Medien : Dann muss ja was dran sein ...

Für Journalisten auf der ganzen Welt entwickelte sich CNN zum Fluch und Segen / Von Peter Kloeppel

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Sonntag, der 1. Juni 1980, war ein schlechter NachrichtenTag in Amerika. Es war einfach nichts los. Das politische Washington weigerte sich in schläfriger Frühsommer-Stimmung, auch nur die kleinste Neuigkeit zu produzieren; die in den vergangenen Wochen so zahlreich in Florida anlandenden kubanischen Bootsflüchtlinge schienen sich einen Tag freigenommen zu haben; selbst der zwei Wochen zuvor explodierte Vulkan Mount St. Helens an der Westküste schmauchte wieder so friedlich vor sich hin wie seit tausenden Jahren. Und ausgerechnet an diesem Tag um 18 Uhr wollte in Atlanta ein Sender seine ersten Bilder durch Amerika und um die Welt schicken mit dem erklärten Ziel, rund um die Uhr Nachrichten zu senden, nichts als Nachrichten.

Als das erste CNN-Bild pünktlich um 18 Uhr Atlanta verließ, sahen die wenigen Zuschauer denn auch erst einmal keine News, sondern: Ted Turner. Den Mann, der mit TV-Programmen ein Vermögen verdient und sich nun vorgenommen hatte, der Welt einen Sender zu präsentieren, der „eine positive Kraft sein soll angesichts der Übermacht der Zyniker, der Menschen Informationen liefern soll, an die sie sonst nicht kommen“. So las es Turner von einem Zettel ab, und nachdem anschließend die letzten Töne der amerikanischen Nationalhymne verklungen waren, rief Turner begeistert in seinem Südstaaten-Akzent: „Awwriiight!“ CNN war geboren, und für den Fernsehjournalismus begann eine neue Ära.

Zwar hinterließ dieser Tag 1 der CNN- Geschichte in Amerika noch keine Spuren, schon gar nicht im Rest der Welt. Das Cable News Network mit Sitz im hinterwäldlerischen Georgia musste sich von den überheblichen großen US-Sendern sogar „Chicken Noodle Network“ nennen lassen – weil man mit wenig Geld ein 24-stündiges Nachrichten-Menü zusammenstellte.

Doch die News-Junkies unter Turner blieben am Ball. Sie zeigten die Rückkehr der in Teheran festgehaltenen US-Geiseln, experimentierten mit Parallel-Übertragungen bei Debatten von Präsidentschaftskandidaten. Ihr Credo: „Wir zeigen die Nachrichten, wenn sie entstehen.“ Es funktionierte. Zwar faszinierte das Programm nicht die Massen, aber doch schalteten täglich mehr und mehr Menschen ein. Gleichzeitig frustrierte CNN die großen Networks, die ihre Zuschauer erst um 18 Uhr 30 mit den Bildern des Tages versorgen konnten. Das Nachrichten-Karussell begann sich schneller und schneller zu drehen.

Doch Geschwindigkeit alleine machte nicht die Stärke des neuen Mediums aus. CNN konnte sich mit den Jahren zu Recht damit schmücken, den Mächtigen dieser Welt, die ihre Macht lieber unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausüben, das Leben schwer zu machen. Als im Mai 1989 Millionen Chinesen friedlich gegen ihr Regime revoltierten, sendete CNN stundenlang live aus Peking – bis die kommunistische Regierung den Stecker zog. Was die Weltöffentlichkeit erst recht gegen die Hardliner in Peking aufbrachte. Citizen Turner war begeistert.

Aber zugleich versuchten Diktatoren auch, CNN für ihre Zwecke zu nutzen. Unvergessen bleiben die Live-Reportagen von Peter Arnett im Golfkrieg 1991. Der Reporter hatte als einziger Vertreter eines US-Senders die Erlaubnis erhalten, aus Bagdad zu senden, während US- Kampfflugzeuge Bagdad bombardierten. Die irakischen Propaganda-Offiziere führten ihn anschließend bewusst zu den Zielen, zivilen und vermeintlich zivilen, wo die Bomben eingeschlagen waren – noch heute muss sich Arnett vor allem gegenüber konservativen Amerikanern dafür rechtfertigen, dass er im Irak blieb und über tote Mütter und Kinder berichtete.

Für Journalisten auf der ganzen Welt entwickelte sich CNN zu Fluch und Segen gleichermaßen. Immer öfter mussten und müssen sie sich von ihren Heimatredaktionen fragen lassen: „CNN hat gerade dies und das gemeldet – weißt du das schon?“ Und gleichzeitig beginnen Reporter, den Sender als Quelle zu nutzen – mal ganz offen, mal verschämt, mal ohne es zu erwähnen. Und nicht selten genug gewinnt eine „Story“ erst dann die Aufmerksamkeit der Zentrale, wenn CNN darüber berichtet – „dann muss ja was dran sein ...“ Schlimmer noch: So manche Information wird zurückgehalten, bis es quasi die Bestätigung live durch CNN-Reporter gibt.

Während CNN sich bewusst als politisch neutral bezeichnet, verbreiten andere News-Kanäle ihre Weltanschauung gleich mit. Leider mit Erfolg: In den USA kämpft CNN gegen die wachsende Übermacht des konservativen Fox News Channels, dessen Reporter sich im letzten Golfkrieg auch gerne schon mal als Speerspitze des „American way of life“ in den Bildvordergrund drängelten. Manche Reporter verwechselten ihr Mikrofon mit einem Schießeisen. Umgekehrt nutzen aber auch extremistische Kräfte die Verfügbarkeit des Mediums als permanenten ideologischen Durchlauferhitzer. Man denke nur an die Bilder von Enthauptungen von Geiseln im Irak, die erst im Internet und dann schnell auch in Ausschnitten aufAl Dschasira zu sehen waren.

Seit 25 Jahren nun prägt CNN das Gesicht von TV-Nachrichten in der Welt. Allein sind die Pioniere aus Atlanta auch längst nicht mehr im Nachrichten-Geschäft. Von immer mehr Bildschirmen springt einem ein „Breaking News“-Laufband entgegen. Die Abspielfläche für Meldungen aller Art hat exponentiell zugenommen, nicht immer zum Wohle der Nachrichten.

Noch immer nimmt die Geschwindigkeit des Nachrichtenflusses zu. Die Techniker bauen mobilere Satelliten-Übertragungsanlagen, Bild-Übertragung über Handy-Netze dürfte bald die sperrigen Schüsseln ersetzen und befördert jeden Foto-Handy-Besitzer zum potenziellen Reporter. CNN hat die Welt näher zusammenrücken lassen – uns Journalisten kommt umso mehr die Aufgabe zu, eine gemeinsame Sprache zu finden, Schleusen gegen die Flut der Bilder zu bauen.

Der 1. Juni 1980 war übrigens doch kein so schlechter Nachrichten-Tag. 22 Minuten nach Sendestart übertrug die Redaktion eine erste Live-Pressekonferenz mit Jimmy Carter. Und eine richtig schöne Panne leistete man sich auch gleich: Als die Regie schneller als geplant nach Florida schaltete, bohrte der überraschte Reporter noch in der Nase. Trotzdem verabschiedete sich die Moderatorin Lois Hart nach der ersten Stunde lächelnd mit den Worten: „Bleiben Sie dran, wir bieten Ihnen Nachrichten, Sport, Wetter und Reportagen – ab jetzt für immer und ewig.“

Peter Kloeppel ist Chefredakteur von RTL und moderiert die Nachrichten „RTL aktuell“.

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