Castingshow : Wackelnde Absatzmärkte

Beeinflusst der Lena-Hype den Ausgang von "Germany’s Next Topmodel"?

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Darf Laura jetzt nicht mehr „Germany’s Next Topmodel“ werden? Nach allen Regeln der TV-Castingshow müsste sie diesmal den Sieg davontragen – denn die 23-Jährige mit den kurzen blonden Haaren geht Herausforderungen professionell an, zeigt sich jederzeit wandlungswillig und schämt sich nicht, rücksichtslos ehrgeizig zu sein. Sicher, sie ist die „Bitch“ unter den Top fünf, eine kaltherzige Karrieristin, die kaum zur Identifikationsfigur taugt. Aber sie hat alles, was Heidi Klum immer von ihren Kandidatinnen fordert. Darum müsste sie das Finale am 10. Juni für sich entscheiden. Eigentlich.

Seit Oslo aber ist alles anders: Wer jetzt was werden will, sollte so sein wie Lena. Lieb, lustig, locker, ein bisschen frech und sooo süß – das trifft am ehesten auf Hanna zu, das Nesthäkchen der fünften Staffel. In Optik, Alter und Attitüde kommt die 18-Jährige aus Wesel Germany’s New Rolemodel Lena am nächsten. Sie strahlt stets Vorfreude aus, wenn Heidi ihre Mädels in eine harte „Challenge“ schickt, wird es emotional, schießen ihr Tränen in die Augen, und wenn sie mit ihren Modelkonkurrentinnen zum Black-EyedPeas-Konzert gehen darf, rastet sie vor Freude fast aus. Herrlich hemmungslos, fast wie Lena.

Die Bundesrepublik, so wird allenthalben behauptet, sei nicht mehr dieselbe, seit diese junge Frau, die so ist, wie wir alle gerne wären, für uns den Eurovision Song Contest gewonnen hat. Müssen jetzt die Konzepte aller Castingshows umgestrickt werden? Nicht mehr unbedingter Aufstiegswille ist seit Lena Trumpf, sondern Natürlichkeit. Mal eben ein Lied geträllert, lässig den Vorentscheid gewonnen, hinter der Bühne unter Huhahah-Huhaha-Rufen alle Körperteile locker geschüttelt und dann 120 Millionen Fernsehzuschauer auf seine Seite gebracht. Als wär’s ein Flirt.

Erfolg ohne Anstrengung aber ist so selten wie ein Sechser im Lotto. Und geborene Bühnenmenschen, die „das Gesamtpaket“ bereits mitbringen, fallen nur alle Jubeljahre mal vom Himmel. Selbstbewusstsein, Kommunikationsfreude, Souveränität im Umgang mit anderen – das sind Dinge, die sich normale Menschen hart erarbeiten müssen. Heidi Klum ist das beste Beispiel dafür. Sie hat sich mit eiserner Disziplin ganz nach oben gekämpft. Darum wirkt sie auch absolut authentisch als Modelmutti, die ihren Schützlingen immer und immer wieder eines einbläut: Die Regeln machen andere. Da unterscheidet sich das vermeintlich glamouröse Modelleben nicht vom normalen Sachbearbeiterjob. Folglich nützt es wenig, von der Natur begünstigt worden zu sein, wenn man nicht bereit ist, seinen schönen Körper zu Markte zu tragen. Und zwar so, wie der Markt es verlangt.

Das bedeutet: Lächeln, egal welchen Blödsinn der Kunde labert, sofort umsetzen, was dir gesagt wird, so lange widerstandslos funktionieren bis die Scheinwerfer ausgeschaltet sind. Sonst kommt kein Geld in die Haushaltskasse. Sich der „Bild“-Zeitung verweigern oder rotzige Sprüche in Goldene Bücher eintragen, wie es unser Star für Oslo zur Verzückung der Nation getan hat – das geht im Heidi-Universum gar nicht.

Dennoch wird bei „Germany’s Next Topmodel“ keine Anti-Lena gesucht. Sondern ein Mädchen, das auf Wunsch des Auftraggebers eben auch die Lena geben kann. „Wandelbar“ ist Heidi Klums Lieblingswort. Die Kandidatinnen sollen lernen, auf Kommando unterschiedliche Stereotypen abzuliefern, je nachdem, auf welche Zielgruppe das Produkt gerade zugeschnitten ist, das sie verkaufen sollen. It-Girl? Kein Problem. Hippie? Mach ich. Mädchen von nebenan? Kommt sofort. Akademiker mögen solche Als-ob-Posen mit einem Goethe-Zitat beiseite wischen: „Ich sehe keine Spur von Geist und alles ist Dressur.“ In der Branche aber kann man es damit weit bringen.

Es ist ja übrigens auch nicht so, dass sich nicht auch Lena manches abgeschaut hätte von den Castingshows, die ihre Generation geprägt haben: Sie spielt einerseits bewusst mit Erwartungshaltungen, unterläuft gewisse Regeln, vermag aber andererseits auch sofort ihr Lächeln anzuknipsen, wenn das rote Kameralicht aufleuchtet. Und doch taugt sie kaum zum Vorbild: Weil von Lena alle nur wollen, dass sie so bleiben möge, wie sie ist. Lockerheit aber lässt sich nicht lernen, wie man an der bildschönen Alisar aus der „Topmodel“-Top-fünf-Truppe sieht. Dass sie es dennoch so weit geschafft hat, verdankt sie allein ihrem Fleiß. Sie hat wirklich darum gerungen, ihre Defizite wettzumachen, sich weiterzuentwickeln, zur vollständigen Persönlichkeit zu reifen. Nicht die schlechteste Einstellung für ein erfolgreiches Berufsleben.

„Germany’s Next Topmodel“,

20 Uhr 15, Pro Sieben

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