Cybermobbing : Das Monster in uns

Shitstorms, Hass, Drohungen: Das Netz ist zu einem feindlichen Ort geworden. Warum sind Menschen dort nur so aggressiv?

Johannes Laubmeier
Cybermobbing Foto: dpa
CybermobbingFoto: dpa

Als Ellen Pao am 10. Juli von ihrem Posten als Geschäftsführerin der Online-Community Reddit zurücktritt, hatte sie der Höhepunkt des Shitstorms längst erreicht.

Über mehrere Tage hinweg wurde Pao von Benutzern der Plattform, auf der man nahezu unkontrolliert Inhalte einstellen und kommentieren kann, aufs Übelste beleidigt und sogar bedroht. Um „Freedom of Speech“ ginge es, schrieben Kritiker, aber irgendwann eben auch „Fuck that Bitch“ und „Kill yourself“, und manche riefen sogar dazu auf, Pao zu vergewaltigen. In Fotomontagen wurde sie wahlweise als Hitler, Mao oder Stalin dargestellt.

Aber was war eigentlich passiert? Einer von mehreren Gründen für die Explosion verbaler und visueller Gewalt war die Tatsache, dass Reddit kurz nach Paos Übernahme als Geschäftsführerin fünf Themenseiten, darunter „fatpeoplehate“, „transfags“ und „shitniggerssay“ gesperrt hatte. Schikane von Mitmenschen war in diesen Foren an der Tagesordnung gewesen, und durch den Versuch der Seitenverwaltung, diese zu unterbinden, war Ellen Pao selbst zum Opfer ebensolcher Schikane geworden. Totale Überreaktion, totale Zerstörungswut. Sam Altman, einer der Hauptinvestoren von Reddit, sagte im Anschluss an die Episode: „Es war widerlich, einige der Dinge zu lesen, die Reddit-Nutzer über Ellen schrieben. Das Nachlassen des Mitgefühls, das sich einstellt, wenn wir alle hinter Computerbildschirmen sind, ist nicht gut für die Welt.“

Keine Woche ohne digitale Splitterbomben

Die Kontroverse um Ellen Pao ist nur ein Fall von vielen bei denen Menschen im Netz übermäßig aggressiv gegen andere vorgehen. Keine Woche scheint zu vergehen, in der nicht irgendwo in der Welt digitale Splitterbomben gezündet werden, wütende Menschen ihre Mauszeiger als Knüppel durch Kommentarspalten schleifen. Cybermobbing, Hetzkampagnen, menschenverachtende Kommentare – es liegt nahe, all diese großen und etwas kleineren Hässlichkeiten, die ganz normale Menschen einander online immer wieder zufügen, als Symptome eines tieferliegenden Problems zu sehen: das Internet als Schlachtfeld, als Ort, an dem Menschen zu Monstern werden. Die Frage stellt sich: Warum geht es im Internet oft so aggressiv zu?

Eine vor kurzem von italienischen Forschern veröffentlichte Studie unter 50000 Facebook-Nutzern versucht, diese Frage zu beantworten. Sie ergab, dass die Nutzung des sozialen Netzwerks Hass, Misstrauen und Neid fördert, unter anderem, weil dort oft Menschen mit sehr unterschiedlichen Meinungen aufeinander prallen. Sichtbar wurde das vor wenigen Tagen, als Facebook-Nutzer fremdenfeindliche Kommentare auf Til Schweigers Seite hinterließen, nachdem der Schauspieler einen Aufruf zur Unterstützung von Flüchtlingen gepostet hatte. Schweiger antwortete: „Verpisst Euch von meiner Seite, empathieloses Pack!“ Unter den Posts dauert der Streit immer noch an. Über 1000 Kommentare – ein Kampf mit harten Bandagen.

Katrin Döveling, Professorin für Medienwissenschaft an der Uni Leipzig, die sich in ihrer Forschung vor allem auf Emotionen im Netz konzentriert, sieht die Hauptgründe für den harschen Ton im Netz in der Entfernung zwischen den Gesprächspartnern und der Anonymität im Internet. Ihrer Meinung nach werden Gefühlsregeln, sogenannte Feeling Rules, die in der direkten, wechselseitigen Interaktion gelten, im Internet oft missachtet, weil man selbst oft anonym ist, aber auch weil man nicht sieht, was man mit seinen Handlungen anrichtet. „Das Leid anderer zu betrachten, funktioniert in der anonymen Online-Kommunikation des World Wide Web nicht. So sinkt die Hemmschwelle, anderen Leid zuzufügen.“ Das Internet als Entkoppler, emotionale Nebelwand also, die Empathie in einem sozialen Netzwerk von quasi Fremden hemmt.

Ein öffentlich gemachter Stammtisch

Martin Emmer, Politologe und Professor für Publizistik an der FU in Berlin hingegen betrachtet die Theorie vom allgemein höheren Aggressionspotential im Internet mit Vorsicht. Zwar könne es durchaus Situationen geben, in denen die Anonymität des Internets Menschen etwas ruppiger werden lässt, den Hauptgrund für die Präsenz der Aggression sieht er jedoch in einer Veränderung der Medienlandschaft: „Die Ressentiments, die wir im Netz sehen, gab es schon immer, nur wurden die in der klassischen Medienlandschaft herausgefiltert.“ Im Internet finde der öffentliche Diskurs zum ersten Mal unter Beteiligung aller statt, sagt er, was momentan noch zu Problemen führe. Das Internet – neue Möglichkeit für Aggressive und Wütende. Ein öffentlich gemachter Stammtisch, plakativ gesagt.

Für Adam Joinson, Psychologieprofessor an der University of the West of England in Bristol, der erforscht, wie Technologie unser Verhalten verändert, und sich seit den frühen 90er Jahren mit Online-Aggression beschäftigt, sind es zwei Gründe, die zu einem höheren Aggressionspotential im Internet führen. Einerseits, sagt er, beeinflusst Technologie die Art und Weise in der Menschen sich verhalten: „Online-Kommunikation in Foren führt oft dazu, dass man sich mehr auf seine eigenen Gedanken, Gefühle und Meinungen konzentriert als auf die der anderen.“

Das Schreiben von Texten vor dem Bildschirm verstärke diesen Effekt noch, da die eigenen Gedanken dabei buchstäblich wie in einem Spiegel reflektiert würden. Der zweite Grund für ein erhöhtes Aggressionsverhalten liegt nicht in der Technik, sondern in der Persönlichkeitsstruktur des jeweiligen Internetnutzers. Obwohl die Effekte der Online-Kommunikation auf jeden Menschen wirken, werden laut Joinson Menschen mit narzisstischen, machiavellistischen oder psychopathischen Tendenzen stärker von ihnen beeinflusst als der Durchschnitt. „Menschen, die von sich sagen, dass sie aggressiver in ihren Kommentaren sind als andere, und dass der daraus resultierende Effekt sie befriedigt, zeigen oft diese Persönlichkeitsmerkmale.“

Das Internet ist sicher nicht der Glücklichmacher

Trotz unterschiedlicher Erklärmuster weisen alle drei Experten allerdings gleichermaßen darauf hin, dass sie das Internet keinesfalls nur als Arena menschlicher Abgründe verstehen. „Das Internet ist sicher nicht der Glücklichmacher, der alle unsere Probleme löst. Der Untergang des Abendlandes ist es aber auch nicht“, sagt Politologe Emmer. „Es gibt dort zwar einerseits Aggression, aber andererseits gibt es auch wahnsinnig viele tolle und liebevolle Dinge.“ Emotionsforscherin Döveling beispielsweise erforscht unter anderem, wie sich trauernde Kinder und Jugendliche in Online-Selbsthilfegruppen zusammenfinden und austauschen, was sie als eine der großen Online-Errungenschaften sieht. Psychologe Joinson betont, dass neben negativen Emotionen auch die positiven Emotionen durch das Internet verstärkt werden.

Ellen Pao zog ein ähnliches Resümee in ihrer Abschiedsnachricht auf Reddit. „Während der acht Monate als CEO habe ich das Gute, das Schlechte und das Hässliche auf Reddit gesehen“, schrieb sie. Das Gute sei über alle Maßen inspirierend gewesen. Das Hässliche jedoch habe sie an der Menschheit zweifeln lassen.

GLOSSAR

HATE SPEECH

Aus dem Englischen übernommen, steht der Begriff für die Diffamierung von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Glaubens, Geschlechts oder ihrer Herkunft. Dabei gibt es ein Spannungsverhältnis zwischen dem Recht auf freie Meinungsäußerung und den Persönlichkeitsrechten. Wenn Hate Speech jedoch in den Bereich der Volksverhetzung fällt, ist sie in jedem Fall strafbar.

CYBERMOBBING

Cybermobbing folgt den selben Regeln wie normales Mobbing – nur dass es online stattfindet und damit orts- und zeitunabhängig ist. Für die Opfern gibt es so oft keinerlei sicheren Rückzugsort.

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