Chefredaktion "Emma" : Alice im Wunderland

Der Fall Ortgies: Zwei Monate war sie Chefredakteurin bei "Emma", nun sitzt Alice Schwarzer wieder auf dem Chefsessel. Eigentlich hat sie ihn nie richtig verlassen. Die Berichterstattung über das Wechselspiel passt Schwarzer aber nun gar nicht, zu negativ. Der Versuch, alles richtig zu stellen.

Joachim Huber
Schwarzer und Ortgies Foto: dpa
Wechsel bei "Emma": Alice Schwarzer (links) und Lisa Ortgies. -Foto: dpa

Alice Schwarzer hat sich ein Schweigegelübde auferlegt. „Ab jetzt wird Emma nicht mehr Stellung nehmen zu dieser Angelegenheit des gescheiterten Versuchs einer neuen Chefredaktion“, ist der Schlusssatz in einer mehrseitigen „Chronik der Ereignisse“ vom Montag, wieso Lisa Ortgies nicht Chefredakteurin des feministischen Monatsmagazins bleiben konnte. Der letzte Gang in die Öffentlichkeit war für Alice S. notwendig geworden, um den „kursierenden Gerüchten und klischeehafter Berichterstattung wie im ,Spiegel’ ganz schlicht Fakten entgegenzuhalten“.

Und das ist die Wahrheit, wie Alice Schwarzer sie sieht. Im Sommer 2007 wurden sich „Emma und Ortgies einig, dass die Autorin und TV-Moderatorin 2008 als Chefredakteurin bei Emma beginnt“. Am 1. Januar verschob sich der Arbeitsbeginn aus familiären Gründen, am 1. April trat Ortgies an. Schwarzer wollte sie einarbeiten, weil die sehr geschätzte Autorin „bis dahin noch nie als Redakteurin oder Ressortleiterin, geschweige denn als Chefredakteurin gearbeitet hatte“. Die Frage, warum die jahrzehntelange Verlegerin, Chefredakteurin und Herausgeberin Schwarzer auf Ortgies trotz mangelnder Qualifikation verfallen war, wird in der Chronik nicht erörtert. Egal, vom 21. April bis zum 12. Mai arbeitete Ortgies von Hamburg aus für „Emma“, ihre Vorschläge, die sich vor allem im Bereich Beruf und Familie bewegten, seien ausnahmslos aufgenommen worden.

Am 13. Mai trat Ortgies erneut bei „Emma“ in Köln an. Bereits zwei Tage später baten die Mitarbeiterinnen Schwarzer um ein Gespräch. „Sie legen dar, dass Lisa Ortgies nach diesen ersten konkreten Erfahrungen leider – und ganz und gar überraschend für alle – ungeeignet scheint für die Tätigkeit einer Chefredakteurin.“ Schwarzer teilte inzwischen diese Einschätzung, hatte die Hoffnung aber noch nicht ganz verloren und wollte abwarten. Nur bis zum 29. Mai, 18 Uhr, dann wurde Ortgies der Vorschlag einer Aufhebung der Chefredaktion bei Fortsetzung der Autorenschaft unterbreitet. Tatsächlich „erwidert daraufhin Lisa Ortgies: ,Ich wollte auch schon kündigen‘ – und holt einen Umschlag mit einer Kündigung aus der Hosentasche“.

Jetzt ging es im Stundentakt weiter. Mails von Köln nach Hamburg, erste Meldungen der Trennung, missglückter Versuch einer „einvernehmlichen Trennung“ und ein Sprecher von Lisa Ortgies, der „die Medien mit fantasievollen falschen Behauptungen füttert“, wie es in dem hagiografischen Text aus der „Emma“-Stube heißt. Und all das Ungeheure passierte, während die Redaktion gerade an der Fertigstellung der Juli/August-Ausgabe saß – „allen voran Alice Schwarzer, die ihren Posten als Chefredakteurin selbstverständlich keinen einzigen Tag verlassen konnte, sondern im Gegenteil mit der doppelten Aufgabe beschäftigt war: dem Machen von Emma und der Einarbeitung der Neuen“.

Alice Schwarzer wird „Emma“ niemals aus der Hand legen. Das ist jetzt beglaubigt und besiegelt. Joachim Huber

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