Coming-of-Age-Film : Wahn und Sinn

„Mein Herz tanzt“: Ein Film über Araber und Israelis in Zeiten des Hasses.

Nikolaus von Festenberg
Julia und Romeo. Die Israelin Naomi (Daniel Kitsis) und der Palästinenser Eyad (Tawfeek Barhom) versuchen mit den sie umgebenden Konflikten zurechtzukommen. Foto: Riva Filmproduktion
Julia und Romeo. Die Israelin Naomi (Daniel Kitsis) und der Palästinenser Eyad (Tawfeek Barhom) versuchen mit den sie umgebenden...Foto: Riva Filmproduktion

Ein Schelmenroman könnte so beginnen. Der junge Eyad (als Junge: Razi Gabareen, als Erwachsener: Tawfeek Barhom) turnt im Antennenwald des israelischen Ortes Tira herum, wo er inmitten seiner palästinensischen Familie aufwächst. Der Vater (Ali Suliman), dem seine anti-israelischen Proteste in Jerusalem einst eine Gefängnisstrafe ohne Prozess und den Verlust des Studienplatzes eingebracht hatten und der seitdem seine Familie als Pflücker ernähren muss, will seinen Fernsehempfang erweitern. Da fällt der Sohn Eyad von einem Antennenmast und verliert das Bewusstsein. Gott sei Dank nicht für immer. Eine Tragödie gleich zu Anfang fällt aus. Das Aufwachen aus Illusionen dauert länger.

Ironisch und leichtfüßig geht es weiter. Vater Ali erweist sich als eine Art arabischer Peppone, ähnlich der Figur aus den Don-Camillo-Filmen: Einerseits wirkt er in einer anti-israelischen Aktivistengruppe mit Leninplakaten an der Wand, andererseits träumt er von einer Karriere seines hochbegabten Sohns an einer israelischen Eliteschule in Jerusalem – Aufstiegsträume eines Mannes, der nicht an der Wirklichkeit der israelischen Unterdrückungspolitik glauben will.

Eyad, der Rechenkünstler

Als Freiheitskämpfer will er seinen Sohn jedenfalls nicht verheizt wissen. Als Rechenkünstler aber erregt Eyad Aufmerksamkeit. Dem Lebensmittelhändler weist er dessen Wucheraufschläge in null Komma nichts nach. Ein lächerliches Rätselspiel des örtlichen TV-Senders gewinnt er als Einziger. Eine menschenbeglückende Friedensorganisation aus den USA möchte, dass arabische und jüdische Schüler zusammen unterrichtet werden. Die gute Absicht der Amerikaner ist der Schule Befehl. Eyad bringt einen dicklichen jüdischen Mitschüler zu sich nach Hause und lässt ihn aus von der Großmutter aufgehobenen Artikeln über arabische Proteste in Israel vorlesen. Beim Wort Terrorist erschrickt der Mitschüler. Der Appetit vergeht ihm augenblicklich. Köstliche Szenen.

Aber dann weicht der Humor aus dieser Coming-of-Age-Geschichte, dessen Vorlage auf dem 2002 erschienenen Roman „Tanzende Araber“ von dem hebräisch schreibenden Schriftsteller Sayed Kashua basiert und den Regisseur Eran Riklis („Die syrische Braut“) 2014 inszeniert hat. Das geschieht mit wunderbarer Leichtigkeit und ohne deklamatorisches Pathos. Der Film zeigt, wie die vertrackte Geschichte des unbegreiflichen Nahen Ostens für junge Menschen zum Gefühlsgefängnis wird.

Eyad, der Rechenkünstler aus der Provinz, ist als erster Araber an einer israelischen Elite-Schule in Jerusalem aufgenommen worden. Erniedrigungen übersteht er anscheinend unbeschadet, so, wenn er – von der Lehrerin aufgefordert – die alttestamentarische Schöpfungsgeschichte in holprigem Hebräisch mit arabischem Akzent vorlesen muss und die Klasse wiehert.

Eyad liebt die Jüdin Naomi

Der junge Araber begegnet nicht nur dem Wissen, sondern auch Menschen. Da ist seine Liebe zu Naomi, einer jüdischen Mitschülerin (Daniel Kitsis), eine Schönheit, bezaubernd wie Aphrodite.

Es könnte so schön sein für diese schönen Menschen, aber die Verhältnisse sind nicht so. Die verdammte Geschichte des Geschichtszuchthauses Naher Osten hat andere Pläne. Die Liebe geht auseinander. Eyad verzichtet auf den Schulbesuch und strebt einen Job als Kellner an. Den Abschluss am Eliteinstitut schafft er extern. Und dann gibt es noch die Beziehung zu Yonatan (Michael Moshonov). Der junge Mann wäre ein Mitschüler Eyads gewesen, wenn ihn nicht eine angeborene MS aus dem Leben werfen würde. Dieser Yonathan, eigentlich kein Freund der israelischen Araber, aber Eyad wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich, wird immer hilfloser. Im Rahmen eines schulisch angeordneten Sozialprojekts ist ihm Eyad als Betreuer zugeordnet worden. Nach anfänglichen Schwierigkeiten kommen sich der Totgeweihte und sein Betreuer näher, sie werden ziemlich beste Freunde.

Diese Wendung der Handlung ist kein Zufall, sondern eine düstere Metapher für Resignation: Erst der absehbare Tod – Yonatan kann am Ende nicht mehr sprechen – reißt die Schranken zwischen Israelis und Arabern ein. Die nicht zu verratende Schlusspointe spielt mit den letzten Dingen. So enden in dieser Region Schelmenromane – bitter, nicht ohne unfreiwilligen Humor.

Schriftsteller und Vorlagengeber dieses großartigen israelisch-französisch-deutschen Filmes, Sayed Kashua, verließ 2014 mit seiner Familie Israel. Ein bitterer Satz findet sich in seiner Begründung für den Exodus. Sein Vater habe gesagt: „Erinnere dich, was immer du tun wirst, für sie wirst du für immer, wirklich für immer Araber bleiben.“ Kashua hatte den Satz nach einem halben Leben verstanden.

„Mein Herz tanzt“, Arte, Mittwoch, um 20 Uhr 15

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