Medien : Chirac als bester Kunde

Auch AFP macht Verluste, doch ihr Fortbestehen ist ein Politikum

Holger Alich[Paris]

Wenn heute der Verwaltungsrat der französischen Nachrichtenagentur Agence France Presse (AFP) zusammentritt, ist dies alles andere als ein Routinetermin: Es geht um die Zukunft der drittgrößten Nachrichtenagentur der Welt. Zum einen muss der Verwaltungsrat heute entscheiden, wie das Finanzloch von mittlerweile 52 Millionen Euro gestopft werden soll. Hinzu kommt eine wichtige Personalie: Denn am heutigen 10. Oktober läuft das Mandat des amtierenden Generaldirektors Bertrand Eveno aus.

Weltweit leiden auch die Nachrichtenagenturen unter der Medienkrise. So erlitt der britische Konzern Reuters vergangenes Jahr erstmals seit seinem Börsengang 1984 einen Verlust von 394 Millionen Pfund. Reuters erwirtschaftet allerdings nur rund zehn Prozent seines Umsatzes mit dem Nachrichtengeschäft, der Löwenanteil stammt aus Finanzinformationen zum Beispiel für Banken, die die Reuters-Terminals im Aktienhandel einsetzen. Auch die Deutsche Presseagentur (dpa) verzeichnet Umsatz- und Gewinnrückgänge und wird unter Druck gesetzt, das Angebot flexibler und preisgünstiger zu gestalten. Doch weist die Lage bei AFP einige Besonderheiten auf. So ist die französische Agentur tief in die roten Zahlen gerutscht, obwohl das Unternehmen leicht steigende Umsätze verbucht. Nach 253,07 Millionen Euro im Jahr 2002 rechnet das Management mit knapp 254 Millionen Euro Umsatz in diesem Jahr.

Eine Bastion gegen die Angelsachsen

Der Hintergrund: AFP kann sich auf einen sehr treuen Kunden stützen – den französischen Staat. Er abonniert AFP für seine Botschaften und Ministerien und spült der Agentur so knapp vierzig Prozent der Einnahmen in die Kasse. Um AFP zu helfen, hat sich die Regierung bereit erklärt, den Preis für das Abo in diesem Jahr um 4,5 Prozent zu erhöhen. Mit seinem Engagement will der französische Staat helfen, eine frankophone Nachrichtenagentur von Weltruf zu erhalten, die der angelsächsischen Konkurrenz Paroli bieten soll.

Doch mit Hilfe des Staates allein schafft es AFP nicht in die schwarzen Zahlen. „In den vergangenen Jahren sind die Kosten stark angestiegen“, erklärt Yves de Saint Jacob, Sprecher von AFP. Der im Jahr 2000 geschasste Generaldirektor Eric Giuly hatte heftig in neue Multimedia-Dienste investiert und 240 neue Mitarbeiter eingestellt. Darüber hinaus belasten die Verluste von AFX News, der englischen Tochter für Wirtschaftsnachrichten.

Mehr als ein Haus

Um das Loch zu stopfen, schlägt AFP-Boss Eveno nun vor, das Stammhaus der Agentur am Pariser Place de la Bourse zu verkaufen und zurückzuleasen. Doch gegen diese Lösung laufen die Mitarbeiter Sturm. „Das ist nicht nur ein Gebäude, das ist ein Teil unserer Geschichte“, sagt Guy Bernière, Leiter des Ressorts Soziales bei AFP und Ex-Präsident der Societé des Journalistes. Aus dem Gebäude haben Widerstandskämpfer nach dem Zweiten Weltkrieg die von den Nazis gesteuerte Informationsagentur vertrieben und später dort AFP gegründet. Darüber hinaus befürchten Bernière und seine Kollegen, dass das Geld aus dem Immobiliendeal nicht reichen wird, um Entlassungen zu vermeiden.

„Entlassungen sind nicht geplant“, bekräftigt dagegen AFP-Sprecher de Saint Jacob. Er rechnet damit, dass der Verwaltungsrat bei seiner Sitzung dem Immobiliendeal seinen Segen geben wird. Denn wirkliche Alternativen sind nicht in Sicht. Auf Grund seines einzigartigen Rechtsstatus als „organisme autonome“, einer Mischform aus öffentlicher Körperschaft und Privatunternehmen, verfügt AFP über keinerlei Eigenkapital und somit über keine Sicherheiten für Bankkredite. Nur das Gebäude und die künftigen Einnahmen sind beleihbar.

Bertrand Evenos Wiederwahl gilt Beobachtern zufolge als sehr wahrscheinlich. Schon weil er die Finanzprobleme nicht zu verantworten hat – er hat sie von seinem Vorgänger geerbt.

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