Daniel Barenboim : Taktgefühl für den Frieden

Barenboim spielt mit seinem arabisch-israelischen Jugendorchester in Italien.

Christine Lemke-Matwey

Es gibt eine Schönheit, die ist fast Sünde. Von Ravello aus betrachtet, 300 Meter hoch über der amalfitanischen Küste gelegen, schmiegt sich das Meer an schönen Tagen wie eine Silbersichel um den Horizont. Im Hintergrund Pinien und Oleander, zirpende Zikaden und hin und wieder ein dünnes Kirchturmgeläut – der perfekte Traum vom Süden. Kein Wunder, dass Richard Wagner sich hier 1880 während eines Aufenthaltes in der Villa Rufolo zu „Klingsors Zaubergarten“ inspirieren ließ, dem Bühnenbild zum zweiten Akt seiner Oper „Parsifal“.

Werke von Wagner stehen auch auf dem Programm, wenn Daniel Barenboim heute Abend in Ravello ans Pult des West-Eastern Divan Orchestra tritt („Meistersinger“-Vorspiel, Vorspiel und Liebestod aus „Tristan und Isolde“ sowie der erste Aufzug der „Walküre“). Im römischen Amphitheater von Amman/Jordanien, wo das Konzert eigentlich hätte stattfinden sollen, wäre das letzte Stück eine Sensation gewesen: zum ersten Mal ein kompletter Akt aus einer Wagner-Oper in einem arabischen Land! In Ravello, das seit 1953 alljährlich ein Festival zu Ehren des Bayreuther Meisters ausrichtet, markiert die „Walküre“ lediglich einen Höhepunkt unter mehreren. Insgesamt 800 Künstler aus 20 Ländern treten hier noch bis zum 31. Oktober in 143 Veranstaltungen auf.

Aufgrund „verschärfter Sicherheitsbestimmungen“ war der Auftritt des arabisch-israelischen Jugendorchesters in Jordanien Ende Juli auf 2009 verschoben worden. Zwei Wochen zuvor hatte ein Unbekannter während eines Konzertes im Amphitheater von Amman auf Besucher geschossen und dabei sechs Touristen verletzt. Anschließend beging der Mann Selbstmord. Man mag bewundern, mit welcher Spontaneität Barenboim, das Orchestermanagement, die italienischen Festivalmacher und der live übertragende Kulturkanal Arte reagierten, und natürlich gab es zu dieser Entscheidung keine Alternative.

Ein leiser schaler Beigeschmack bleibt dennoch: Manövriert sich der Traum von der völkerverständigenden Macht der Musik hier langsam ins Aus? Wird durch die immer neuen, vielfach vergeblichen Versuche, im Nahen Osten über das gemeinsame Musikmachen eine Art Modell-Dialog zu initiieren, am Ende nichts anderes dokumentiert, als dass die Tagespolitik immer Recht behält und mit ihr Krieg, Gewalt, Zerstörung? Erst vergangenen Dezember war einem palästinensischen Bratschisten des Orchesters die Einreise nach Gaza verwehrt worden, woraufhin das dort geplante Konzert aus Solidarität abgesagt wurde; und Auftritte in Jerusalem sind erst recht Zukunftsmusik.

Seit es das West-Eastern Divan Orchestra gibt, seit 1999, betont Daniel Barenboim, dass das Projekt dem Nahen Osten gewiss nicht den ersehnten Frieden bringen werde. Kunst und Politik dürfe man keineswegs miteinander verwechseln. Aber: „Wenn ein junger Araber und ein junger Israeli versuchen, die gleiche Note mit der gleichen Dynamik, dem gleichen Bogenstrich, dem gleichen Klang und dem gleichen Ausdruck zu spielen, dann ist das Gespräch da.“ Auf Dauer freilich macht es einen Unterschied, ob jenes Gespräch tatsächlich auch vor Ort stattfinden kann oder nicht. Es macht einen Unterschied, ob die jungen Musiker begeistert von Konzertreisen nach Madrid, Ravello, Berlin oder London nach Hause zurückkehren – oder ob diese Konzerte zu Hause stattfinden, vor heimischem Publikum in Israel, Ägypten, Syrien, Jordanien, im Libanon und im West-Jordanland.

Bislang hat Daniel Barenboim keine politisch korrekte oder inkorrekte Gelegenheit ausgelassen, sein Credo zu formulieren: Als er 2001 mit der Berliner Staatskapelle in Israel Wagner spielte und einen Eklat auslöste; oder als er 2004 in der Knesset aus der israelischen Verfassung zitierte und dafür scharf attackiert wurde. In Israel, sagt Barenboim, gibt es nur mit den Palästinensern eine dauerhafte Befreiung vom Terror, niemals ohne oder gegen sie. So wie in der Musik ein jeder scheitert, der dem anderen nicht zuhört. Die Verschiebung des Amman-Konzerts wird Barenboim nicht klaglos hinnehmen, vielleicht ergreift er in Ravello heute Abend also nicht nur den Taktstock, sondern einmal mehr auch das Wort. Den Atem dafür hat er.

„Daniel Barenboim und das West-Eastern Divan Orchestra live aus Ravello“, 19 Uhr und 20 Uhr, Arte.

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