Chatten : Kreativ an der Tastatur

Lange dachte man, Chats und Kurznachrichten ließen die Sprache verfallen. Die Forschung zeigt: Das Gegenteil ist der Fall. "Ordentliches Deutsch" wird auch im Netz wieder häufiger.

Wie bitte? Einige Chatkürzel sind universell, aber viele Gruppen im Netz entwickeln auch ihre eigenen Kürzel.
Wie bitte? Einige Chatkürzel sind universell, aber viele Gruppen im Netz entwickeln auch ihre eigenen Kürzel.Grafik: Anikka Bauer /Tsp

Alle haben allen etwas mitzuteilen, ständig, dauernd, überall. Über den Kurznachrichtendienst „WhatsApp“ werden stündlich 41 Millionen Mitteilungen verschickt. 100 Millionen Menschen sind weltweit bei Twitter angemeldet. Facebook hat gerade die Milliardenmarke geknackt. Und selbst die SMS ist beliebt wie nie: 55 Milliarden Botschaften verschickten allein deutsche Nutzer im letzten Jahr. Das entsprach laut Bundesnetzagentur einer Steigerung von dreißig Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Chattiquette

Es ist, als habe die Menschheit das Schreiben neu entdeckt. Und als hätte sie dabei vor lauter Begeisterung die genormte Schriftsprache über Bord geworfen. Kleinschreibung, Abkürzungen, fehlende Artikel und verkürzte Syntax zeichnen die schriftlichen Unterhaltungen aus, geschmückt sind die Dialoge dafür mit grinsenden Gesichtern oder auf der Seite liegenden Gefühlsbekundungen. Ich schenk dir mein Herz? Das schreibt man jetzt so: *heul* oder *tröst*? Wann und wozu werden lachende, zwinkernde oder weinende Smileys – die sogenannten Emoticons – eingesetzt? „Eine Zeit lang ging man davon aus, dass in der Chatkommunikation im Gegensatz zum mündlichen Gespräch etwas fehlt“, erklärt Georg Albert von der Universität Landau, „und dass diese fehlende Verständigungsebene von den Nutzern unter anderem mit Emoticons aufgefüllt werden müsse.“ Aber ganz so eindeutig, meint der Wissenschaftler, sei die Sache nicht. Smileys und Konsorten führen längst ein ästhetisches Eigenleben.

Eine andere gängige Forschungsmeinung lautete: Es ist alles der Geschwindigkeit geschuldet. Typische Merkmale wie Kleinschreibung, Wortabkürzungen oder unvollständige Sätze entstünden vor allem aus Platzmangel. Oder weil die Schnelligkeit der Dialoge keine Zeit lässt für korrekte Schreibweisen. Albert, der seit Jahren Internetunterhaltungen analysiert, glaubt das nicht. „Viele Stilmerkmale sprechen gegen die Geschwindigkeitsthese.“ Die Nutzer lieben es zum Beispiel, ellenlang Ausrufezeichen oder Buchstabenwiederholungen aneinanderzureihen. „Andere schreiben absichtlich im Dialekt, obwohl es länger dauert, die Worte zu tippen. Und sie auch für das Gegenüber schwerer lesbar sind.“ Schwerer zu entziffern – aber möglicherweise unterhaltsamer. Und darum scheint es zu gehen.

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