Castingshow : Ich Wickie, du Tarzan

Welche Castingshow hätten’s denn gern? Das Fernsehen lädt zur Qual der Wahl. Entgegen der Stimmen, die den Niedergang der Talensucher daherreden, wird wieder fleißig gesucht: nach Popstars, Supertalenten, Models und nun auch noch Tarzan.

Torben Waleczek
tarzan
Machen sie sich mal frei! Männer-Casting für "Ich Tarzan, du Jane". -Foto: Sat1

Mit Umfragen ist es bekanntlich so eine Sache. Demoskopen können ja auch irren. Jetzt orakeln die Meinungsforscher über den Niedergang der Castingshows im deutschen Fernsehen. Drei von vier Bundesbürgern wollen diese Sendungen nicht mehr sehen, heißt es in einer Umfrage der Programmzeitschrift „TV-Guide“. Unausstehlich findet die Hälfte der Deutschen Dieter Bohlen, den Juroren und Großinquisitor bei „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS), wie eine Erhebung der Zeitschrift „Frau im Spiegel“ ergab. Schlechte Perspektiven also für die Castingformate, könnte man meinen.

Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus: „DSDS“ erreicht bei RTL zuverlässig Traumquoten von mehr als 30 Prozent in der jungen Zielgruppe. Und die übrigen Sender? Die hecheln mit eigenen Formaten dem „DSDS“-Erfolg aufgeregt hinterher. Casting ohne Ende – so wird das Fernsehjahr 2008. Ganz vorn mit dabei sind die Programmplaner von ProSieben. Nächste Woche Donnerstag (28.2.) startet die dritte Staffel von „Germany´s Next Topmodel“. Heidi Klum sucht hier unter lauter schönen Frauen die Schönste. Oder die, die am geschmeidigsten über den Catwalk zu schleichen versteht.

Weniger grazil wird es bei ProSieben dann ab April zugehen, wenn der Komiker Michael „Bully“ Herbig via Castingshow die Schauspieler für seinen neuen Film rekrutiert. „Wickie und die starken Männer“ soll der heißen, eine Umsetzung der gleichnamigen Zeichentrickserie. Die Show nennt sich sinnigerweise „Bully sucht die starken Männer“. Für die Rolle von Wickies fettleibigem Wikinger-Gefährten Faxe hat sich bei der Aufzeichnung des Castings ein sehr talentierter 200-Kilo-Mann beworben. So viel verrät der Sender vorab.

Was die Produzenten sonst von Agenturen erledigen lassen, das wird hier öffentlich in Szene gesetzt: die Suche nach geeignetem Personal für die neuen Projekte. Daher soll in der Sendung weniger Unfug und Dilettantismus zu sehen sein als in anderen Castingshows. Schließlich suche Bully Herbig ernsthafte und begabte Schauspieler, mit denen er dann erfolgreich arbeiten kann, heißt es bei ProSieben. Nicht allein der Weg sei das Ziel. Das bedeutet: Auch das Ziel ist das Ziel.

Mit Lianen über das Publikum

Ein ähnliches Konzept verfolgt eine neue Castingshow von Sat1, die schon nächste Woche Freitag beginnt. „Ich Tarzan, du Jane“ heißt das Format, gesucht wird eine Besetzung für die zwei Hauptrollen in dem Musical „Tarzan“, das demnächst in Hamburg gezeigt werden soll. Wichtig sei bei den Kandidaten neben einer guten Stimme auch ein athletischer Körper, sagt eine Sendersprecherin. Schließlich sollen die Akteure später mit Lianen über das Publikum schwingen und mit kraftvollen Affenbewegungen („ape moves“ heißt das bei Sat1) über die Bühne laufen. Als Moderator der Sendung hat man den hauseigenen Krawall-Komiker Hugo Egon Balder verpflichtet. Ob der den Bohlen gibt und talentfreien Kandidaten verbale Watschen verpasst, bleibt abzuwarten.

Ganz bestimmt jugend- und familienkompatibel wird jedenfalls „MusicalShowstar 2008“, ein weiteres Musical-Casting, ab Ende März im ZDF, moderiert von Thomas Gottschalk. „Ich könnte freundlichen jungen Menschen, die zumindest glauben, sie könnten singen, nie sagen, dass sie es nicht können“, hat Gottschalk kürzlich via „Bild“-Zeitung verlauten lassen. Man wolle in der Sendung niemanden vorführen und niemandem wehtun, sagt auch ZDF-Sprecher Peter Gruhne. „Aber“, fügt Gruhne hinzu, „es wird mit Sicherheit menscheln.“

Ob eine derart entschärfte Casting-Variante ausreicht, um die junge „DSDS“-Zielgruppe zum Zweiten zu locken? Ganz egal wie es kommt: Die Casting-Welle, das lässt sich festhalten, hat auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen erfasst. Kulturpessimisten und Feuilletonschreiber werden darüber den Kopf schütteln und die Verdieterbohlung bildungsbürgerlicher TV-Refugien beklagen. Diesen Skeptikern bleibt immerhin noch das Erste. In Sachen Castingshows habe man keinen Bedarf, heißt es bei der ARD. Schließlich müsse man nicht alles mitmachen, was die anderen machen.

Die anderen machen ja auch genug. Noch in diesem Jahr sucht Detlef D. Soost bei ProSieben neue „Popstars“ und bei Viva einen „Dancestar“, Ki.Ka castet im Herbst junge Komponisten in der Sendung „Dein Song“, RTL überbrückt die Zeit bis zur nächsten „DSDS“-Staffel mit einer neuen Ausgabe von „Das Supertalent“. Mögen die Meinungsforscher über die Fernsehvorlieben der Deutschen sagen, was sie wollen. Casting ohne Ende, das gilt auch für 2008.

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