Medien : Das antiautoritäre Fernsehen

TV-Pionier Jürgen Doetz über 20 Jahre privaten Rundfunk in Deutschland

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Herr Doetz, seit dem Start des Privatfernsehens sind 20 Jahre vergangen. Welche Warnungen waren vergeblich: die Warnung vor Kommerzialisierung, Verflachung, Konzentration, Kulturverfall, Amerikanisierung?

Richtig war keine der Warnungen. Manches war sogar notwendig wie die Kommerzialisierung, weil viele, die an der Wiege standen, nicht realisieren wollten, dass wir Marktgesetzen folgen.

Legenden umranken den Start. Wer wollte eigentlich Privatfernsehen in Deutschland?

Zwei Gruppen: die Zeitungsverleger und Leo Kirch. Die Verleger wollten die eigenen Kassen füllen, wenn es schon neue werbegetriebene Medien geben sollte. Leo Kirch wollte seinen riesigen Programmvorrat weiter verwerten.

Haben Sie nicht eine Interessengruppe vergessen, die Union?

Viele in der Union wollen das heute nicht wahrhaben, dass sie die politisch treibende Kraft für das Privatfernsehen war, getrieben auch von dem Wunsch, dem öffentlich-rechtlichen „Rotfunk“ einen „Schwarzfunk“ entgegenzusetzen. Trotz der „Zur Sache, Kanzler“-Sendungen mit Helmut Kohl bei Sat 1 hat sich diese Hoffnung nicht erfüllt.

Sie stehen der Union nahe. Ist die Union von den privaten Programmen am meisten enttäuscht? Die seichte Ware, der Trash.

Da die Union am Anfang das Thema „Kommerzialität“ nicht auf der Agenda hatte, ist dort die Enttäuschung, die Kritik sicher ausgeprägter als bei jenen, die immer skeptisch waren.

Wo ist das Privatfernsehen falsche Wege gegangen?

Man kann von keiner generellen Fehlentwicklung sprechen, wenn die Hälfte des Seher- und Hörermarktes in Deutschland bei den privaten Sendern ist.

Heute sitzt der Deutsche im Durchschnitt mehr als drei Stunden pro Tag vor dem TV. Das haben Sie bestimmt so gewollt.

Das Nutzungsverhalten ist ein Ergebnis der Entautorisierung des Fernsehens, der Vielfalt. Es wird länger ferngesehen, aber weniger intensiv.

Ihrer Schätzung nach: Hat das Privatfernsehen eigentlich das Geld verdient, das bis heute ins Medium gesteckt worden ist?

Nein, gerade bei der Senderfamilie, aus der ich komme, der ProSiebenSat1 Media AG, sind die Investitionen nicht refinanziert worden. Das Privatfernsehen wurde nicht für alle ein Dukatenesel.

Was hat den nachhaltigen Erfolg von Sat 1 verhindert? Immerhin standen über Jahre Leo Kirch und sein immenses Programm- Lager dahinter. Was als Erfolgsmodell galt.

Dieses Erfolgsmodell verhinderte lange ein eigenständiges Profil von Sat 1. RTL sendete aus einer Garage mit Programmvorräten, die RTL-Chef Helmut Thoma an einer Hand abzählen konnte. Thoma war von Anfang an gezwungen, aus dem Nichts heraus mit viel Kreativität Programm zu machen. Sat 1 war mit den vielen Serien und Filmen traditionelles Fernsehen, nur anders verpackt.

Ihre Sicht aufs Medium nach 20 Jahren dualem Modell aus privatem und öffentlich-rechtlichem Fernsehen?

Es gibt eine Schieflage mit klaren Nachteilen für den Privatfunk. Wir sind für viele das Fernsehen zweiter Klasse. Wir werden nur dann geduldet, wenn es einen funktionierenden öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt. Wir brauchen endlich eine glasklare Trennung zwischen dem öffentlich-rechtlichen Fernsehmarkt und dem privatem Fernsehmarkt. ARD und ZDF sollten nur Gebühren zur Finanzierung bekommen, die Privaten nur die Einnahmen aus Werbung, Sponsoring, Merchandising. ARD und ZDF wildern heute auf ganz vielen kommerziellen Feldern, online, beim Handy. Wenn das so weitergeht, geht es uns an den Kragen.

Sehen wir wegen der Werbekrise ein schlechteres Programm bei den Privaten?

Natürlich müssen wir ganz genau auf jeden Euro schauen. Produktionen wie „Das Wunder von Lengede“ oder „Der Tunnel“ müssen Gelder erwirtschaften, so schön auch Fernsehpreise sind! Soll heißen, die Programmvielfalt im deutschen Fernsehen leidet.

Wie gefällt Leo Kirch, einst Godfather des Privatfernsehens, das Medium heute? Sie kennen ihn ja sehr gut.

Er wäre sicherlich noch heute gerne ein wichtiger Player, weil er zu Recht davon ausgeht, dass er das Privatfernsehen mitbegründet und mitgestaltet hat. Für einen Unternehmer wie Leo Kirch aber gilt: Totgesagte leben länger.

Wie viele Stunden Privatfernsehen pro Tag hält Jürgen Doetz aus?

Professionell verfolge ich so gut wie alles, konzentriere mich aber gerne auf die Sendungen mit Information und Sport.

Das Gespräch führte Joachim Huber.

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