Medien : Casting für Deutschland

„DSDS“ und „Star Search“: Ute Biernat übersetzt Fernsehshows aus aller Welt für das einheimische Amüsement

Simone Schellhammer

Manchmal wirkt sie wie eine Mischung aus Jeanne d’Arc und Speedy Gonzales. Sie redet mit atemberaubender Geschwindigkeit und ist gleichzeitig diejenige, die mit der Fahne vorangeht. Ute Biernat ist 43 und Geschäftsführerin der größten deutschen Show-Produktionsfirma. Grundy Light Entertainment produziert derzeit zwölf Shows für sieben verschiedene Fernsehsender, darunter „Deutschland sucht den Superstar“ für RTL und „Star Search“, das seit Anfang des Monats bei Sat 1 läuft. Nein, das seien zwei unterschiedliche Produkte, nein, auch wenn Grundy eine Tochter der RTL Group ist, sei man nicht mit RTL verheiratet. „Wir sind unabhängig, und das wissen auch die Sender zu schätzen.“

Es ist einer dieser heißen Julitage, und in Biernats Büro in Köln-Hürth ist die Klimaanlage ausgefallen. Doch ungebremst von der Schwüle und ihrer Sommergrippe erzählt sie begeistert von den letzten drei Jahren, in denen sie mit viel Glück und harter Arbeit plus 200 Mitarbeitern den Entertainment-Laden, der damals noch Pearson hieß und von Shows wie „Geh aufs Ganze“ und „Herzblatt“ lebte, zu einem der wenigen Unternehmen gemacht hat, das in der viel bejammerten Medienkrise große Erfolge erzielt: „Wir sind ein sehr wendiges Bötchen, nicht so ein schwerfälliger Tanker. Alle sind stets mit aufgekrempelten Ärmeln unterwegs.“

Allen voran, so scheint es, saust die Chefin zwischen den Produktionsorten München, Hamburg, Berlin, Köln und dem Mutterhaus in London (FremantleMedia) hin und her. Durch letzteres ist sie mit Büros in 39 Ländern vernetzt, hält Videokonferenzen mit den „Jungs ins Australien“ ab und beackert in Management-Committees, Controlling- Meetings und Personalgesprächen das „Zahlenthema“. Dazwischen arbeitet sie mit ihrem Producer-Team am Kerngeschäft der Firma: der Formatentwicklung, der Übersetzung von internationalen Formaten für das deutsche Fernsehen. „Das heißt, ich versuche, ständig verschiedene Teller in Bewegung zu halten und vor allem Spaß an der Arbeit zu haben.“

Spaß und Speed gehörten bei ihr offenbar immer dazu: Bereits während sie in Köln Film- und Theaterwissenschaften studiert, beginnt sie, Magazine und Dokumentationen für das Fernsehen zu drehen. „Nach fast zehn Jahren fragte ich mich dann, ob ich weiter allen die Welt erklären und auf den Pulitzer-Preis warten will, oder ob Unterhaltung auch eine Möglichkeit wäre.“ So kommt es, dass sie eineinhalb Jahre lang als Praktikantin in Show-Redaktionen in Neuseeland, Australien und den USA arbeitet. „Natürlich war das alles ein bisschen viel. Aber ich bin froh, dass ich mich getraut habe. Denn als ich 1994 zurückkam, konnte ich einen Nagel in die Wand hauen und behaupten, ich weiß, wie Unterhaltung geht.“ Sie arbeitet zwei Jahre lang als Consultant für verschiedene Sender und Produzenten und steigt dann bei Pearson als Executive Producer ein. 2000 bot man ihr den Job der Geschäftsführerin an. „Die wollten mich, weil ich mit Inhalten und mit Zahlen umgehen kann“, erklärt sie. Mittlerweile hatte sie nämlich in Harvard Finanzseminare belegt.

Zahlen von heute, die Shows von morgen: Ute Biernat sieht hier einen Trend zu psychologisierenden Sendungen, in denen es um Wünsche, Verständnis, Beziehungen und Lebenshilfe geht. Etwa wie bei dem englischen Format „Life Laundry“ (etwa: Lebenswaschmaschine), bei dem die Wohnung einer Person oder einer Familie ausgeräumt und neu eingerichtet wird. „Eine sehr menschliche Show, bei der es auch um das emotionale Gepäck geht, das man durchs Leben trägt.“ Die andere Idee ist eine Mischung aus Fiction und Nonfiction, an der sie zusammen mit Nico Hofmanns Produktionsfirma „Teamworx“ arbeitet. Das Ganze würde als wöchentliche Fiction-Serie starten: „Als Beispiel etwa ein Kloster mit zwölf Mönchen, von denen einer dann immer wieder seinem Hauptberuf etwa als Gameshow-Moderator nachgeht“, erklärt sie. „Und diese Show wäre dann von uns, die Kandidaten echt. Danach geht er in sein Kloster zurück und bringt seine Erfahrungen in die Spielhandlung ein.“ Günther Jauch als Klosterbruder? Den Unterschied zwischen Schauspielern, Moderatoren und echten Menschen sieht sie als eine Sollbruchstelle, die sich immer weiter verschiebt, ähnlich wie in Gerichtsshows mit echten Richtern oder Doku-Soaps mit Schauspielern.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Nudelgericht. Im Geschäft mit Showformaten will jeder seine Idee möglichst teuer verkaufen und die Idee der anderen möglichst billig abkupfern oder, feiner gesagt, weiterentwickeln. Darum wurde auf die Initiative von Grundy hin die FRAPA (Format Recognition and Production Association) gegründet. Sie soll als eine Art Patentamt für Show-Ideen fungieren, denn in keinem Land Europas sind bisher TV-Formate ausreichend geschützt. Noch sind ihr lange nicht alle Sender und Produzenten beigetreten, „aber natürlich brauchen wir das, denn dieses Gentlemen’s Agreement wird irgendwann nicht mehr ausreichen“, sagt Biernat. Immerhin werden im Schnitt 300 000 Euro in die Entwicklung eines Formats gesteckt. Zwischen gegenseitiger Befruchtung und Ideenklau verläuft dabei oft nur ein schmaler Grat. „Darum ist die FRAPA wichtig. Weil sie fragt: Das hier sieht zwar auch aus wie Nudeln mit Tomatensauce, aber ist es vielleicht doch anders zusammengerührt? Und wer kocht da eigentlich?“ Ute Biernat wird weiter die Ärmel hochkrempeln und der Streitmacht voraneilen.

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