Charity-TV : Singen für Erdbebenopfer

Stars, Wohltätigkeit und die Medien – eine Verbindung, die sich für alle Seiten lohnt. Kritiker gibt es trotzdem

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Bei Anruf Spende. Die Sängerin Sarah Connor vor ein paar Wochen in der ZDF-Gala „Wir wollen helfen - Ein Herz für Kinder“. In der...ddp

Zehn Tage nach dem Erdbeben in Haiti, bei dem im Januar mehr als 200 000 Menschen starben, erlebte die Öffentlichkeit eine Fernsehshow gigantischen Ausmaßes. Weltstars wie Sting, Bruce Springsteen, Alicia Keys, Shakira, Madonna und Bono standen Schlange, um ihr Mitgefühl in Songs zu verpacken und das Fernsehpublikum zum Spenden aufzurufen. In London, Los Angeles und New York standen die Promis gleichzeitig auf der Bühne und baten um Geld für das verwüstete Land. Das Spektakel wurde von zahlreichen Fernsehsendern weltweit übertragen. Mehr als 40 Millionen Euro brachte der Spendenmarathon ein.

In einem ähnlichen Fernsehformat – allerdings im kleineren Umfang – im ZDF kamen knapp 18 Millionen Euro zusammen. Zum Vergleich: Die Bundesregierung gab zehn Millionen für die Katastrophenhilfe in Haiti aus. Wie hätte die Spendenwilligkeit der Deutschen und der Menschen auf der ganzen Welt wohl ohne dieses übergroße Aufgebot an schön geschminkten und gut gekleideten Menschen ausgesehen? Klar ist wohl, dass die Promi-Masche zieht. Bekannte Gesichter öffnen die Portemonnaies der Menschen. Und wenn es darum geht, Gutes zu tun, lassen sich Stars in der Regel auch nicht lange bitten – nicht zuletzt, weil sie selbst auch etwas davon haben.

Eine „Win-win-Situation“ nennt das Günter Bentele, Professor für Öffentlichkeitsarbeit und Public Relations an der Uni Leipzig. Die Hilfsorganisationen profitieren, weil sie mit ihren prominenten Vertretern auf sich und ihr Spendenkonto aufmerksam machen. Die Stars bekommen dank ihres Charity-Engagements ein Image, das sie beliebt macht, in die Medien bringt und ihren Marktwert steigert. Nicht zuletzt, sagt der Professor, hätten natürlich auch die Medien ein Interesse daran, sich mit dem Glamour der hilfsbereiten Berühmtheiten zu schmücken. Kein Wunder, dass jede größere Hilfsorganisation bekannte Gesichter als Unterstützer hat und dass die Zahl der Promis, die für Erdbebenopfer singen, nach Afrika fahren oder ihr Gesicht für Kampagnen hergeben, immer größer zu werden scheint. Dabei nutzen einige Promis Charity-Kampagnen wohl auch, um von eigenen Verfehlungen abzulenken. „Paris Hilton hat sich nach ihrem Gefängnisaufenthalt plötzlich wohltätig engagiert. Da steckten auch strategische Überlegungen dahinter, um die eigene Weste wieder weißzuwaschen“, sagt Bentele.

Andere Stars wiederum seien durchaus glaubwürdig in ihrem Engagement. Diese zu finden, ist für Hilfsorganisationen eine Herausforderung. „Wir suchen nicht einfach nur Prominente, sondern unsere Unterstützer müssen noch andere Attribute haben“, sagt Tobias Kahler, Deutschland-Direktor der Lobby-Organisation „One“, die gegen Armut in Afrika kämpft. Leute, die für „One“ werben, müssten jenseits ihrer Prominenz auch über die Ziele der Organisation Bescheid wissen und politisches Gespür mitbringen, sagt Kahler. Auch Jörn Kalinski, verantwortlich für Lobby- und Kampagnenarbeit bei Oxfam Deutschland, gibt zu: „Glaubwürdige Unterstützer, die auch zu unserem Image passen, sind nicht leicht zu finden.“ Jemand wie Chris Martin, Sänger der Band Coldplay, der einerseits in der Öffentlichkeit beliebt ist und sich andererseits lange an die Organisation binde, sei ein Hauptgewinn. Den Hauptnutzen der Stars für die Hilfsorganisationen sieht PR-Professor Bentele darin, dass sie mit ihrer Prominenz helfen, auf Themen aufmerksam zu machen, die sonst nicht im Rampenlicht stünden. Topstars, die sich in Afrika mit Babys ablichten lassen oder millionenschwere Sänger, die auf der Bühne weinen, wenn sie über das Elend in Haiti singen – das alles gehört dazu. Auch Tobias Kahler nimmt das in Kauf. „Das Charity-Engagement von Stars hat zum Teil auch absurde Züge. Aber das eigentlich Absurde ist der Umstand, dass eine Milliarde Menschen auf der Welt in extremer Armut leben.“ Prominentester Unterstützer von „One“ ist Bono, Sänger der Rockband U2. Bono trifft sich mit den mächtigsten Staats- und Regierungschefs dieser Welt und – wenn es sein muss – auch mit dem Papst.

Der Politologe Bastian Timm hat sich mit dieser Art des Promi-Engagements auseinandergesetzt und festgestellt: Stars wie Angelina Jolie, George Clooney, Bob Geldof oder Bono sind in der Lage, Einfluss in der politischen Arena zu nehmen. Sie lenkten mit Hilfe der Medien das Augenmerk der Öffentlichkeit auf Katastrophen und übten politischen Druck aus. „So wurde Bono nach dem G-8-Gipfel 2005 von den Medien gefeiert, als die Staaten in ihrer Abschlusserklärung versprachen, die Entwicklungshilfe für Afrika um 50 Milliarden Dollar pro Jahr bis 2010 zu erhöhen“, schreibt Timm. Am Ende des Buches wirft er allerdings die Frage auf, wer die Stars dazu berufen hat, für die Armen zu sprechen. Rein juristisch habe sie niemand gewählt. Das stört auch einige Afrikaner selbst, wie die Entwicklungshilfekritikerin Dambisa Moyo aus Sambia, die fragt: „Wie würde die US-Regierung reagieren, wenn Amy Winehouse anfangen würde, ihr zu erklären, wie man der Kreditklemme entkommt, und die Leute ihr auch noch zuhörten? Sie wären zutiefst verstört.“

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