollegen Joachim Meyerhoff sehen wollen, der einen Bestseller nach dem anderen schreibt. Den will, den soll das Publikum dann auch live auf der Bühne erleben. Ich hoffe sehr auf diese Synergieeffekte.

„Mord mit Aussicht“ läuft auch im österreichischen Fernsehen?

Ja, sehr erfolgreich. Synchronisiert auch in Italien bei RAI uno. Jetzt denken nicht wenige Italiener, dass ich fließend Italienisch sprechen kann.

„Mord mit Aussicht“, eine Serie über 45 Minuten. Jetzt „Ein Mord mit Aussicht“ über 90 Minuten. Ist die Serie reif für den Film?

Unbedingt. Als die Serie 2008 gestartet ist, war „Mord mit Aussicht“ ein klassisches Serienprodukt, Handlung und Figuren waren sehr auf die 45 Minuten bezogen. Über die Jahre ist die Serie expandiert, in nahezu jeder Hinsicht; da war es doch logisch, den Bogen mal weiter zu spannen. Ganz wichtig, vielleicht entscheidend: Jetzt hat jede Figur mehr Raum, auch den Raum, sich selbst und die anderen Figuren zu beobachten: Wie sehen wir uns eigentlich alle nach so vielen Jahren auf dem Land?

Sophie Haas verschlägt es nach Hammelforst. Auch im dortigen Polizeirevier gibt es eine blonde Kommissarin, Sandra Holm aber hat eine topmoderne Wache und zwei attraktive Mitarbeiter, die ihr aufs Wort gehorchen. Hammelforst, ein Traum?

Sophie Haas entdeckt nur ein Dorf von Hengasch entfernt das Paradies und die Erkenntnis, dass ihr selbst das Paradies verweigert wurde. Was für Auswirkungen wird diese Erkenntnis auf sie haben? Wenn man den Film ernst nimmt, dann bekommt Sophie Haas am Ende ein Angebot, das man nicht abschlagen kann.

Man kann vom Film also wieder zur Serie zurückspringen?

Ja, absolut. Das ist alles offen. Man kann weiter Filme machen oder die Serie fortsetzen. Oder spurlos verschwinden aus Hengasch und woanders wieder auftauchen. Da gibt es jetzt viel Spielraum, auch eine Konsequenz, dass sich die Serie und die Serienlandschaft in acht Jahren verändert haben. Früher hat man gesagt, Komödiencharaktere können sich nicht weiterentwickeln. Doch, das können sie. Sophie Haas kann ihr Trauma, auf dem Land zu sein, vielleicht nicht besiegen, wohl aber verwandeln. „Mord mit Aussicht“ ist dynamisch.

Aber eines bleibt unverändert: Gute Komödie ist, wenn Menschen lachen. Schlechte Komödie, wenn Menschen nicht lachen?

So ist es. Komödie ist schwierig, Komödie mit Entwicklung ist schwieriger und Komödie mit Tiefgang ist noch schwieriger. Heulen und leiden kann jeder.

Sie bekommen bestimmt Drehbücher ohne Ende zugeschickt. Wann sagen Sie zu?

Erstes Kriterium ist: Finde ich das Drehbuch beim ersten Lesen interessant – ja oder nein? Nächstes Kriterium, jedenfalls bei einer Komödie: Verstehe ich den Humor? Wobei ich nicht nur Komödien spielen möchte.

Tragische Figuren im Burgtheater

Schon gar nicht im Burgtheater.

Richtig, in der Tschechow-Inszenierung „Onkel Wanja“ spiele ich die Jelena, eine junge Frau, die einen viel zu alten Mann geheiratet hat und mit ihm auf dem Land gelandet ist und sich in abstrusen Liebeskungeleien verliert. Eher eine tragische Figur. Dann spiele ich ein in Österreich sehr beliebtes Stück: „Professor Bernhardi“ von Arthur Schnitzler, eine Art Ärztekrimi. Schnitzler zeigt, wie Antisemitismus entstanden ist, wie einer der Ärzte von seinen Kollegen aus der Körperschaft hinausgemobbt wird, weil er Jude ist. Ich spiele darin einen der Ärzte – aber als Frau. Dann „John Gabriel Borkman“, eine Ibsen-Bearbeitung des Australiers Simon Stone, der bald auch nach Berlin kommt. Da spielen Birgit Minichmayr und ich Zwillingsschwestern, die einst ein Trio Infernale mit „Borkman“ alias Martin Wuttke bildeten.

Frau Peters, jetzt habe ich das große Interviewproblem, dass ich vom Burgtheater in Wien zur Provinz in Hengasch kommen muss. Aber es muss sein. In der Serie wird eine Ehefrau „Muschi“ genannt wird. Ist das jetzt Heimatfernsehen?

Für manchen Zuschauer wohl schon, aber das müssen Sie vielleicht Muschi und Bär fragen, die haben sich das ausgedacht und wissen sicher noch warum.

Also reden alle mit – der arme Autor.

Schlimm ist doch nur, wenn Leute mitreden, die keine Ahnung haben.

Wenn es jemals ein Flüchtlingsfernsehen in Deutschland geben wird. Muss dann „Mord mit Aussicht“ gezeigt werden?

Man kann über eine komische Fernsehserie bestimmt viel erfahren über ein Land und seine Mentalität. Die Serie „Braunschlag“ erzählt mir zum Beispiel Österreich. Mit Trivialkultur kann man eine Menge lernen über die Menschen in dem neuen Land.

Dann muss die Serie ja weitergedreht werden, damit der Flüchtling immer auf der Höhe des Deutschtums ist.

Wenn wir die Höhe des Deutschtums wären, wäre ich nicht mehr so gern dabei. Aber wenn wir eine lustige, immer wieder überraschende Sendung bleiben, dann schon. Der WDR hat ja eine kreative Pause ausgerufen. Vielleicht zeigt der Film plus Resonanz, wohin die Reise gehen soll.

Aber Sie wollen so lange spielen wie Marie-Luise Marjan in der „Lindenstraße“?

Ich möchte mindestens so lange spielen wie Frau Marjan, aber vielleicht nicht in der „Lindenstraße“, nein, in der Sophie-Haas-Straße. Vielleicht hat Sophie ja Glück und wird abermals befördert, nur diesmal weg aus Hengasch, beispielsweise zum „Tatort“.

Bereit für den "Tatort"?

„Tatort“: Sind Sie bereit?

Ich stehe vor diesem Krimi wie das Kaninchen vor der Schlange, vor diesem Faszinosum. Aber auch das „Tatort“-Format könnte ein neues, richtiges Format für „Mord mit Aussicht“ sein. Es sind alle Wege offen.

Wir sind also nicht geboren, um „Tatort“ und „Lindenstraße“, sondern um „Mord mit Aussicht“ zu gucken?

Das haben Sie gesagt.

Das Interview führte Joachim Huber.

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