Medien : Castor: Event-Land

Markus Huber

Als am Dienstag die Nacht im Wendland angebrochen war, hatte sich der große Aufwand gelohnt: Die tollen Bilder kamen. Die Wasserwerfer vor dem Bahndamm in Dannenberg spritzten kubikmeterweise Wasserstrahlen. Allerdings nur in die Luft. "Eine Warnung", sagte der Reporter. Die Demonstranten hielten Plastikplanen über ihre Köpfe, um sich sich bei der grimmigen Kälte zumindest vor der Nässe zu schützen. Polizisten standen vor ihnen, zogen grimmige Gesichter und spielten mit ihren Schlagstöcken. Ein aufgeregter Polizeisprecher sagte, dass soeben ein Polizist mit Säure beworfen worden wäre. Eine noch aufgeregtere Rebecca Harms, Fraktionsvorsitzende der Grünen im niedersächsischen Landtag, sagte, dass die Polizisten etwas übermotiviert an ihre Sache gingen. Ein ganz besonders aufgeregter Reporter tauchte vor der Kamera auf und sagte, dass hier alle ganz besonders übermotiviert sind und dass man in den nächsten Stunden mit weiteren Auseinandersetzungen rechnen müsse.

Dienstag abend auf Phoenix, und der "Ereignissender" der Öffentlich-Rechtlichen hatte ein Ereignis, über das zu berichten sich wirklich lohnte. Fast 24 Stunden am Tag berichteten die Mitarbeiter des Gemeinschaftskanals in den vergangenen drei Tagen über die Ereignisse im Wendland, wo die Geschichte der vergangenen Wochen passierte: Der Castor rollte durchs Wendland, Proteste zeichneten sich ab. Was für eine Geschichte. Rund um die Uhr.

Mittwoch morgen, zehn Uhr: Die Sonne scheint, und in Dannenberg ist es tatsächlich saukalt. Es hat knapp über null Grad Celsius, und auf der Wiese neben der Esso-Tankstelle, die im Fernsehen immer als das Basiscamp des Widerstands bezeichnet wird, versuchen sich die Demonstranten mit Tee und Kaffee zu wärmen. Schmutzig ist es hier, überall liegen Schlafsäcke und Isomatten herum. Aber es sind längst nicht so viele Menschen hier, wie das Fernsehen immer vermuten lässt. Dafür sieht man umso mehr Polizisten. An jeder Straßenecke stehen sie und errichten mit ihren grünen Mannschaftswagen Straßensperren. "Kein Durchgang", rufen die Polizisten dann, wenn man sich auf diese Kontrollposten zubewegt. Doch das gilt nicht für alle: Wer eine Kamera auf den Schultern trägt - oder zumindest einen Fotoapparat vor dem Bauch -, der kommt durch, überall. Es sind ziemlich viele Menschen, die in Danneberg überall durchkommen.

Die Stadt befände sich im Ausnahmezustand, heißt es im Fernsehen. Tatsächlich streichen an diesem Vormittag weniger Demonstranten durch die Straßen als Fernsehteams. Von überall sind sie gekommen, nicht nur aus Deutschland. Italiener, Spanier, sogar zwei Reporter des österreichischen Staatssenders ORF sind in Dannenberg eingetroffen, immer auf der Suche nach Einheimischen, die ihren Zorn über die Grünen Minister kundtun. Weil es aber offenbar gar nicht so viele Original-Wendländer gibt, tauchen fast überall die gleichen Original-Wendländer auf. Der 70-jährige Bauer Adolf Lambke - der Herr mit dem weißen Bart und der roten Baseball-Mütze - hat es auf diesem Weg zu fast europäischer Bekanntheit gebracht.

Auf dem Parkplatz neben der Raiffeisen-Tankstelle, an der Ortseinfahrt, haben die Fernsehstationen ihr Basis-Camp errichtet - eine mittelgroße Zeltstadt, in der dicht an dicht die Übertragungswagen parken. Es recken sich derart viele Satellitenschüsseln in den Himmel, dass man fast glauben könnte, die Nasa hätte ihren Weltraum-Bahnhof von Cape Canaveral nach Dannenberg verlegt.

Gegen Mittag kommt Bewegung in den Ort: Über die lokalen Radiostationen, die hier von allen gehört werden, wird verlautbart, dass es in Süschendorf, knapp zwanzig Kilometer nördlich von Dannenberg, zu einer Gleisblockade gekommen ist. Nicht nur die Demonstranten, die noch im Camp verblieben sind, auch die Fernsehteams brechen dorthin auf.

Tatsächlich haben sich in Süschendorf nur unweit von jener Stelle, an der sich in der Nacht vier Aktivisten von Robin Wood mit Betonpfeilern an den Gleiskörpern gekettet hatten, ein paar hundert Demonstranten auf die Gleise gesetzt. Mindestens ebensoviele Polizisten haben sich mittlerweile dort eingefunden - und ein gutes Dutzend TV-Teams. Und als die Polizisten beginnen, die Strecke zu räumen, wird deutlich, warum die Bürgerliste Lüchow-Dannenberg, die die Proteste organisiert, so viel Wert auf gute Pressekontakte legt: Kaum fasst ein Polizist einen Demonstranten etwas ruppiger an, schon setzt ein gellendes Geschrei ein. Sofort sind die Kameras da, und sofort setzen die Polizisten ein freundliches Gesicht auf. Niemand prügelt gerne vor Millionen von Fernsehzuschauern.

Aber auch die Polizei weiß, wie man die Medien gezielt einsetzen kann - und das hat wahrscheinlich dazu geführt, dass der Castor-Transport am Donnerstag morgen in nur neunzig Minuten von Dannenberg nach Gorleben rollen konnte. 1997 brauchte der Castor für die zwanzig Kilometer wegen der Blockaden fast sieben Stunden. Mittwoch abend wurde in den lokalen Radiosendern gesagt, dass die Polizei den Transport erst am späteren Vormittag plane, weil sie sich "eine Pause gönnen" wolle. Als die Polizisten dann auf ihre Pause verzichteten und der Transport bereits um 6 Uhr 41 startete, schliefen nicht nur die meisten Demonstranten - auch bei Phoenix lief eine Wiederholung.

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