Charlotte Roche" : "Am besten im engen Korsett"

Im September löst Charlotte Roche in der Talkshow „3 nach 9“ Amelie Fried ab. Was sie über ihren neuen Job an der Seite von Giovanni di Lorenzo denkt.

Sonja Pohlmann
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Schockiert gerne. Charlotte Roche löst am 11. September Amelie Fried als Moderatorin bei „3 nach 9“ (NDR, 22 Uhr) ab. Foto: ddp

Frau Roche, nach dem Erscheinen Ihres Schockromans „Feuchtgebiete“ haben Sie gesagt, dass Sie nie wieder Fernsehen machen wollen. Warum jetzt doch?

Vielleicht habe ich das aus vorauseilendem Gehorsam gesagt, weil ich dachte, dass mir nach dem Buch nie wieder etwas angeboten wird. Als Radio Bremen dann ganz devot angefragt hat, ob ich nicht doch Lust auf „3 nach 9“ hätte, habe ich sofort ja gesagt. Es ist ein seltenes Glück, das so eine Stelle überhaupt frei wird. Und Interviews zu machen, ist ja das, was ich meiner Meinung nach am besten kann.

Sie sind für Ihren ungehemmten Moderationsstil bekannt, haben Robbie Williams gefragt, ob seine eigene Musik zu hören so ist, wie sein eigenes Sperma zu trinken. Aber bis jetzt mussten sie auf einen prominenten Talkshowplatz warten.

Mir wurden immer wieder junge, flippige Sendungen angeboten, aber dazu hatte ich einfach keine Lust. Von vornherein auf das Verrückte festgelegt zu sein, ist langweilig. Ich funktioniere viel besser in einem engen Korsett, beispielsweise bei der Moderation der Berlinale-Show, da blühe ich total auf, weil ich da überhaupt erst etwas sprengen kann.

Und jetzt wollen Sie das öffentlich-rechtliche Publikum schockieren?

Nein, überhaupt nicht. Womöglich schockiere ich aber schon, bevor ich überhaupt den Mund aufmache. Alleine, weil ich da sitze oder durch mein Alter. Aber wenn ich das Gefühl habe, ein Gespräch wird zu langweilig, dann kommen solche Dinge wie bei Robbie Williams raus. Ich will das nicht kontrollieren, auch nicht bei „3 nach 9“. Und ich schätze, dass der Sender weiß, wen er eingekauft hat.

Hat Ihnen der Erfolg von „Feuchtgebiete“ sogar geholfen, den Job zu bekommen?

Das weiß ich nicht. Ich hätte gedacht, dass sich das Buch eher negativ auswirkt. Aber Radio Bremen und dem NDR war ja auch meine Seite als Moderatorin bekannt, für die ich vorher stand.

Sie bekommen keine Vorschriften vom Sender, vor laufender Kamera nicht nach dem Geschmack von Sperma zu fragen?

Nein, ich schwöre beim Leben meiner Kinder, dass kein Mensch zu mir gesagt hat, bremse Dich. Ich werde da jetzt aber auch nicht sitzen wie eine 15-Jährige und die ganze Zeit über Ficken und Bumsen reden. Ich will mich ja nicht lächerlich machen vor meinem älteren Publikum.

Charlotte Roche will nicht mehr provozieren?

Ich will ernsthafte Gespräche führen mit interessanten, guten Gästen. Aber ich hoffe auch, dass ich da mal ein paar Haken schlagen kann. Zu dieser Sendezeit geht es ja auch darum, dass die Zuschauer nicht am Fernseher einschlafen oder umschalten.

Was macht denn eine gute Talkshow überhaupt aus?

Problematisch ist, das Gäste nur in Talkshows kommen, wenn sie etwas zu promoten haben. Dann wollen die nicht über interessante Sachen reden, sondern über ihr Produkt. Das ist tötend für ein Gespräch. Deshalb finde ich alte Talkshows so toll, da wurde geraucht und gesoffen und die Leute haben sich eingemischt. Heute haben die Leute zu viel Respekt voreinander, die sind zu nett.

Warum glauben Sie, dass Sie zusammen mit Giovanni di Lorenzo, der auch „Zeit“-Chefredakteur und Tagesspiegel-Mitherausgeber ist, als Moderatorenteam funktionieren?

Ich hab mich mit ihm getroffen, wir haben uns gut unterhalten. Ich habe wahnsinnig Respekt vor ihm, der ist ein superkluger sympathischer Mann, aber wir arbeiten komplett anders. Ich muss mich abgrenzen.

Am Ende doch mit den eher unappetitlichen Themen?

Darauf will ich mich selbst gar nicht so stark konzentrieren. Das ist nach „Feuchtgebiete“ so stark thematisiert worden, dass es mir selber auf die Nerven geht.

Also ist die „3 nach 9“-Moderation ein Versuch, das Image als Skandalautorin loszuwerden?

Ich hab'' mir über mein Image nie Gedanken gemacht, aber merke jetzt natürlich, dass dieser extreme, provozierende Teil durch das Buch weit nach vorne getreten ist. Ich hab'' ja auch schon früher moderiert und Leute interviewt und klar ging es dabei auch mal um Sperma, aber meistens um Musik und Literatur. Durch das Buch bleiben die Sperma-Sachen hängen. Aber ich habe ja noch viele Jahre Zeit, den ganzen Dreck von mir abzuwaschen.

Das Gespräch führte Sonja Pohlmann.

Als Moderatorin der Sendung „Fast Forward“ bei den Musiksendern Viva Zwei und Viva wurde Charlotte Roche, 31, 1998 bekannt. Für ihren unkonventionellen Moderationsstil erhielt sie den Bayerischen Fernsehpreis und den Adolf-Grimme-Preis. Nachdem die Sendung 2004 abgesetzt wurde, war Roche unter anderem bei Pro7, Arte und 3sat zu sehen. Im Februar 2008 erschien ihr Roman „Feuchtgebiete“, der sich um Themen wie Masturbation, Intimrasur und Analverkehr dreht. Das Buch verkaufte sich mehr als eine Millionen Mal.

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