Medien : Chronik eines angekündigten Todes

Zensur gibt es für die Medien in Kolumbien nicht. Aber ihre Journalisten arbeiten unter Lebensgefahr

Michael Schmidt[Bogotá]

Julio Hernando Palacios Sánchez, Moderator des Rundfunksenders Radio Lemas in Cúcuta im Nordosten Kolumbiens, ist auf dem Weg zur Arbeit, als er am frühen Morgen des 11. Januar 2005 von zwei Unbekannten auf Motorrädern niedergeschossen wird. Trotz dreier Schusswunden in der Brust fährt Palacios zurück nach Hause. Seine Familie bringt ihn ins Krankenhaus.Vergebens. Zwei Stunden später stirbt Sánchez.

In den vergangenen 15 Jahren wurden in dem Andenland mehr als 50 Journalisten umgebracht. Von Autobomben zerrissen, von Kugeln durchsiebt, gefoltert und hingerichtet. Weil sie über Korruption, Drogenhandel oder Menschenrechtsverbrechen berichteten. Journalismus, investigativer Enthüllungsjournalismus zumal, hat es schwer, sich als Sturmgeschütz der Demokratie zu bewähren, in einem Land, das seit mehr als vier Jahrzehnten durch einen bewaffneten Konflikt mit schwer durchschaubaren Fronten verheert wird. Hier linke Guerillas, dort rechte Paramilitärs, mittendrin die Drogenmafia, und immer wieder auf die eine oder andere Weise beteiligt: die Politik und das staatliche Militär.

Das Recht zur freien Meinungsäußerung wird unter solchen Umständen leicht zur hohlen Phrase. „Wir haben in Kolumbien zwar keine staatliche Zensur wie in China oder Kuba“, sagt Carlos Cortés Castillo, Direktor der Fundación para la Libertad de Prensa (FLIP). Die Pressefreiheit ist seit 1991 verfassungsrechtlich garantiert. Doch die Situation der Medien sei trotzdem Besorgnis erregend, sagt Cortés. „Der Staat ist weder in der Lage, gewaltsame Übergriffe zu verhindern, noch die Täter zu bestrafen.“

Die Bedrohung von Journalisten hat viele Gesichter. Sie ist physischer, psychischer, politischer und ökonomischer Natur. Drohungen, Einschüchterungs- und Erpressungsversuche erreichen sie als SMS – „dein Tod naht“ –, am Telefon – „wir wissen, wo deine Kinder zur Schule gehen“ –, oder direkt, unmittelbar, mit vorgehaltener Pistole – „es wäre besser, du verlässt das Land ...“

Wie jeder Krieg, sagt Cortés, sei auch der kolumbianische ein Krieg um die Köpfe, ein Krieg um die Herrschaft über Informationen. Jede Seite versuche, die Medien für ihre Zwecke zu nutzen. Die Paramilitärs wollen sie zum Schweigen bringen, um eine Berichterstattung über ihre Verbrechen zu verhindern. Die Guerilla bombt mit Vorliebe Radiostationen in die Luft, um möglichst viel publizistische Aufmerksamkeit zu provozieren. Von staatlicher Seite haben Journalisten kaum Hilfe zu erwarten, weil Politiker häufig der verlängerte Arm einer der Akteure sind – oder aber daran interessiert, dass ihre eigenen unsauberen Geschäfte und Korruptionspraktiken im Dunkeln bleiben.

Gefährdet sind fast alle Journalisten, denn „eine der Kriegsparteien verärgern wir immer“, sagt Dario Restrepo Vélez, Direktor von City-TV in Bogotá. Zumal die journalistische Praxis zu einer gewissen Einseitigkeit insofern zwinge, als man als Reporter entweder einen guten Draht zu den Paramilitärs habe oder zur Guerilla oder zur Drogenmafia. Zudem sei nicht immer klar, ob ein Journalist wegen seiner Recherche, seines politischen Engagements oder wegen privater Verstrickungen zum Schweigen gebracht werden solle.

Was fängt die Branche mit dieser Situation an? Restrepo sagt, als vor 20 Jahren die großen Drogenkartelle aufkamen, sind viele Medien dazu übergegangen, ihre Berichte über die Geschäfte mit Kokain ohne Angabe des Korrespondentennamens zu veröffentlichen. Das ist vielerorts bis heute Praxis. Zudem rotieren die Korrespondenten, ziehen alle paar Jahre an einen anderen Ort.

Die Stellung der meisten Journalisten in Kolumbien ist auch deshalb äußerst prekär, weil sie als Freie arbeiten, „ohne Sicherheit, ohne Kollegen, Chefs oder ein Verlagshaus, das einem im Falle eines Falles den Rücken stärken könnte“, sagt Jaime Abello Banfi, Exekutivdirektor der von Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez gegründeten Fundación Nuevo Periodismo Iberoamericano in Cartagena. Vor allem Radiojournalisten würden häufig mit Sendezeit bezahlt, die sie, um von irgendetwas leben zu können, meistbietend an Werbekunden weiterverkauften. Das heißt, sagt Omar Rincón, Journalist, Kolumnist und Leiter eines Medienforschungsprogramms der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bogotá, dass diese Sendezeit nicht für Beiträge, sondern für Werbespots genutzt werde. Was auf ein weiteres Problem hinweist: Die Neigung, kritische Berichterstattung über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu Gunsten von Werbung, Entertainment und Fußball hintanzustellen. Und sie dann auf nichts sagende Schlagzeilen zu reduzieren. Journalisten sollten Chronisten der Gegenwart sein, sagt Rincón. Das Gedächtnis der Gesellschaft und Übersetzer einer komplexen Wirklichkeit. „Was wir stattdessen jeden Tag erleben, sind keine Reportagen oder Hintergrundberichte, sondern Nachrichten zwischen Telenovelas und Sport, die Krieg als geiles Spektakel mit möglichst viel Blut, aber ohne politische Analyse und sozialen Kontext darstellen.“ Es gebe zu wenig Wettbewerb – zwei landesweite TV-Kanäle, zwei landesweite Radiosender, und neben „El Tiempo“ aus Bogotá, „El Columbiano“ aus Medellín und „El País“ aus Cali kaum landesweit wahrgenommene Zeitungen. Meinungsvielfalt, sagt Rincón, sei mithin eine Sache des innerredaktionellen Pluralismus, nicht das Ergebnis konkurrierender Medien. Das Ergebnis sei „zu viel Verlautbarungsjournalismus“.

2005 übrigens ist die Zahl der Drohungen gegen Journalisten im Vergleich zum Vorjahr zwar gestiegen, die der Morde aber gesunken. Für Cortés allerdings ist das kein Grund zur Beruhigung. Im Gegenteil. „Für uns ist das ein Ergebnis erfolgreicher Selbstzensur der Journalisten“, sagt Cortés. Wer bedroht wird, geht. Oder bleibt und verstummt.

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