Medien : Chi Gong im Bademantel

Der neue „Bloch“: Dieter Pfaff bekommt es als TV-Psychologe mit einem verstörten Mädchen zu tun

Katrin Hillgruber

„Alles ringsum – die grünen Bäume, die hellen Häuser der gemütlichen Stadt, die wellenförmigen Berge –, alles lag festlich und überreich in den Strahlen der wohlmeinenden Sonne; alles lächelte wie in blindem Vertrauen, zuversichtlich und liebevoll, und das gleich unbestimmte, doch gütige Lächeln schwebte auf den menschlichen Gesichtern, jungen und alten, hässlichen und schönen.“ In diesen hehren Tönen lobte Iwan Turgenjew 1868 in dem Roman „Rauch“ seine Wahlheimat Baden-Baden. Zuversichtlich, liebevoll und mit einem gütigen Lächeln beginnt auch der Psychologe Maximilian Bloch (Dieter Pfaff) seine Tage in Baden-Baden, am liebsten mit Chi Gong im Bademantel unter einem Baum seines weitläufigen Anwesens. Und er ist ein begabter Interpret von Gesichtszügen, stets bestrebt, das gestörte Gleichgewicht zwischen seinen Mitmenschen wiederherzustellen – ganz wie beim fernöstlichen Gesundheitssport.

Wenig später wird Bloch aus seiner Kontemplation vor einem Hähnchengrill in der Baden-Badener Fußgängerzone herausgerissen, als ihn ein 15-jähriges Mädchen mit dem Skateboard anfährt. „Wie wär’s mit einer Entschuldigung?“, ruft er ihr hinterher, wohlwissend, dass Entschuldigungen als „uncool“ gelten. Als Bloch sich auf den Schrecken hin ein Brathähnchen gönnen will, bemerkt er, dass ihm sein Portemonnaie gestohlen wurde. Er macht sich auf die Suche nach der Diebin und gerät, wie es seine Art ist, ins ruhige und beharrliche Gespräch mit einer tief verunsicherten Pubertierenden. Sonja, in ihrer Verzweiflung an der Erwachsenenwelt von Janina Stopper höchst authentisch gespielt, erzählt ihm von ihrer angeblichen Kinderheim-Vergangenheit als verlassene Tochter einer Prostituierten. Bloch glaubt es jedoch mit einem Mädchen aus gutem Hause zu tun zu haben. Um Sonjas Verstörung auf den Grund zu gehen, nimmt er sie zu einem Konzert seiner Tochter Leonie (Katharina Wackernagel) mit und lässt sie bei sich übernachten. Am nächsten Morgen sind außer Sonja auch der Inhalt des Kühlschranks sowie der Schmuck von Blochs Lebensgefährtin Clara (Ulrike Krumbiegel) verschwunden. Ist das der Dank für so viel Toleranz? Andere würden an diesem Punkt aufgeben, doch Blochs pädagogischer wie detektivischer Ehrgeiz ist geweckt. Er interpretiert Sonjas Missetaten als Hilferuf und sucht ihre Familie auf, wobei der Vater von vornherein abblockt. Bloch möchte das Geheimnis dieser implodierenden gutbürgerlichen Familie herausbekommen: Haben die Eltern ihre ältere Tochter nie allein gelassen? Warum behauptet sie so hartnäckig, adoptiert worden zu sein?

Als Bloch nach und nach die Unterstützung von Sonjas Mutter gewinnt, beschimpft ihn der Vater als Mischung aus Staubsaugervertreter und Guru. Da hat er nicht ganz Unrecht. Sätze wie „Wir haben Zeit. Die Essgestörten treffen sich erst in einer halben Stunde“, „Die kleine Schwester hat eine hohe Sozialkompetenz“ oder die wiederholte Feststellung „Sie ist auf einem guten Weg“ erlangen auf die Dauer eine unfreiwillige Komik. Auch der Überraschungsgast im Hause Bloch, ein Jugendfreund in der Ehekrise, hat am Ende nur eine dringende Bitte: „Darf ich dich umarmen?“

Die lose Psychologenreihe „Bloch“, von dem verstorbenen Fassbinder-Drehbuchautor Peter Märthesheimer erfunden, stellte von Anfang an ein statisches Wagnis dar. „Wut“, der neunte Film der in Baden-Baden und Köln (dem Wohnort von Blochs Tochter) angesiedelten Reihe, wurde von Christoph Stark nach einem Drehbuch von Jochen Bitzer inszeniert. Er wiederum orientierte sich an dem psychologischen Lehrwerk „Suche nach Liebe und Inszenierung von Ablehnung“ – man glaubt das sofort, wenn man zusehen muss, wie Sonja in ihrer Panik mit bloßen Händen eine Glastür durchstößt. Das ist in seiner pädagogischen Absicht alles sehr lobenswert und doch auch schnell zu durchschauen. So kommt im milden Baden-Badener Licht therapeutische Langeweile auf.

„Bloch: Die Wut“, Mittwoch,

ARD, 20 Uhr 15

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