Medien : CSI: Kreuzberg

Die neue ZDF-Krimiserie „KDD“ überzeugt – weil sie in Berlin spielt

Barbara Sichtermann

Im Brennpunkt steht das Revier, oder sagen wir: das Hauptquartier. Von hier aus stürmen die Polizisten, immer auch ein bis zwei Frauen dabei, unter Dienstgruppenleiter Enders los, wenn irgendwo ein „Leichenfund“ gemeldet wird oder eine Bombe hochgeht. Die Leute vom Kriminaldauerdienst (KDD) sind eine Art Feuerwehr, sie sind die Ersten am Tatort, sperren ab, durchsuchen, sammeln ein. Und wenn sie sich einen Überblick verschafft haben, geben sie den Fall an Spezialdienststellen weiter, an die Drogenfahnder, die Sitte, die Mordkommission. Sie sind dafür prädestiniert zu resignieren oder zu verzweifeln, wenn die Gangster, die sie unter Lebensgefahr festgenommen haben, bald wieder frei rumlaufen. Aber ehe sie zu tief im Frust versinken, gibt es schon einen neuen Fall, und Enders’ Truppe rückt aus, wie stets zum Äußersten entschlossen.

Diese Dramaturgie des Sich-Reinstürzens in den Konflikt, während er just zum „Fall“ eklatiert, die Choreografie der polizeilichen Feuerwehr vor Ort mit ihren Instrumenten, ihrer Intelligenz und ihrem Mut, die Arbeit an und mit mindestens zwei Fällen gleichzeitig, ist sichtlich von den amerikanischen „CSI“-Serien und ähnlichen Formaten inspiriert. Aber diesmal handelt es sich wirklich um Inspiration und nicht um Abkupferei. Es ist etwas völlig Neues daraus entstanden, und das gelang durch die entschiedene Verortung der Fälle in einem besonderen Grund und Boden – und der heißt Berlin. Alle anderen Versuche des deutschen Fernsehens, „CSI“ zu kopieren, scheiterten bisher daran, dass beim Klau vergessen wurde, wie wichtig für das Funktionieren dieser Serien ihr Ort und dessen Flair sind. In einem gewissen Sinn sind alle diese neuen Krimiserien Heimatfilme. „KDD“ war und ist sich dessen glücklicherweise bewusst; die Folgen machen aus Berlin, aus seinen Straßen und seinen Menschen, aus seinen Quartieren und seiner Gesellschaft, aus Multikulti und Desintegration ein knallhartes Pflaster, auf dem alles möglich ist – sogar Weichheit und Nähe.

Regisseur Matthias Glasner, der außer dem Piloten die Folgen eins und zwei inszeniert hat, belässt es nicht bei den üblichen Nachtbildern mit Unterführungen und Hochbahnstreben, die im Krimi-Berlin so beliebt sind. Er zeigt die Hauptstadt bunt und eng, dann wieder grün und einsam, er gestattet es keiner Atmosphäre, sich einzunisten, er zappt sozusagen durch die Farben, Witterungen und Befindlichkeiten der Stadt und fängt so ihre Geschwindigkeit, ihre Bräsigkeit und ihre latente Atemnot ein. Und er erreicht, ja übertrifft die amerikanischen Vorbilder in diesem anderen, ebenfalls hochwichtigen Punkt: er verordnet seinen Schauspielern eine wunderbare Beiläufigkeit, ein wegwerfendes Kopfschütteln und Gemurmel, das unsere „Tatort“-Helden mit ihrer Gewohnheit, sich breit in Szene zu setzen, so oft vermissen lassen. Bei „KDD“ hat man dieses Wie-im-Leben-Gefühl, das immer eine leicht kribbelige, aber reißfeste Spannung entstehen lässt. Man muss wissen, wie es weitergeht; nicht bloß, weil man das Ende der Geschichte miterleben will, sondern weil man sich den Figuren auf dem Bildschirm zugehörig fühlt.

Die Verwicklungen, die menschlichen Probleme im Team, das ist alles (Buch: Orkun Ertener/ Falco Löffler) vom Feinsten. Der große Bogen existiert ebenso wie das Gewimmel der kleinen Zusammenstöße, alles hat Logik, Halt und die Qualität des Überraschenden. Chef Enders (Götz Schubert) erleidet gleich zu Beginn eine persönliche Katastrophe, was die neuen Krimiregeln, denen zufolge Ermittler ermitteln und nicht selbst zu Tätern oder Opfern werden, durchbricht – hier kippt die Handlung denn auch ins Melodramatische ab. Aber wenn Bulle Haroska (Manfred Zapatka) einen Dealer bestiehlt, ist man wieder ganz dabei, denn dieser Schritt vom Wege ist sozusagen normales Polizistenschicksal. Und wenn Obergangster Han (Jürgen Vogel) unter seinen Knechten aufräumt und das Blut spritzt, hält man den Atem an, denn hier ist die Gewalt – und das macht den neuen Realismus mit aus – vor allem eins: schneller als der Schall. Und der Knirps, der immer wieder etwas anstellt, um zu Polizistin Bender (Saskia Vester) aufs Revier gebracht zu werden – auch er ist aus dem Berliner Leben gegriffen, wie es in Kreuzberg oder Neukölln braust.

Dieses Leben schließt Gewalt und Mord ein. Die Perspektiven auf solche Abgründe, die „KDD“ einnimmt, sind vielleicht auch deshalb so glaubhaft, weil sie der Perspektive der Normalbürger verwandt sind: immer nur kurz, ausschnittweise, im Grunde unbegreiflich.

„KDD – Kriminaldauerdienst“, immer freitags, 21 Uhr 15, ZDF

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