Medien : Chapeau für Dr. Emig!?

Zur Tour de France schicken die Sender ihre besten Reporter – wirklich nur die besten?

Heinz Florian Oertel

Wenn der ARD-Tour- Kommentator bereits am ersten Übertragungstag zum Superlativ greift, natürlich im eigenwilligen Schul- Französisch, dann weiß der hörwillige Betrachter gleich, was wieder Sache ist. Dr. Jürgen Emig und die Mikrofon-Mitstreiter Herbert Watterott und Hagen Boßdorf sind auf alljährlicher Reporter-Tour. So, wie die Kollegen von ZDF und Eurosport. Aber, wer bereit ist, tagelang und dabei stundenlang beim Gucken genauer hinzuhören, bemerkt schon Unterschiede.

Alle haben wieder am Marathonmundwerkerkampf tüchtig zu knabbern. Da kommt neben detailliertem kleinen Frust auch großes Mitstöhnen auf. Was sich die genannten Sendeanstalten erneut an riesigem Übertragungsgepäck aufluden, ist für alle Endverkäufer der Senderteams nur schwer zu schultern. Nach alter Fernsehsportübertragungs-Lehre bedeutet das für den Reporter: „Weniger ist immer mehr“. Leicht gesagt … Ich stolperte als Reporter selbst oft genug über diesen Stein der weisen Theoretiker. Legten hier die informierend plaudernden Nachmittagsunterhalter jedoch längere Sprechpausen ein, käme freilich sofort Kritik aus anderen Ecken. Mithin, immer gilt: Allen recht getan, ist eine Kunst, die keiner kann.

Bleibt halbwegs fairen Beobachtern nur das Was und vor allem das Wie auf die Waage zu legen. Daher erweisen sich – keine Überraschung – erneut mangelhafte sprecherische Qualitäten als stärktes Manko. Doch bleiben wir Realisten. Es kann keiner im Ernst annehmen, urplötzlich würden doch noch Intendanten und Chefredakteure ihre erste Sportreporterreihe zur Sprecherziehung delegieren … Oder: Sind etwa die Geschickten nicht die „Crème de la crème“, das Feinste vom Feinen, was ARD, ZDF und Eurosport ins Rennen bringen?

So braucht sich keiner zu wundern, wenn Sprech- und Sprachbenutzungsprobanden wie Emig wieder zum „Chapeau“ greifen, Marsel Wüst zu Wort bittet, Brognosen ankündigt, manches glasse findet. Geschenkt.

Peinlich nur, wenn „Amateursprecher“ wie die Ex-Rennfahrer Marcel Wüst und Rolf Gölz (im ZDF-Team) Erfreulicheres bieten. Rudi Cerne, Ex-Eiskunstläufer und ZDF-Vielbeschäftigter, hier wieder „Frontmann“, fand immer noch nicht jene Lockerheit am Mikrofon, die ihm vormals gute A- und B-Noten einbrachten. Das Beste an den ZDF-Reportern ist die relative Zurückhaltung. Leider konnten sonst bisher fast alle anderen Tour-Begleiter mit vorschnellen Voraussagen und lächerlichen „virtuellen“ Tatbeständen nicht sparsamer, also vernünftiger umgehen. Andererseits darf man staunen, wenn ein Veteran wie Herbert Watterott, der bereits zum 38. (!) Mal kommentiert, überhaupt noch Worte findet. Was er sagt, hat Hand und Fuß, aber …

So ist es angenehm, dass mit Hagen Boßdorf und anderen in den Sendemannschaften eine neue Generation Einzug hät, und dass dabei auch – dann und wann – Frauen in Erscheinung treten. Und Schmückendes wie Kulturbeiträge macht sich immer gut. Landschaftsaufnahmen und Kennzeichnungen, sie bebildern und bilden, wenn dabei die Kirche im Dorf bleibt. Käse-Hinweise sind offensichtlich unverzichtbar. So lange man als Zuschauer und Zurhörer nicht auf den Trichter kommt, Geschwafel als Käsesorte mit einordnen zu müssen.

Aber, bleiben wir willig-positiv. Die wirkliche Klasse beweist sich erst während der Berg-Etappen. Das gilt für Fahrer und Reporter. Da gibt es Steigerungsmöglichkeiten. Für Peter Leissl und Michael Pfeffer beim ZDF, für Karsten Migels und Jens Heppner, beide für Eurosport am Start. Tour-Fahren und Tour- Kommentieren bleibt Tortour. Für dieses Leisten – danke.

Und das besonders wieder allen Kameraleuten. Das technische Herzstück der Sendungen sind die Ü-Wagen. Deren Besatzungen agieren im Dauerstress. Noch mehr rackern, ackern die Bautrupps. Abbauen, transportieren, wieder aufbauen. Das drei Wochen lang. Tag und Nacht. Dafür könnte der Chapeau-Reporter tatsächlich den Hut ziehen. Für diese Helfer wird die Tour zum Tourment, zur Plage. Doch denen winken niemals Preise.

PS: In „Wetten, dass …?“-Zeiten biete ich folgende. Wetten, dass wir nächstes Jahr zur Tour-Zeit erneut Ähnliches lesen und schreiben?

Und noch das: fiktiv, um Himmels willen, ja, total fiktiv … Waswäre eigentlich, wenn RTL oder Sat 1 für uns von der Tour übertrügen? Drei Wochen im Stil der Vierschanzen-Tournee, Tag für Tag jeweils drei bis sechs Stunden! Was täten sie uns an, mit welchen Sprechern? Bloß gut, das andenken zu können. So freue ich mich auf morgen! Mit ARD, ZDF und Eurosport.

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