Medien : „Dann ist das Drama perfekt“

Regisseur Dieter Wedel über TV-Boxen, Helden und warum man nicht auf Henry Maske hören sollte

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Herr Wedel, interessieren Sie sich für Boxen?

Aber ja. Ich versteh nur leider nichts davon. Ich war sogar beim letzten Kampf von Henry Maske dabei. RTL hatte mich eingeladen. Da bin ich natürlich hin.

Wie gefiel Ihnen der „Gentleman“?

Eine unglaubliche Persönlichkeit. Beeindruckend im Ring. Von geschmeidiger Eleganz. Und privat ein sehr netter Mann. Draufhauen kann jeder. Maske hat mehr drauf.

Haben Sie jemals selbst, bitte entschuldigen Sie den Ausdruck, eins auf die Fresse gekriegt?

Nein. Nur einmal beinahe, in Berlin. Ich war mit einer Dame in einer Hotelbar. Als wir gehen wollten, machte der Mann, der kein Herr war und neben uns an der Bar gesessen hatte, eine dumme Bemerkung. Ich habe gesagt, entweder Sie entschuldigen sich sofort, oder ich haue Ihnen eine in die Schnauze. Im Sitzen war der Kerl so groß wie ich, als er aufstand, hatte er die doppelte Größe. Ich dachte, ach du lieber Gott. Dann sagte er: „Entschuldigen Sie bitte“ und setzte sich wieder. Die Frau war hingerissen von mir.

Blut, Schweiß und Tränen – das ist Boxen. Was packt Sie dabei?

Der Kampf schlechthin. Wenn dann auch noch der vermeintlich Schwächere gewinnt, ist das Drama perfekt. Ginge es allein um plumpe Kraft, wäre das alles furchtbar langweilig. Aber es gehört auch Köpfchen dazu, um gewinnen zu können. Das ist genauso spannend wie eine große dramatische Szene.

Witali Klitschko hat gesagt, Boxen sei Abbild des Lebens. Mann gegen Mann, einer gewinnt, einer verliert. Die Menschen fänden sich darin wieder. Und außerdem wäre Boxen leicht zu verstehen.

Recht hat er. Ist ja auch ein gescheiter Mann. Wie sein Bruder. Das Einzige, was mich an den beiden stört, ist, dass ich, wenn sie neben mir stehen, ein steifes Genick bekomme. Weil ich immer hoch gucken muss. Man kommt sich neben den beiden winzig klein vor. Ich war mit den Klitschkos bei „Wetten dass…?“ eingeladen und habe darum gebeten, dass sie nicht aufstehen, wenn ich ihnen guten Abend sage. Das haben sie auch gemacht.

Boxen ist öffentlich erlaubte Ausübung von Gewalt und gehört von daher auf den Index und nicht ins Fernsehen – meinen Sie nicht auch?

Die Welt und das Leben sind gewalttätig. Viel mehr als Boxen. In den Zeitungen und im Fernsehen findet tagtäglich viel mehr Gewalt statt, nur verdeckt. Da ist mir ein ehrlicher Boxkampf, der offen geführt wird, immer noch lieber.

Henry Maske kann vom Boxen offenbar nicht lassen. Ist das nicht verrückt?

Ich empfinde die größte Bewunderung für Maske. Der Mann riskiert wahnsinnig viel. Ich finde es toll, wenn er sagt, es ist mir egal, wie alt ich bin, egal, was die anderen sagen, ich versuch’s noch mal.

Sie verstehen, warum dieser Mann wieder in den Ring steigt?

Er tut es für sich. Ausschließlich, glaube ich. Wäre ich Boxer, ich würde es genauso machen. Er will es noch mal wissen. Selbst, wenn er kräftig vermöbelt wird, was ich nicht hoffe, weiß er anschließend mehr über sich selbst. Er hat ja seinen letzten Kampf verloren, obwohl er glaubte, er hätte ihn gewinnen können. Das schmerzt wie ein Nagel im Fleisch. Mich wundert nur, dass er so lange mit dem Comeback gewartet hat.

Gilt das auch für Axel Schulz? Der will ja sogar noch mal richtig Karriere machen.

Ich bewundere Menschen, die sagen, wer will denn behaupten, dass mit Ende Dreißig nichts mehr geht? Oder mit Fünfzig oder mit Siebzig?

Manche Ärzte sagen, dass der Körper eines 40-Jährigen solchen Belastungen nicht mehr gewachsen ist.

Ich habe kürzlich mit einer Bekannten gesprochen. Deren Mutter ist Schauspielerin, inzwischen 94. Bis sie 89 wurde, hat sie gearbeitet. Irgendwann hat sie dem nachgegeben, was alle ihr gesagt haben, dass es doch langsam zu viel für sie werde. Sie hat aufgehört. Drei Monate später fing ihre Demenzerkrankung an. Sie können sagen, Zufall. Ich sage, sie ist krank geworden, weil sie losgelassen hat. Man stirbt vielleicht früher, wenn man in Pension geht.

Ein schöner Tipp auch für Ex-Sportgrößen: Macht’s noch einmal, und ihr werdet wieder glücklich sein.

Was, glauben Sie, würden Sportstars wie Boris Becker machen, würde man ihnen anbieten, noch ein Mal Wimbledon zu gewinnen, aber danach wäre ihr Leben zu Ende? Ich könnte mir denken, sie würden zustimmen. Stellen Sie sich das vor: das Leben noch einmal mit beiden Händen packen zu dürfen! Und dann als Held sterben – träumen wir nicht alle davon?

Man muss leben, um zu leben. Ist es das?

Das ist unser einziges Leben. Und es hat den Sinn, dass wir es erleben. Ein Satz aus meinem neuen Film ,,Mein alter Freund Fritz“.

Und wie ist es mit dem Tod?

Gehört zum Leben. ,,Die intensivste Form des Lebens“, sagt Thomas Mann. Ich inszeniere bald zum dritten Mal die Nibelungen. Mich hat immer interessiert, was Unverwundbarkeit, um die es ja in den Nibelungen auch geht, mit den Menschen anrichtet. Ich begegne häufig Menschen, die sich für unverwundbar halten. Ich kenne x Schauspieler, die ganz oben waren und plötzlich dachten, sie könnten sich schlecht benehmen, müssten sich nicht mehr vorbereiten.

Und dann ...

... entdeckt man bei ihnen das Lindenblatt. Auf einmal sind sie verwundbar. Wie sieht einer aus, der glaubt, sich nicht mehr beweisen zu müssen? Ich glaube, wie Maradona, mit Zigarre in der Hand, völlig verfettet und kaputt. Genauso sah mein Siegfried aus. Und dann begreife ich auch, warum Kriemhild Siegfrieds Verwundbarkeit verrät. Weil sie ihren alten Siegfried wiederhaben will.

Vielleicht hat Maske auch ganz einfach nur Angst vor dem Alter.

Maske riskiert ein Gelächter homerischen Ausmaßes. Aber sich wieder verwundbar zu machen, sich noch einmal zu stellen – das ist großartig. Das ist Leben.

Ist Henry Maske ein Held?

Dostojewski hat gesagt, der Apfel, der am Baum hängen bleibt, der verfault. Nur der Apfel, der zur Erde fällt, kann zu einem neuen Baum werden. Wunderbar.

Kennen Sie Henry Maske persönlich?

Ja, ein sympathischer Mann. Er hat mir einmal einen Tipp gegeben. Auf den ich allerdings besser nicht gehört hätte.

Warum nicht?

Weil ich deshalb bei einem Prominentenquiz viel zu früh rausgeflogen bin. Maske hatte mir vorgesagt. Leider falsch.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

Dieter Wedel , 63, einer der erfolgreichsten deutschen Regisseure („Der Schattenmann“, „Der König von St. Pauli“). Seit 2002 leitet Wedel die Nibelungenfestspiele in Worms.

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