Christoph Maria Herbst im Interview : Früher "Stromberg", jetzt Normalo

In der ARD-Komödie „Besser als du“ darf Christoph Maria Herbst nach Jahren als "Stromberg" endlich einen Normalo spielen – und das in einer Doppelrolle. Im Interview spricht er über Extreme, Lebenskunst, politisches Kabarett und Testosteron.

Jan Freitag
Doppelrolle als eineiiger Zwilling. Der abgebrannte Schauspieler Tom (Christoph Maria Herbst, rechts) pumpt seinen Bruder Matthias (Christoph Maria Herbst, links) an.
Doppelrolle als eineiiger Zwilling. Der abgebrannte Schauspieler Tom (Christoph Maria Herbst, rechts) pumpt seinen Bruder...Foto: ARD Degeto

Seit der Pro7-Serie „Stromberg“, in der er den selbstgerechten Büro-Macho spielt, ist Christoph Maria Herbst, 49, auf Extreme gebucht. In der ARD-Komödie „Besser als du“ (Freitag, 20 Uhr 15) darf der Grimme-Preisträger endlich Normalität spielen – in einer Doppelrolle. Der gebürtige Wuppertaler ist jüngstes Kind einer katholischen Familie. In seiner Gemeinde war er Oberministrant. Während der Lehre als Bankkaufmann kam er mit der Theaterszene in Berührung. Engagements in diversen Häusern, 2004 der Durchbruch im Fernsehen mit „Stromberg“. Tsp

Herr Herbst, eine Doppelrolle als eineiiger Zwilling beim Rollentausch, mit Verlaub, das klingt subtil wie ein „Tatort“ mit Til Schweiger.

Oha, diplomatische Einstiegsfrage. Mir fiele zuerst mal Heinz Erhard ein.

Drillinge an Bord.

So was. Zum Glück aber auch anspruchsvolle Konstellationen, Götz George als „Schulz und Schulz“ in den 90ern. Das Wissen darum, dass ich als eineiige Zwillinge gute Vorgänger in dieser Kunstform habe, macht die Herausforderung größer. Zumal sich meine Brüder nicht durch Perücken und Lispeln unterscheiden, sondern feinere Pinselstriche. Sonst wäre es unglaubhaft zu machen, dass die Familie den Rollentausch nicht merkt.

Es ist glaubhaft, dass die Ehefrau nicht merkt, wenn ein anderer im Bett liegt?

Nüchtern betrachtet nicht. Aber wir reden von Komödie, keinem Psychodrama, da ist der Wunsch Vater des Gedankens, ihr Mann wäre wie sein Bruder. So ist es oft in langjährigen Beziehungen: Sie hätte gern ihren alten Matthias zurück, der dem aktuellen Tom vermutlich ähnlicher ist als dem langweiligen Kontrollfreak von heute.

Ist Ihnen selbst der Spießer oder der Lebenskünstler näher?

Ich bin wohl doch eher die Schnittmenge beider Extreme. Berufsbedingt ist mir der Lebenskünstler ein bisschen näher, weil dieser Job im Laufe einer längeren Karriere immer mal die Frage aufwirft, wovon man jetzt die Miete bezahlt. Das erfordert, auch vorm Hintergrund, keine eigenen Kinder zu haben, mehr Improvisation als die eines zwanghaft geordneten Logopäden mit eigener Praxis.

Und wo versteckt sich Ihr innerer Spießer?

Definieren Sie Spießer! Wenn spießig heißt, nach einem harten Arbeitstag mit einem Glas Rioja im Sessel zu sitzen und eine DVD einzuwerfen, dann bin ich einer und zwar gern. Wenn spießig heißt, samstags sein Auto zu waschen und auf die Mittagsruhe zu pochen, bin ich keiner und auch das sehr gerne.

Spießig heißt auch, dass einem besonders wichtig ist, was andere von einem denken.

Da zögere ich kurz. Als Schauspieler ist es mir schon wichtig, was andere von mir denken. Ich mag es sehr, wenn die Leute mögen, was ich tue. Abgesehen von meinem Beruf ist es mir wurscht, was mein Nachbar von mir denkt. Aber so spießig ist ja auch mein Matthias im Film nicht.

Er ist ohnehin wie sein Bruder eine eher gewöhnliche Figur. Ist das ein Indiz dafür, dass Sie langsam von den krassen, radikal unsympathischen Figuren loskommen?

Stimmt, vielleicht komme ich da langsam ein bisschen im Mittelfeld der Charakterzeichnungen an. Wobei ich mich vor der Waschmaschine des Seichten hüte. Ich habe diese klischeebehafteten Extremtypen immer noch gerne, übe mich aber täglich in der Kunst, nein zu sagen, wenn mir jemand wieder was voller Kabinettstückchen anbietet. Das dürfen gern auch mal andere spielen.

Was Sie weiter mit Ihren Figuren tun, ist deren Geschlecht auf die Probe zu stellen, Ihr Selbstverständnis als Mann einer Gesellschaft, die sich auf weibliche Bedürfnisse ausrichtet.

Zum Beispiel?

Zuletzt war das Ihr Lars in „Männerhort“, der sich im Keller einen Testosteron-Abenteuerspielplatz errichtet.

Okay. Aber Sie leben da grad im Traumgebilde, dass ich mir Rollen suche, um eine bestimmte Haltung zum Ausdruck zu bringen und die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Freischaffende Schauspieler meiner Größenordnung suchen sich in der Regel keine Rollen, sie werden von welchen gefunden. Bei „Männerhort“ lag meine Teilnahme zudem nahe, da ich den Lars zuvor 200 Mal am Theater in Berlin gespielt hatte. Ich will intelligent, gern mit britischem Humor und etwas Anspruch unterhalten, aber meine Rollen sind selten Statements zur soziokulturellen Realität Deutschlands.

Prägen aber dennoch gelegentlich die Debatten ums hiesige Alltagsverhalten.

Jetzt dachte ich schon, ein ganzes Interview lang ohne ihn auszukommen, aber gut, werfe ich den Namen selber ein: Mit Bernd Stromberg habe ich mein Sendungsbewusstseinsaggregat zehn Jahre lang bis zum Anschlag gefüllt. Aber machen wir uns nichts vor: So eine Figur, grandios geschrieben von Ralf Husmann, war ein Paradiesvogel unter Tauben, der das Publikum weit über die bloße Unterhaltung hinaus beschäftigt und womöglich gar zum Nachdenken gebracht hat.

Lernen Sie selbst von Ihren Figuren?

Ja. Das passiert aber weniger im Schützengraben der Drehwirklichkeit, wo alles schnell auf den Punkt kommen muss, sondern beim Lesen des Drehbuchs. Da eröffnen sich Szenen, mit denen man mehr erreichen möchte als bloß Entertainment. Gerade dann muss man aufpassen, nicht zu viel zu wollen. Deshalb ist die Komödie so gut geeignet für Botschaften. Lachen öffnet erst die Herzen, dann Gehirne. Das kann man sich für kluge Gedanken zunutze machen, aber nie auf Zwang.

Haben Sie sich deshalb nie dem politischen Kabarett zugewandt, das diesen Zwang quasi zum Wesen hat?

Ach, Kabarett ist eine eigene Kunstform. Ich begreife mich eher als Schauspieler. Obwohl die Übergänge fließend sind, was man auch an Ralf Husmann sieht, der vom politischen Kabarett kommt. Ich möchte nicht ausschließen, es irgendwann mal mit einem kabarettistischen Stand-up zu versuchen.

Das Gespräch führte Jan Freitag

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