Charme-Offensive : Journalisten-Nachhilfe

Das soziale Netzwerk Facebook umwirbt die Medien mit einer Online-Akademie. Sogar Mark Zuckerbergs Schwester Randi macht mit.

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Mark Zuckerbergs Schwester Randi interviewt den „New York Times“-Journalisten Nicholas Kristof zu seinen Erfahrungen im Umgang mit Facebook. Screenshot: Tsp
Mark Zuckerbergs Schwester Randi interviewt den „New York Times“-Journalisten Nicholas Kristof zu seinen Erfahrungen im Umgang mit...

Das Verhältnis zwischen Facebook und den Medien ist nicht immer das beste. Das mag in Deutschland mit der Datenschutzdebatte zusammenhängen, ansonsten aber eher mit dem Unbehagen, das Menschen empfinden, wenn ein einzelnes Privatunternehmen die Kontakte von über einer halben Milliarde Mitgliedern abwickelt. Vor kurzem hat Facebook nun eine Charme-Offensive gestartet. Dazu gehört die vor einer Woche ins Leben gerufene Online-Akademie für Journalisten. Das Programm „Journalists on Facebook“ soll den Medienschaffenden den Umgang mit Facebook als Rechercheinstrument und PR-Bühne nahebringen. Tatsächlich wird das Programm erstaunlich gut angenommen: Über 44 000 Facebook-Nutzer signalisierten via „Gefällt mir“-Button ihre Zustimmung. Mehr als tausend Journalisten aus aller Welt trugen sich in eine Liste ein, um über virtuelle und reale Facebook-Workshops informiert zu werden.

Einer, der Facebook bereits ausgiebig nutzt, ist Wolfram Weimer, Chefredakteur des Magazins „Focus“: „Mein Facebook-Profil hat einerseits eine Werbefunktion für das Blatt. Anderseits stärkt sie die Leser-Blatt-Bindung, wenn wir zum Beispiel am Freitag darüber abstimmen lassen, welche Karikatur im nächsten Heft gedruckt wird.“ Zudem ist die Seite eine Art Seismograph für Themen und Trends, wenn dort beispielsweise Fragen zum Ausstieg aus der Atomenergie oder zur Zukunft des FDP-Chefs gestellt werden. „Wenn ich darauf in einer Stunde 80 Kommentare zur Atomenergie und nur acht zu Westerwelle erhalte, weiß ich, welches Thema im Moment heißer ist.“

Von seiner Redaktion erwartet der „Focus“-Chefredakteur, dass die Journalisten Facebook, Twitter und Co. systematisch und offensiv nutzen, vor allem als Recherchequelle, aber auch, um „Focus“ und seine Journalisten im Netz zu branden. „Die vier Kollegen, die auf focus.de regelmäßig Talkshows kommentieren, haben eine eigene Facebook-Seite namens Focus-Fernsehclub, die dieses Format bekannter macht. Oder wie Tagesspiegel-Online-Chef Markus Hesselmann sagt: „Facebook ist wie Twitter nicht nur eine Chance, unsere Leser-Community zu erweitern. Wir nutzen die sozialen Netzwerke vor allem auch, um Anregungen für unsere Recherchen zu bekommen."

Auch international gehört ein Facebook-Profil für viele Journalisten zum guten Ton. Auf der Journalistenseite von Facebook wird auf die Seiten von Arianna Huffington, Betreiberin der gerade von AOL gekauften „Huffington Post“, oder Christiane Amanpour von ABC und Jennifer Preston von der „New York Times“ hingewiesen.

Die Bedeutung von Facebook oder Twitter stellt mitunter alte Gewissheiten in Frage. So waren einige Hauptstadtjournalisten überrascht, als Regierungssprecher Steffen Seibert einen bevorstehenden Reisetermin von Kanzlerin Merkel via Twitter mitteilte. In der Bundespressekonferenz fragten sie konsterniert, ob sie neben Fax und Mail nun auch noch Twitter ständig im Blick haben müssten.

„Das ist auf gar keinen Fall ein Volkshochschulkurs für Journalisten“, will Tina Kulow, die deutsche Sprecherin von Facebook, falschen Erwartungen entgegenwirken. Vielmehr seien in Gesprächen mit Journalisten immer wieder Fragen aufgetaucht, was man mit Facebook machen kann, um mit Lesern in Kontakt zu treten oder gar neue Leser zu gewinnen. In den USA findet bereits am 27. April in Palo Alto am Firmensitz von Facebook ein erster Journalisten-Workshop statt. Auch in Deutschland ist ein solches Treffen in Planung, „wenn auch zuerst als Testballon“, wie Kulow sagt.

Bislang wird mit Fallbeispielen operiert. Der britische „Independent“ demonstriert die Funktion des „Like“-Buttons, das amerikanische National Public Radio hat auf Facebook Erfahrungen mit Umfragen gesammelt. Randi Zuckerberg, die Schwester von Facebook-Chef Mark Zuckerberg, hat mit bekannten Journalisten wie Nicholas Kristof von der „New York Times“ und Arianna Huffington Interviews zum Umgang mit Social Media geführt. Daneben wird den Journalisten gezeigt, wie sie neben ihrem privaten Facebook-Profil eine zusätzliche professionelle Seite in Facebook betreiben können oder wie die Verlinkung der eigenen Inhalte über Plug-ins erleichert wird.

Der Deutsche Journalisten-Verband DJVsieht die Facebook-Offerte mit zwiegespalten Gefühlen. Das Angebot sei sicherlich hilfreich für Journalisten, die zuvor mit dem Thema Social Media weniger zu tun gehabt haben. „Es biete einen schnellen Einstieg in das Thema“, lobt DJV-Sprecher Hendrik Zörner. Zugleich aber bestehe die Gefahr, dass sich Journalisten durch das Facebook-Angebot in eine bestimmte Richtung lenken zu lassen: „Über die Themen aber müssen die Journalisten allein entscheiden.“

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