China : Internet-Fanpost für Taotao und Baobao

Chinas Ein-Parteien-Diktatur übt Mediendemokratie - mit einem Forum im Internet-Portal "Volksnetz".

Bernhard Bartsch[Peking]

Wenn ein Volk seinen Politikern Spitznamen verpasst, dann selten schmeichelhafte. Helmut Kohl hieß „Birne“, Margot Honecker „Miss Bildung“ und Bill Clinton „Slick Willy“, also „glitschiger Willy“, was einen phallischen Beigeschmack hat. Da hat Chinas Kommunistische Partei es besser: Sie wird derzeit mit Liebesbotschaften überschüttet. Denn das jüngste chinesische Internetphänomen ist Fanpost an die Führung, insbesondere an „Taotao“ und „Baobao“, so die zärtlichen Kosenamen der Onlinegemeinde für Präsident Hu Jintao und Premier Wen Jiabao.

Vor wenigen Tagen eröffnete das offizielle Portal „Volksnetz“ ein Forum, das speziell für Zuschriften an das Spitzenduo gedacht ist. In den ersten fünf Tagen erhielt das virtuelle Poesiealbum fast vier Millionen Klicks; zeitweise brach das System unter dem Ansturm sogar zusammen. Zehntausende hinterließen Einträge. „Zwei Führer, zwei Großväter, zwei Verwandte, zwei Freunde – Premier und Präsident, wir stehen für immer hinter euch!“ schrieb ein Benutzer, ein anderer: „Ihr seid Chinas Dreamteam!“ Präsident Taotao wird wahlweise auch als „Lokomotive der Entwicklung“ oder „Glück der Nation “ bezeichnet, Regierungschef Baobao als „Vorbild der Beamten“ und „Hoffnung des Volkes“. Jeder Eintrag wird mit einem persönlichen ausdruckbaren Zertifikat belohnt. „Shi Jin Ba Bao“ heißt die Seite, was in etwa „reich und kostbar“ bedeutet und gleichzeitig ein Wortspiel auf die Vornamen von Hu („Jin“) und Wen („Bao“) ist.

Freilich singt der Chor der Bewunderer nicht ohne die Leitung der staatlichen Propagandabehörden, die alle Einträge sichten und viele selbst verfassen dürften. Doch die Ursprünge der Tao-Bao- Mania liegen tatsächlich in der virtuellen Ursuppe chinesischer Chatforen. Weil über Chinas Führer wenig Privates bekannt ist, machte das Volk sich selbst auf die Suche nach Details, und da negative Einträge von Chinas Internetpolizei schnell gelöscht werden, blieben nur die liebenswürdigen stehen. Etwa Bilder, die zeigen, dass Wen seit über zehn Jahren die selben weißen Turnschuhe und den selben grünen Winteranorak trägt. Oder eine Aufnahme des Premiers als jungem Mann am Strand, in lässiger Pose und mit verträumtem Blick, was ihm Vergleiche mit Schmusesängern und Leinwandstars einbrachte. Oder ein Klassenfoto von Hu, auf dem der heutige Präsident unauffällig bei den Mädchen sitzt statt in der Reihe der Jungen.

Was lange ein Spaß für wenige war, wurde im Mai zum Hype. Nach dem verheerenden Erdbeben in der Provinz Sichuan, bei dem fast 70 000 Menschen starben, porträtierten die Staatsmedien den Premier als obersten Krisenmanager und die berührte Internetgemeinde zog mit. Mehrere Blogger eröffneten für „Großvater Wen“ eine eigene „Fanba“ – ein chinesischer Anglizismus für „Fan-Bar“. Auch auf der Kontaktwebsite Facebook tauchte ein Profil des Premiers auf; schon nach wenigen Tagen hatte er 12 000 Freunde. Zwar ließ die Regierung den Facebook-Eintrag bald sperren, doch die Macht des Mediums hatte sie inzwischen erkannt. Ende Juni chattete Hu erstmals live mit seinem Volk. Nun kann er sich täglich im Internet schmeicheln lassen.

Einige Chinesen erinnert der Persönlichkeitskult dennoch an schlimme Zeiten. „Sind diese Kinder so naiv, dass sie sich nicht einmal mehr an die Roten Garden unter Großvater Mao erinnern“, schreibt ein Blogger. Die junge Generation antwortet umgehend: „Wir sind keine Roten Garden – das hier ist demokratischer Fortschritt. Mao hätte sich schließlich niemals Maomao nennen lassen.“ Bernhard Bartsch, Peking

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