Medien : „Da wird es einem zu viel“

Ulrich Tilgner kritisiert das ZDF, Berichte aus Afghanistan und Marietta Slomka als Peking-Touristin

Jetzt wird es für 200 Soldaten der Bundeswehr ernst: Sie haben im Norden von Afghanistan die Norweger als schnelle Eingreiftruppe abgelöst. Was bedeutet das für Sie als Journalist?

Diese Truppe übernimmt Heikles wie Einsätze gegen Terroristen und Aufständische, alles Dinge, die nicht fernsehöffentlich sein werden, und wo die Bundeswehr keine Journalisten „embedden“ wird. Das zeigt aber, dass sich die Bundeswehr immer mehr zu einer Kampftruppe entwickelt.

Sie behaupten, der Neutralitätsstatus der Schweiz macht Ihnen Ihre Arbeit leichter als in Deutschland. Inwiefern?

Die Schweiz hat nicht den Formierungszwang eines Nato-Staates. Wenn die Nato-Staaten in Afghanistan kollektiv eingreifen, wollen sie ihr Auftreten dort in ein entsprechendes Licht stellen. Weil die Schweiz nicht in diesem Verbund ist, kann sie die Situation neutraler beschreiben.

Wie wirkt sich das auf die journalistische Arbeit aus?

Für mich ist es politisch viel einfacher, weil die Schweiz auch Veränderungen, zum Beispiel, in Afghanistan offener gegenüber steht und zudem eher bereit ist, Fehler westlicher Politik zu erkennen. Ich kann berichten, ohne vergleichbare Skepsis auszulösen wie in Deutschland. Die Schweizer Außenpolitikredakteure sind feinfühliger. In den Redaktionen bestimmen nicht, wie es in Deutschland üblich wird, Kollegen, die nur bedingt sachkundig sind.

Steckt da ein Vorbild für deutsche Journalisten drin?

Das ganze System der Auslandsberichterstattung in der Schweiz ist anders. In Deutschland will ein Korrespondent um jeden Preis seinen Bericht ins Programm bringen. Diese Möglichkeit haben Sie in der Schweiz gar nicht, der Anteil der Korrespondentenberichte an der gesamten Auslandsberichterstattung ist viel niedriger, vieles wird redaktionell gefertigt und es kommen oft Anrufe aus der Redaktion in Zürich, wo nachgehakt und abgeglichen wird. Die gesendeten Berichte sind in der Regel sehr gut recherchiert und belegt. An sie schließt sich oft ein Gespräch an mit dem Korrespondenten über den Konflikt oder über das Ereignis, in dem vertieft und nachgefragt wird. Dieses Prinzip spart zudem Kosten und wirkt abgeklärter.

Sie arbeiten seit Langem für das Schweizer Fernsehen. Was war für Sie der Auslöser, jetzt nur noch für diesen Sender zu berichten, zumindest, wenn es um tagesaktuelle Ereignisse geht?

Das lag an mehreren Erfahrungen, die ich durch meine Berichterstattung über Afghanistan gemacht habe. Zentral war ein Erlebnis, das gut ein Jahr zurückliegt und gar nicht mit dem ZDF zusammenhängt. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier fuhr nach Kundus, doch der Presseoffizier vor Ort wollte mir das nicht bestätigen. Angeblich wegen einer Berichterstattung der „Bild“-Zeitung, die im Falle von drei ermordeten deutschen Soldaten schockierende Bilder gebracht habe. Hinterher stellte sich heraus, dass der Außenminister exklusiv mit zwei „Bild“-Journalisten unterwegs war. Das Ganze stand dann auf der Internetseite Bild.de.

Und das ließ das Fass überlaufen?

Die eigene Redaktion, das ZDF, begriff überhaupt nicht, was solche Arbeitsumstände bedeuten. Im Gegenteil. Die kritisieren einen Kollegen sogar noch, weil man Berichte anders gemacht hat, als sie es erwarteten, und erklären, der Konkurrenzsender habe die Geschichte auch anders gesehen. Da wird es einem dann zu viel.

Konkret ging es zum Beispiel um Folgendes: Sie haben nach der Befreiung entführter Deutscher in Afghanistan nicht diese Tat gefeiert, sondern nachgefragt, an welchen Stellen die afghanische Polizei Fehler gemacht hat.

Ja. Und ich möchte weiterhin über die Wirklichkeit berichten. Ich will keine Berichte liefern, die beliebig sind. Ich möchte sagen, was ich denke. Dafür stehe ich gerade und für sachliche Richtigkeit. Ich möchte keinem redaktionellen Druck nachgeben, der Konzessionen bedeutet, die ich nicht mehr eingehen mag. Diese Grenze ist beim ZDF an einigen Punkten verschwommen.

Ist die Skepsis der Redaktion gegenüber Ihrer Kritik eine Art vorauseilender Gehorsam der deutschen Politik gegenüber?

Es geht in die Richtung. Ich habe die Mitverantwortung Deutschlands dargestellt und mit Zahlen belegt, dass zu wenig Geld für den Polizeiaufbau in Afghanistan bereitgestellt wurde. Es wurde viel zu wenig in Ausrüstung und Ausbildung investiert, obwohl eine möglichst nicht korrupte, gut ausgebildete Polizei eine Schlüsselrolle hat beim Wiederaufbau eines Landes. Da wurden Fehler gemacht. Solche Kritik werten selbst die eigenen Kollegen zu leicht als Nörgelei, statt sie aufzugreifen und verstärkt für das Programm zu nutzen.

Warum vertrauen Heimatredaktionen selbst in einem öffentlich-rechtlichen Sender zunehmend weniger auf ihre Korrespondenten?

Früher war man angewiesen auf die Korrespondenten, sie waren oft die einzigen vor Ort. Nun sind Bilder aus Dutzenden von Kameras über Bildagenturen verfügbar, die Digitalisierung macht alles schneller und kostengünstiger. In der Folge wird manche Geschichte inhaltlich recht oberflächlich über einen angebotenen Bildteppich „designt“.

Das ZDF hat in Peking ebenfalls Korrespondenten. Dennoch reiste „heute-journal“-Moderatorin Marietta Slomka an und präsentiert diese Woche in fünf Beiträgen aus bewusst unbefangener Warte ihre Eindrücke von China. Ist das ein weiterer Trend?

Ja, die Moderatoren gewinnen Einfluss, sie führen nicht nur ein in die Beiträge, sondern lenken sie oft in eine bestimmte Richtung. Sie treten immer häufiger auch vor Ort auf, aber nicht um Erfahrungen zu sammeln, sondern um ihre Omnipräsenz zu verstärken.

Offenbar besteht viel Nachholbedarf an kritischen Analysen. Welche Fragen drängen besonders?

Fragen wie: Wie verhält es sich mit Aussagen, die Politiker unter dem Siegel der Vertraulichkeit geben und damit eine Art Vorzensur bewirken, weil man sie ja nicht zitieren kann? Wie eng ist der Blickwinkel von Journalisten, die, wie das mittlerweile üblich ist, nur in Begleitung von Bundeswehrsoldaten durch ein Krisengebiet reisen? Wenn Sie genau hinsehen, wer noch allein und unabhängig unterwegs ist und berichtet, dann erschrecken Sie.

Das Interview führte Marlis Prinzing.

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