Medien : Das Alpha-Tier

Gabor Steingart, Chef des „Spiegel“-Hauptstadtbüros, bekommt einen neuen Vize

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Von Ulrike Simon

Elf Monate nachdem Gabor Steingart die Leitung des Berliner „Spiegel“-Büros angetreten hat, gibt es erneut einen Wechsel. Steingart bekommt mit dem diesjährigen Kisch- Preisträger und „Spiegel“- Reporter Dirk Kurbjuweit, 39, einen neuen Stellvertreter. Ulrich Deupmann gibt im Gegenzug den Posten ab und wird Autor des Magazins. Der Wechsel ist das vorläufige Ende einer Auseinandersetzung, die im Hauptstadtbüro des „Spiegel“ zu viel Unruhe und schlechter Stimmung geführt hat.

Steingart gilt als Kronprinz von Chefredakteur Stefan Aust. In seinen Augen ist der ehrgeizige 40-Jährige ein Hoffnungsträger – einer, der sein Nachfolger werden könnte, falls er sich eines Tages auf den Herausgeberposten zurückziehen und/oder Herrscher über ein kleines Fernsehimperium werden sollte. In Berlin nun sollte sich Steingart, der bis dahin das Wirtschaftsressort geleitet hatte, seine Sporen verdienen und zeigen, was in ihm steckt. Als im Sommer des vergangenen Jahres Austs Vorhaben bekannt geworden war, formierte sich zunächst Widerstand, weil Steingart mehr Macht bekommen sollte als jeder andere Leiter des Haupstadtbüros vor ihm. Mehr Entscheidungsbefugnisse bekam Steingart letztlich zwar nicht. Diejenigen, die Ulrich Deupmann gern als Leiter des Hauptstadtbüros gesehen hätten, konnten sich jedoch nicht durchsetzen. Deupmann sollte Stellvertreter bleiben. Jetzt zeigt sich: Das Experiment ist gescheitert. Neben Steingart war für Deupmann kein Platz.

Als Jürgen Leinemann das Berliner Büro noch leitete, war die Stimmung gut. Manche sagen, Leinemann habe wie ein „WG-Papa“ gewirkt. Sein Einfluss in der Hamburger „Spiegel“-Zentrale war hingegen beschränkt. Seitdem Steingart Leiter ist, hat sich das ins Gegenteil verkehrt. Wer Steingart widerspricht, bekommt dessen Machtwillen zu spüren. „Kuschel-Gabor“ wird er voller Ironie intern genannt.

Steingarts Machtanspruch ist groß, das war schon früher so. Nach seinem Volontariat bei der „Wirtschaftswoche“ zum Beispiel, erinnert sich der heutige „Handelsblatt“-Chefredakteur Bernd Ziesemer, habe Steingart unbedingt in die Elitetruppe der Reporter gehen wollen. Doch Volontäre bekamen nach dem Abschluss ihrer Ausbildung nur auf ein Jahr befristete Verträge, und Redakteure mit Jahresverträgen wollte die Reportertruppe nicht haben. Die „Wirtschaftswoche“ wollte für ihn keine Ausnahme machen. Steingart zog es vor zu gehen, um woanders schneller Karriere zu machen.

Beim nächsten Karrieresprung hängt vieles davon ab, wie erfolgreich Steingart das Hauptstadtbüro des „Spiegel“ führen wird. Gelegenheiten, sich journalistisch zu beweisen, gab es in seinem ersten Jahr viele, schließlich war Wahlkampf. Seine Führungsqualitäten sind dagegen mehr als umstritten. Es sind nicht nur Klatschgeschichten und Klischees über den smarten Anzugträger, der selbst an einer Frittenbude eine Quittung verlangen soll. Es steckt mehr dahinter, wenn das Stöhnen der „Spiegel“-Redakteure immer lauter wird. Zumal im Berliner Büro normalerweise Wagenburg-Mentalität herrscht. Selten dringen Interna nach draußen. In letzter Zeit sind sie aber kaum zu überhören. Kein Redakteur mag sich zitieren lassen, niemand will seinen Posten riskieren. Aber die Geschichten, die sie erzählen, sind immer dieselben.

Als Steingart Ende 2001 seinen Posten antrat, sagte er der Mannschaft, er wolle das Hauptstadtbüro wieder nach vorn bringen. Aufbruchstimmung kam dennoch nicht auf. Schnell machte Steingart klar, wen er von den Redakteuren gut und wen er schlecht findet. Denen, die er schätzt, hört er gespannt zu. Sagt ein anderer etwas zum Thema, ignoriere es Steingart oft, schaue zur Seite, notiere sich etwas, lache oder winke ganz einfach ab, erzählen Redakteure. Hinter verschlossenen Türen pflegen sie seither zu arbeiten. Die Stimmung eskalierte, als es hieß, Steingart wolle mehrere Redakteure loswerden und würde bei Aust in Hamburg schlecht über seine Mitarbeiter reden, insbesondere über die mangelnde Qualität der Texte, auch denen seines Stellvertreters Deupmann. Die Folge war, dass Deupmann nach Hamburg fuhr, um im Gespräch mit Aust die Berliner Mannschaft zu verteidigen. Erst danach versicherte Steingart den Berliner Redakteuren in Einzelgesprächen, dass er niemanden loswerden wolle. Deupmann wird nun Autor. „Es würde zweifellos einen Bruch mit der ,Spiegel’-Tradition bedeuten, wenn jemand wegen mangelnder sprachlicher Fähigkeiten einen Autorenvertrag bekäme“, sagt Deupmann.

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