Computer : Die Schlüsselfigur

Codeknacker und Computerpionier: Heute wäre der britische Mathematiker Alan Turing 100 geworden. Seine Leistungen werden überschattet von seinem tragischen Tod.

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Porträt des Mathematikers als junger Mann. Alan Turing (1912-1954) war einer der wichtigsten Köpfe im Krieg gegen Nazi-Deutschland. Doch seine Verdienste blieben lange geheim. Seine Homosexualität hingegen nicht. Ein Gerichtsurteil trieb ihn schließlich in den Selbstmord.  
Porträt des Mathematikers als junger Mann. Alan Turing (1912-1954) war einer der wichtigsten Köpfe im Krieg...Foto: The Picture Desk

Um mögliche andere intelligente Wesen im All zu kontaktieren, wurde 1974 vom Arecibo-Radioteleskop auf Puerto Rico aus ein starkes Funksignal ausgesandt, das sein Ziel, den Kugelsternhaufen M13, in etwa 25 000 Jahren erreichen wird. Im selben Jahr kam eine andere Botschaft mit langer Laufzeit in der irdischen Öffentlichkeit an: fast 30 Jahre nach Kriegsende begannen die Codeknacker zu reden. In seinem Buch „The Ultra Secret“ beschrieb der britische Geheimdienstoffizier Frederick W. Winterbotham erstmals, welche bemerkenswerten Leistungen Entschlüsselungsspezialisten in einem abgeschiedenen Landsitz namens Bletchley Park nördlich von London vollbracht hatten – nicht nur die Luftschlacht um England und der U-Bootkrieg im Nordatlantik wären anders verlaufen, wäre es ihnen nicht gelungen, die deutsche Nachrichten-Codiermaschine ENIGMA zu entschlüsseln.

Der Arbeit der „Codebreaker“ wurde so große Bedeutung zugemessen, dass für sie eine neue Geheimhaltungsstufe noch über Top Secret eingeführt wurde: Ultra. Während die Soldaten der konventionellen Schlachten nach Kriegsende als gefeierte Helden nach Hause zurückgekehrt waren, durften die Kryptografen – der neue Hochadel des beginnenden digitalen Zeitalters – über ihre Tätigkeit kein Sterbenswörtchen verlieren. Aus der ohnehin genialischen Gruppe von Spezialisten ragte eine Person heraus: Alan Turing. Er habe „als einzelner so viel geleistet für England wie nur der andere einzelne noch: Winston Churchill“, schrieb Rolf Hochhuth in einem biografischen Roman bewundernd über Turing. Von seiner Arbeit für den Geheimdienst wussten nicht einmal die engsten Freunde etwas.

1974 markiert noch eine weitere Zeitenwende: den Beginn der PC-Ära. Im Juli 1974 hatte das US-Magazin „Radio-Electronics“ die erste Selbstbauanleitung für einen Hobbycomputer veröffentlicht, den Mark-8. Im Jahr darauf gründeten zwei Grünschnäbel namens Bill Gates und Paul Allen eine Firma, die anfangs noch „Micro-Soft“ hieß und im Verein mit weiteren Startups die neue Leitströmung in das 21. Jahrhundert formierte: Computer für jedermann, Computer für alles, Computer überall. Zwei Jahrzehnte mit Rechenzentren voller wuchtiger Elektronengehirne waren bereits absolviert. Der Mann, der die entscheidenden theoretischen Grundlagen für diese Entwicklung erdacht hatte, hieß Alan Turing.

Als Alan Mathison Turing am 23. Juni 1912 in London geboren wurde, waren seine Eltern hierzu eigens aus Indien angereist. Sein Vater Julius Mathison Turing stand in Diensten des britisch-indischen Civil Service und wollte, dass die Kinder in Großbritannien aufwachsen. Mutter und Vater kehrten bald darauf wieder nach Indien zurück und ließen Alan und seinen älteren Bruder John in der Hand von Pflegeeltern. Turings Mutter Ethel Sarah kam 1916 wieder nach England und nahm die Kinder zu sich. Der kleine Alan brachte sich angeblich innerhalb von drei Wochen selbst das Lesen bei und interessierte sich sehr für Zahlen und Rätsel. Dass es ihn zu den Naturwissenschaften hinzog, wurde in der Schule wenig gefördert, so dass er in mehreren Prüfungen durchfiel. Als er 1931 auf das King’s College in Cambridge kam, betrat er eine Welt, in der sich sein Denken endlich freier entfalten konnte; zur selben Zeit erkannte er sich als homosexuell. Zum ersten Mal fühlte Turing sich an einem Ort zu Hause. Er tauchte in die logischen Grundlagen der Quantenmechanik ein und schloss sich 1933 der Antikriegsbewegung an.

Im Mai 1936 veröffentlichte Alan Turing eine Arbeit, die die Welt verändern sollte: „On Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem“ (die Weltsprache für wichtige mathematische Begriffe war damals noch Deutsch). Er entwarf darin Maschinen, die heute als Turingmaschinen bekannt sind und die Grundlage für jene universellen Maschinen bilden, die uns nun als Computer selbstverständlich geworden sind. Damals existierten sie nur in Turings Kopf. Mit der Turingmaschine konnte er zeigen, dass die Mathematik nicht nur unvollständig ist, wie das Kurt Gödel ein paar Jahre zuvor festgestellt hatte, sondern dass es auch keine Möglichkeit gibt zu sagen, ob eine bestimmte Aussage beweisbar ist. Das Einzigartige an Turings Maschinen-Gedankenspiel war, dass es sich aus seiner hochabstrakten Form in eine konkrete, materielle Maschine überführen ließ. Auch dass sich Programmanweisungen und Daten gleichermaßen in digitaler Form in der Maschine befinden, und nicht mehr in getrennten Funktionseinheiten wie bei frühen Rechenautomaten, haben wir Turings Genius zu verdanken. Während zum Codeknacken noch auf bestimmte Aufgaben spezialisierte Rechner gebaut wurden (wegen ihres Tickens „Turing-Bomben“ genannt), gingen bereits kurz nach Kriegsende die ersten digitalen, programmierbaren elektronischen Röhrencomputer in Betrieb und läuteten das Computerzeitalter ein.

Nach einem Aufenthalt in Princeton und dem Fulltimejob in Bletchley Park setzte Turing nach dem Krieg seine akademische Karriere in Cambridge und Manchester fort. 1950 ging er in dem Aufsatz „Computing Machinery and Intelligence“ der Frage nach, ob Maschinen denken können und schlug einen inzwischen legendären Test vor, um herauszufinden, ob eine Maschine als Kommunikationspartner dieselben Reaktionen hervorrufen kann wie ein denkender Mensch. Im Netz begegnet einem der Turing-Test inzwischen an jeder Ecke - CAPTCHA heißen die Eingabeformulare, von denen man verzerrte oder auf krakeligen Hintergründen befindliche Zeichen abtippen oder kleine Rechnungen durchführen soll, um beispielsweise auf Facebook unter Beweis zu stellen, dass man ein Mensch ist und kein automatischer Bot, der Werbemüll abladen will. Ausgeschrieben liest sich das Akronym „Completely Automated Public Turing test to tell Computers and Humans Apart“ – „Vollautomatischer öffentlicher Turing-Test, um Computer von Menschen zu unterscheiden“.

Das erste Beispiel in Turings Aufsatz handelt bemerkenswerter Weise davon, wie man unterscheiden kann, ob man es mit einem Mann oder einer Frau zu tun hat, gesetzt, dass man sein Gegenüber bei der Konversation nicht sehen kann. Drei Jahre später war Turing auf fatale Weise gezwungen, das an sich selbst zu beantworten. „Kann jemand so dumm sein, wie er intelligent ist?“, fragt sich jemand in Hochhuts Roman angesichts der selbstmörderischen Unbekümmertheit, mit der Turing 1952 einen Einbruch anzeigte und dabei seine homosexuelle Beziehung enthüllte. Er wurde umgehend „wegen grober Sittenlosigkeit“ nach einem Gesetz von 1885 angezeigt. Mit dem Prozess und der Verurteilung wurde Turing öffentlich gedemütigt. Man entzog ihm den Status des Geheimnisträgers (er hatte auch nach dem Krieg weiter für Bletchley Park gearbeitet) und verbot ihm die Forschungsarbeit an Computerprojekten. Er wurde gezwungen, sich zwischen einer Gefängnisstrafe und einer chemischen Kastration zu entscheiden, die er in Form einer ein Jahr andauernden Hormonbehandlung über sich ergehen ließ.

Am 8. Juni 1954 fand ihn seine Putzfrau tot in seiner Wohnung, gestorben an einer Zyanidvergiftung. Neben seinem Bett lag ein halb gegessener Apfel, was seither immer wieder Anlass zu Spekulationen gibt. Seit Turing 1938 den Film „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ gesehen hatte, soll er öfter die Verse „Tauch den Apfel ins Gebräu / Führ den Tod im Schlaf herbei“ zitiert haben. Auch dem Logo der Firma Apple, einem angebissenen Apfel, unterstellen manche einen Bezug zu Turings Tod. Die Wahrheit ist banaler. Der Grafikdesigner Rob Janoff, der das Logo 1977 schuf, wollte mit dem Biss nur verhindern, dass man den Apfel mit einer Tomate verwechselt. Der Gerichtsmediziner vermerkte Selbstmord auf dem Totenschein.

Im September 2009 entschuldigte sich der britische Premierminister Gordon Brown posthum bei Alan Turing für das unfaire Verfahren – „im Auftrag der britischen Regierung und all derer, die dank Alans Arbeit in Freiheit leben können, darf ich sagen: Es tut uns leid. Du hättest weitaus besseres verdient gehabt.“

Der Autor ist Schriftsteller und Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs.

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