Medien : „Corriere della Sera“: Neuer, alter Chef

Paul Kreiner[Rom]

Beim „Corriere della Sera“, der größten Tageszeitung Italiens, hat der Chefredakteur gewechselt, und bevor jemand – was nahe liegt – politische Manöver vermutet, teilt der Verlag mit, dies sei „ausschließlich aus Gründen der Unternehmensführung und der Organisation“ geschehen. Die Führung des „Corriere“ ist ein heißes Eisen. Immer wieder versucht Regierungs- und Fernsehchef Silvio Berlusconi, die bürgerlich-liberale, parteipolitisch unabhängige Tageszeitung in die Hand zu bekommen. Seinem Drängen nachgebend hatte die Mailänder Mediengruppe RCS, die neben dem „Corriere“ Bücher, Zeitschriften und Italiens größte Sportzeitung herausgibt, im Mai 2003 den Chefredakteur Ferruccio de Bortoli entlassen.

Mit dem introvertierten Stefano Folli indes, seinem Nachfolger, ist keiner glücklich geworden: Berlusconi bekam nicht den erwünschten Einfluss; die Redaktion beklagte seine Unzugänglichkeit; im Management war der politisch-journalistisch ausgerichtete Folli nicht eben erfolgreich: Im Konkurrenzkampf mit „Repubblica“ verlor der „Corriere“ an Terrain. Dann puzzelte sich im Sommer die komplexe Eigentümerschaft bei RCS – Banken, Fiat, Pirelli, Schuhindustrie – neu zusammen. Man will das Blatt reformieren, dazu musste ein neuer Chefredakteur her.

Gefunden hat man einen alten: Paolo Mieli, 55. Der gebürtige Römer führte den „Corriere“ bereits zwischen 1992 und 1997 und hatte seither die Herrschaft über die gesamten verlegerischen Aktivitäten der RCS-Gruppe inne. Politisch hat Mieli immer den „dritten Weg“ zwischen den politischen Lagern gesucht. Seine Schultern gelten als breit genug, auch in Zukunft jede politische Einflussnahme, von rechts wie von links, abzuhalten. Gleich bei seiner Ernennung, als Berlusconi-Freunde ihm einen Vize unterjubeln wollten, stellte er klar: „Der Chef bin ich, das Personal suche ich mir aus.“

Der 2003 auf Berlusconis Druck gefeuerte Ferruccio de Bortoli ist glanzvoll zurückgekehrt: Italiens Unternehmerverband Confindustria hat ihn an die Spitze der Wirtschafts- und Finanzzeitung „Il Sole 24 Ore“ geholt. Das seriöse Blatt ist Pflichtlektüre aller Wirtschaftstreibenden; und die Confindustria hat schon vor der Ernennung Bortolis nie ein Hehl daraus gemacht, dass sie mit Berlusconis Politik unzufrieden ist.

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