Medien : Darf über Hitler gelacht werden?

Die ARD drehte eine Nazi-Komödie – und ließ sie zwei Jahre im Giftschrank

NAME

Von Volker Königkrämer

Es gibt Fernsehfilme, denen würde man wie beim Theater gerne über die Schulter spucken. Man möchte ihnen am liebsten einen Klapps auf den Rücken geben und sie mit einem aufmunternden toi, toi, toi in die Premiere entlassen. Weil man ihnen den Erfolg so sehr gönnt – und einen gleichzeitig die Sorge um ein Scheitern nicht loslässt.

„Goebbels und Geduldig“, den die ARD gerade der Programm-Presse präsentiert hat und am 20. November zur besten Sendezeit um 20 Uhr 15 ausstrahlen will, ist so ein Sorgenkind. Und das, obwohl Autor, Regisseur und Besetzung zum Besten zählen, was das deutsche Fernsehen derzeit zu bieten hat: Drehbuch Peter Steinbach (er schrieb unter anderem die Bücher für „Heimat“, „Jahrestage“ und „Klemperer“), Regie Kai Wessel, dazu Schauspieler wie Ulrich Mühe, Eva Mattes, Dieter Pfaff und Katharina Thalbach sollten eigentlich Garantie genug sein für ein TV-Ereignis.

Der Grund, warum das Zwei-Millionen-Euro-Projekt des Südwestrundfunks (SWR) dennoch seit zwei Jahren von banger Erwartung begleitet wird, ist sein Inhalt. Denn „Goebbels und Geduldig“ ist die erste deutsche Komödie über den Nationalsozialismus.

Die Geschichte basiert auf einer irrwitzigen Fiktion: Reichspropagandaminister Joseph Goebbels (Ulrich Mühe) entgeht auf der Fahrt zum Obersalzberg knapp einem Attentat. Sein Rivale Heinrich Himmler, so wird ihm zugeflüstert, sei der Drahtzieher, er habe auch einen Doppelgänger von ihm versteckt. Goebbels macht sich sofort auf den Weg. In einem geheimnisvollen Lager, das von Kommandant Eugen Haase (Dieter Pfaff) und seiner Frau Hertha (Katharina Thalbach) geleitet wird, trifft er auf seinen Doppelgänger, den Juden Harry Geduldig. Es kommt zu einer Verwechslung: Harry gelingt es, als Goebbels aus dem Lager zu entfliehen und seine große Liebe Grete (Dagmar Manzel) mitzunehmen. Auf einer Parteiversammlung in Nürnberg jubelt ihm das Volk zu. Doch dann geht die Fahrt in die Höhle des Löwen: Auf dem Obersalzberg trifft er auf Hitler (Jürgen Schornagel), Eva Braun (Katja Riemann) und muss mit „seiner“ Frau Magda (Eva Mattes) das Bett teilen ...

Es ist schon ein kleines Wunder in Fernseh-Zeiten wie diesen, dass ein Wagnis wie „Goebbels und Geduldig“ den Weg durch die Programm-Instanzen halbwegs unbeschadet überlebt. Zunächst schien es auch so, als ob die ARD auf halbem Weg der Mut verlassen hätte. Immerhin lag der Film bereits seit über zwei Jahren fix und fertig in der Schublade, mehrmals wurde der Sendetermin verschoben, zuletzt ein Ausweichen in die späte Nacht als Kompromiss diskutiert.

Manch ein ARD-Mitarbeiter sprach hinter vorgehaltener Hand schon von einem Flopp.

Spekulationen, denen der damalige Fernsehspiel-Chef des SWR, Dietrich Mack, eine klare Absage erteilt: „Es gibt keinen Grund zu mutmaßen, dass der Film versteckt werden sollte.“ Im Gegenteil, es sei von Anfang an geplant gewesen, „Goebbels und Geduldig“ zunächst auf internationalen Festivals laufen zu lassen, um sich ein gewisses Renommee zu holen, ehe er dem deutschen Fernseh-Publikum präsentiert werden sollte.

So tourte der Film zwei Jahre lang von Brighton über Banff und Sao Paulo zum New York Festival, wo er in den Kategorien „Best Writing“ und „Best Direction“ eine bronzene und silberne Auszeichnung errang. Dass es dennoch Skepsis in den eigenen Reihen gab, mag Mack nicht verhehlen. Indiz dafür: NDR-Programmdirektor Jürgen Kellermeier, zuständig für den ARD-Fernsehfilm, ließ sich extra eine Videokassette zuschicken, ehe er grünes Licht für die Austrahlung in der Prime-Time gab.

Auch Kellermeier wird sich die Frage gestellt haben, mit der sich zuvor schon alle Mitwirkenden intensiv auseinandergesetzt haben: Ist es erlaubt, den Schrecken der Nazizeit ein Lachen abzugewinnen? Erst recht als Deutsche? „Man muss es einfach versuchen“, sagt Regisseur Kai Wessel. „Wenn man das Thema Drittes Reich wachhalten möchte, muss man es immer wieder neu zur Diskussion stellen. Und da ist die Komik ein anderer neuer Weg.“ Autor Peter Steinbach findet dagegen die Frage überflüssig: „Natürlich darf man nach der Mehrheitsmeinung nicht über die Nazis lachen. Schon aus diesem Grund ist der Film wichtig und ein Experiment, zu testen, wie weit das geht mit der ,political correctness’ in unseren Breiten.“ Doch es ist nicht die gewaltige Fallhöhe allein, die aus „Goebbels und Geduldig“ ein Wagnis macht. Da ist auch noch der Vergleich mit Kino-Klassikern wie „Sein oder Nichtsein“, „Der große Diktator“ und Roberto Begninis „Das Leben ist schön“, an denen die deutsche Nazi-Komödie zwangsläufig gemessen werden wird.

Die Latte liegt hoch – ein Grund mehr, warum man „Goebbels und Geduldig“ zur Premiere gerne über die Schulter spucken würde.

0 Kommentare

Neuester Kommentar