Daily Soaps : James Bond im Marienhof

ARD-Seifenopern kommen nicht aus der Krise – Dokusoaps und Castingshows haben ihnen bei Jugendlichen den Rang abgelaufen

Markus Ehrenberg,Adrian Pickshaus
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Der "Marienhof"Foto: ARD

Von wegen: Frauen können’s besser. Vor ein paar Tagen verkündete ARD-Programm-Direktor Volker Herres, die Ende April gestartete Vorabendserie „Eine für alle - Frauen können’s besser“ schon wieder aufzugeben. Ursprünglich waren 200 Folgen geplant, jetzt ist nach der Hälfte Schluss. Obwohl der Serienstart im Frühjahr von einer fünf Millionen Euro teuren Werbekampagne und einer großen Diskussion über die vermeintliche Männerfeindlichkeit des Werbeslogans begleitet wurde, kam das Format bei der werberelevanten Zielgruppe zwischen 14 und 49 Jahren zuletzt nur auf 3,3 Prozent. Verzweiflung, mindestens Ratlosigkeit bei den Programmplanern im Ersten. Das Serien-Desaster nimmt kein Ende. Was Quote und Kritik betrifft, hat seit „Berlin, Berlin“ mit der beliebten Hauptfigur Lolle zwischen 18 und 20 Uhr im Grunde nichts Neues mehr funktioniert, abgesehen vom Dauerbrenner Jörg Pilawa mit seiner „Quiz Show“ und der wechselt möglicherweise bald zum ZDF. Da tröstet es wenig, dass es Sat1 beispielsweise mit der Etablierung neuer Seifenopern-Formate wie „Anna und die Liebe“ nicht viel besser ging.

Und jetzt schwächeln auch noch die Dauerbrenner, die Edel-Daily-Soap „Verbotene Liebe“ (seit 1995) und der tägliche „Marienhof“ (seit 1992). Absetzen ist dabei nur eine Methode, um das Vorabendprogramm wiederzubeleben. Beim „Marienhof“ wird radikaler vorgegangen. Er wurde vor ein paar Folgen kurzerhand in die Luft gejagt, genauer gesagt, das Einkaufszentrum der ARD-Seifenoper, die „Fechner-Galerie“, gesprengt, durch eine gewaltige Gasexplosion dem Erdboden gleichgemacht. Gefahr für die Darstellerriege bestand nicht. Der große Knall war geplant, von den Drehbuchschreibern verordnet, als Teil eines umfassenden Relaunch. „James-Bond-mäßig“ sollte es aussehen, sagt Hans Feldmeier, Chefausstatter beim „Marienhof“.

Ein überarbeiteter Look, glaubwürdigere Geschichten und neue Gesichter sollen die Serie aus dem Quotentief hieven. Zuletzt wollten um die neun Prozent der werberelevanten Zielgruppe Toni, Sülo und Töppers bei der Alltagsbewältigung zuschauen. Im Jahr 2000 waren es noch durchschnittlich 16 Prozent. Zweistellige Marktanteile in der werberelevanten Zielgruppe – wie beim Pilawa-Quiz um 19 Uhr 20 – sind das Minimum am Vorabend, gerade auch für die Öffentlich-Rechtlichen, die nur bis 20 Uhr werben dürfen und Geld einnehmen wollen.

Viel Arbeit und Verantwortung für den Architekten des neuen „Marienhof“: Simon Müller-Elmau. Der Mann hat Soap-Erfahrung, drei Jahre lang hat er die „Verbotene Liebe“ produziert. Seit Februar 2009 ist er für jene Geschichten zuständig, die in Köln spielen sollen, aber in den Münchner Bavaria-Filmstudios gedreht werden. Ihn reize am „Marienhof“ die Authentizität der Figuren, die „Verbotene Liebe“ sei ja „eher märchenhaft“ gewesen. Jetzt wolle er „den Marienhof ins Jahr 2010 katapultieren“. Gelingen soll dies durch eine neue Bildsprache. Ein semi-dokumentarischer Stil werde angestrebt, sagt Müller-Elmau, mehr bewegte Kamera und ein erhöhtes Schnitttempo. „Andere Soaps haben da schon gut vorgelegt, der ,Marienhof’ muss aufholen.“ Zum Beispiel gegenüber dem RTL-Klassiker „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (kurz: „GZSZ“; seit 1992), der mit rund 20 Prozent Marktanteil in der jungen Zielgruppe konstant beliebt ist, was laut Producer Rainer Ruppert damit zu tun habe, dass man bei „GZSZ“ immer am Puls der Zeit sei, oft sogar einen Schritt voraus. Aber auch beim Marktführer wird über regelmäßige Faceliftings nachgedacht. „Obwohl es keinen festen Rhythmus gibt“, sagt Ruppert, „muss alle paar Jahre ein neuer Look her, vor allem, was Sets, Ausstattung und Bildsprache anbelangt. Über die Geschichten, die Charaktere und die Dramaturgie können wir zudem relativ rasch auf neue Trends eingehen.“

Vielleicht hat die öffentlich-rechtliche Konkurrenz in dieser Hinsicht etwas geschlafen. Der Inhalt beim „Marienhof“ werde jetzt jedenfalls zugespitzt – mehr Helden, mehr Happy Ends, sagt Müller-Elmau. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Soziale Wirklichkeit wie Ausländerhass, Rechtsradikalismus oder Arbeitslosigkeit – das war bei den täglichen Serien jahrelang fast ausschließlich Sache des „Marienhof“. Zwar solle der „Marienhof“ bodenständig und alltagsnah bleiben, aber: „Wir machen kein Depri-Fernsehen. Wir zeigen dem Zuschauer, wie unsere Figuren ihre Probleme anpacken und lösen.“ Der „Marienhof“ sei nicht die „Lindenstraße“.

Ob die Kurskorrekturen die Daily Soap aus dem Quotentief hieven können, ist fraglich. Die Fernsehlandschaft habe sich verändert, zuungunsten der Seifenopern, sagt die Medienwissenschaftlerin Maya Götz. „Gerade bei jungen Zuschauern haben Castingshows und Doku-Soaps den Daily Soaps ein Stück weit den Rang abgelaufen. Doku-Soaps sind attraktiv, weil sie so authentisch wirken. Castingshows sind deshalb so spannend, weil sie soziale Fragen von Auf- und Abstieg, Leistungsdruck und Versagensangst thematisieren.“ Auch die visuellen Ansprüche seien gestiegen. Gegen die überästhetisierte Bilderwelt von US-Serienhits wie „CSI“ würden die kostengünstig produzierten Soapwelten blass aussehen.

Nun wurde im „Marienhof“ noch nie auf makellose Model-Gesichter in Luxusinterieurs Wert gelegt. Gezeigt wurde die Reisekauffrau im Ikea-Zimmer. Da diese Gewöhnlichkeit über Jahre hinweg zur Stärke verklärt wurde, hat es Müller-Elmau bei seinem Relaunch schwer mit einem radikalen Bruch. Keine der alten Figuren wird herausgeschrieben, lediglich drei Charaktere werden hinzukommen. Es sei immer schwierig, Figuren einzuführen, sagt der Produzent. Lieber wolle er „mit tollen neuen Geschichten schwach gewordene Charaktere wieder stark machen“. Die treuen Anhänger zieht er mit solchen Aussagen offenbar auf seine Seite. Im serienbegleitenden Online-Forum appellieren User wie „ti-keij“ an die Verantwortlichen: „Setzt auf die langjährigen Fans und somit auf die langjährigen Darsteller!“ Zudem sollten die einzelnen Stories auserzählt, auf unglaubwürdige Wendungen sollte verzichtet werden.

Die Medienwissenschaftlerin rät Soap-Machern, sich wieder auf den Gebrauchswert der Formate zu konzentrieren. Soaps seien zu ihrer Hochzeit um die Jahrtausendwende „das große soziale Lernprogramm gewesen“. Dahin müssten Seifenopern zurückfinden. Die Zuschauer wollten „echte Geschichten erzählt bekommen, bei denen sie mitfühlen können, ohne überfordert zu werden“. Die Wirtschaftskrise sei komplex genug. Nicht ohne Grund hätten einfache Formate, bei denen nur eine Hauptfigur im Zentrum des Geschehens stünde, Hochkonjunktur.

Das hätten die Macher von „Eine für alle“ eigentlich wissen müssen. Mitte Oktober gehen die vier Hauptdarstellerinnen mit ihren Problemen rund um ein mittelständisches Werk, das von Heuschrecken bedroht ist, das letzte Mal auf Sendung. Wie der problematische Sendeplatz im Ersten gefüllt wird, ist unklar. Wahrscheinlich mit einer Castingshow.

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