Medien : Castingshow vorm Reichstag

Wie wird eine Präsidentenwahl zum Event? Das Fernsehen weiß es auch nicht

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Da denkt man, Harald Schmidt ist weg vom Schirm. Und dann das: Am Sonntagmorgen laufen gleich drei „Harald Schmidt Shows“ parallel auf drei verschiedenen Sendern – allerdings ohne Harald Schmidt. Die Berichterstattung zur Wahl des Bundespräsidenten auf ARD, ZDF und ntv ist Sendezeitvernichtung auf hohem, auf Schmidt-Niveau. Man erfährt, dass Horst Köhler gut gefrühstückt hat, ein ehemaliger Klassenkamerad teilt mit, dass „der Horscht nie der große Ehrgeizler“ war. Alle Sender sind sich einig, dass Kabarettist und SPD-Wahlmann Ottfried Fischer dank seiner Körperfülle die gewichtigste Stimme hat. Fast drei Stunden drehen sich um ein Ereignis, das sich dem Live-Fernsehen, das Aktion und Spannung verlangt, entzieht.

Die beste Inszenierung bietet ohne Zweifel das ZDF. Rasant kreisen die Kameras um das inhaltliche Vakuum, bei Schaltungen fangen die Bilder das Tanzen an. Dazu gibt es Insiderwissen: Reporter Michael Bewerunge hat recherchiert, dass die Grünen „ein schönes Büffet“ aufgebaut hatten, selbst die Farbe der Wahlkarten wird nicht verheimlicht: Sie sind blau.

Die ARD hält dagegen und hat vor dem Berliner Reichstag eine Videoleinwand aufgebaut, die auf dem furchtbar leeren Platz der Republik wie ein Rolls-Royce auf einem Rübenacker wirkt. „Vorhin war es hier noch ziemlich voll“, sagt der ARD-Reporter Hans-Joachim Lorenz, und man möchte ihn trösten, wenn er das sagt, weil er dabei so traurig aussieht.

Am schlimmsten werden die Touristen vor dem Reichstag gequält. Alle Sender stürzen sich auf die wenigen Regencapeträger, die sich dort bei dem miesen Wetter tummeln. Plötzlich wird die wahre Natur der Wahlberichterstattung deutlich. Sie entpuppt sich als die Castingshow mit den niedrigsten Einstiegsbarrieren im deutschen Fernsehen: Jeder, der sich am 23. Mai zwischen zwölf und zwei Uhr auf dem Platz der Republik aufhält, wird vor die Kamera gezerrt – selbst wenn er den unverständlichsten Dialekt der Welt spricht. Er muss die vier Allzweckfragen beantworten, die die Reporter auch auf die prominenten Wahlmänner und -frauen abfeuern: Wer ist Ihr Favorit? Sollte man das Staatsoberhaupt direkt wählen? Ist es nicht Zeit für eine Frau? Was erwarten Sie vom Präsidenten?

Viel mehr fällt auch Sandra Maischberger nicht ein. Sie sitzt ein paar Meter höher für die ARD auf dem Dach des Reichstags zwischen grauen Wolken – ihre Gesprächszelle wirkt wie das Zentrum des Nichts. Ihre Expertenrunde konfrontiert Maischberger mit Überlegungen darüber, woran es genau liegen könnte, dass die Wahl diesmal so schnell von statten geht. „Laufen die Leute schneller?“ Ihr Blick lässt erkennen, dass sie vermutlich lieber eine Sendung mit so etwas wie einem Thema moderiert hätte.

Glücklich ist an diesem Tag, wer RTL schaut. Der Zuschauer sitzt mit Katja Burkhard im sonnigen Monaco und muss sich nur ab und zu kurz ins verregnete Berlin begeben. Doch die wenigen Schalten reichen dem Sender, um die beste Berichterstattung zu bieten. Der Inhalt ist jedesmal der gleiche: Peter Kloeppel macht sich darüber lustig, dass Bundestagspräsident Thierse die Kandidatin Schwan mit „Herr Professor“ vorgestellt hat. Mehr braucht man nicht wissen. Außer dem Ergebnis vielleicht.

Das folgt um 13 Uhr 53: Köhler ist gewählt. Wer ZDF schaut, weiß es schon zehn Minuten früher. Der Moderator hat es geschafft, auch die letzte Spannung entweichen zu lassen, als er auf die Fotografen hinweist, die sich hinter dem Podium in Stellung brachten. „Das passiert nur, wenn das Ergebnis feststeht.“ Na toll.

16 Uhr 15: Der neugewählte Bundespräsident Horst Köhler sitzt in der ARD-Sendung „Farbe bekennen“. Andreas Chichowicz und Fritz Frey fordern ihren Gast rückhaltlos dazu auf, sich zu wiederholen. Köhler nutzt seine Chance und fasst seine Reden der vergangenen Wochen noch einmal zusammen. Kritische Solidarität zu den USA inklusive. Und öfters Nationalhymne singen! Wenig später, im ZDF, kommen ähnliche Fragen, kommen bekannte Antworten. Noch vor der Talkshow „Sabine Christiansen“ ist der neue Präsident ins bundesrepublikanische Gefüge, ins deutsche Fernsehen eingepasst.

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