Medien : Das aufgeblasene Nichts

In der „Freiflug-Affäre“ regiert die Doppelmoral. Politiker und Journalisten sitzen in einem Boot

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War ja klar: Özdemir, dieser grüne Türke, besitzt nicht nur die Frechheit, sich ein paar ordentliche Anzüge zu leisten. Er juckelt auch noch auf Steuerzahlerkosten um die Welt. Jetzt heißt er „Özdegier“. Sein Pendant könnte man Giersi nennen, weil auch er, dieser Salon-Sozialist, für lau durch die Gegend jettete oder, schlimmer noch, seine Familie fliegen ließ. Was ist mit Trittin? Bolzenschneider, ick hör’ Dir trapsen.

Ist die so genannte Freiflug-Affäre, in die sich die Herren Politiker da vermeintlich verstrickten, tatsächlich ein Skandal? Ans Licht gebracht von edlen Wahrheitskämpfern, die Autos strikt nach Listenpreis kaufen, sich tapfer über Parteitage hungern, um den vollen Verpflegungssatz abrechnen zu können, die jede ihrer Lufthansa-Meilen penibel auf die Herkunft untersuchen? Ein Sieg der Guten?

Unsinn. Die Meilenflüge von Özdemir und Gysi und den anderen sind eine lächerliche Kleinigkeit im Vergleich zur Millionen-Korruption von Köln, zu den Milliardenkrediten für Kirchs Luftschlösser oder Kohls schwarzen Konten. Wer die Meilen-Mär zur Staatsaffäre aufpustet, bagatellisiert jeden wirklichen Skandal. Und blendet die Realität aus. Das Meilensystem verschafft Vielfliegern tatsächlich einige Vorteile. Aber diese werden, freiwillig und inzwischen sicher zähneknirschend, von der Privatwirtschaft bezahlt. Nicht mit Staatsknete. Lufthansa-Meilen sind ein Geschenk an jeden fliegenden Bürger, mit dem Hintergedanken, den Kunden enger an die Airline zu binden. Wer ein Ticket erwirbt, bekommt ungefragt Meilen gutgeschrieben. Kein Flug wird billiger ohne Meilen.

Das gilt für Politiker, für Journalisten, für alle, die hin und wieder ein Flugzeug besteigen. Sie alle häufen Meilen an, mancher einige 100 000 pro Jahr. Firmen und Verwaltungen haben seit Einführung der Meilerei ein Problem, damit umzugehen. Für die tägliche Arbeit nützen die Billigtickets selten, weil sie nicht umzubuchen sind, und oft nur für die falschen Termine zu haben. Zumal sich privat und dienstlich erworbene Meilen nach einiger Zeit ohnehin nicht mehr auseinanderhalten lassen, da ungenutzte nach zwei Jahren verfallen.

Es gibt nun zwei Chancen, mit diesem Guthaben zu verfahren: Man setzt sie in Gratis- Tickets um oder lässt sie eben verfallen. Letzteres wäre die supersaubere, aber eben auch realitätsferne Lösung. Denn wem nützen ungenutzte Meilen? Nur der Fluggesellschaft. Ein Verzicht sieht edel aus, entlastet aber weder die Staatskasse noch ein Unternehmen um einen Cent. Es wäre schlichtes Geldverbrennen.

Viele Firmen, auch Verlage, haben kein Problem damit, ihren Mitarbeitern die Meilen schlicht zu überlassen. Damit können gestresste Reporter dann günstig in den Urlaub fliegen, so sie nicht schon die Klubferien mit 40 Prozent Presserabatt unbürokratisch vom Diensttelefon aus gebucht haben.

Es gibt exakt genau so viele ehrbare Politiker wie Journalisten. Die anderen inspizieren gemeinsam auf jeder Veranstaltung zuerst das Büffet und dann die Tüte mit den Präsenten, lassen sich auf Weinproben einladen oder brausen mit dem schicken Testauto umher. Und sie treffen sich bei Moritz Hunzinger. Der Kommunikationskünstler sagt im aktuellen „Max“, dass er um die 50 Mal mit Journalisten zum Einkaufen gewesen sei, bei jenem Frankfurter Herrenausstatter, den auch Rudolf Scharping kennt. Die Rechnung, bitte. Hajo Schumacher

Der Autor ist Chefredakteur der Illustrierten „Max“.

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