Medien : Das Auswärtsspiel der Amerikaner

Helmut Schümann

DER KRIEG IM FERNSEHEN

Am Sonnabend können wir mal wieder umschalten: Fußball, im ZDF. Und dann wird ein Moderator im Studio sitzen und neben ihm als Experte ein Nationalspieler a. D., es wird sich der Feldreporter um Live-Interviews bemühen, und mit Grafiken und Computeranimationen wird uns Rudi Völlers Strategie erläutert werden, mit der er unsere bestens ausgebildeten Jungs zum Sieg über die Underdogs aus Litauen führen wird. Und sie werden – falls es nicht so rosig läuft – und weil Günter Netzer als Analytiker nicht dran ist, die Augen verschließen vor der Wirklichkeit.

Wir werden also am Sonnabend unsere Sehgewohnheiten nicht ändern müssen, wir kennen dergleichen von unzähligen Fußballspielen – wir kennen dergleichen Übertragungsrhythmen seit über einer Woche vom, ja, sollen wir jetzt sagen, vom Krieg im Irak? Oder doch eher vom Treffen der Amerikaner bei den Irakis? Der Krieg als Sportereignis, als Event, so erleben wir es vor den Bildschirmen, und bevor jetzt jemand abschaltet aus Unlust am wohlfeilen TV-Bashing, sollte man an dieser Stelle wohl mal den üblichen schreiberischen Hochmut gegenüber dem Fernsehmedium zurücknehmen. Wir sind da nicht anders: Vor zwei Jahren stand an dieser Stelle die Kolumne „Weißes Rauschen“, das war die tägliche Fernsehkritik zu den Olympischen Winterspielen, im vergangenen Jahr hieß die Serie „Das Spiel ist aus!“ und nahm die mediale Fußball-Weltmeisterschaft auf den Arm. Nun heißt die Spalte eben „Krieg im Fernsehen“, und das Einzige, was sie unterscheidet von den launigen Sportkommentaren, ist, dass hier mit dem Entsetzen keine Scherze getrieben werden.

Wie sich die Bilder gleichen. Die Experten im Studio, diese Admirale und Generale a. D., die auch nicht mehr wissen als unsereins und die trotz gebotenem Ernst nicht verhehlen können, wie froh sie sind, auch mal etwas sagen zu dürfen. Fast ist es wie bei Paul Breitner. Und wenn man so will, dann ist der Klaus Reinhardt vom ZDF der Günter Netzer, der Doyen dieses Genres. Es hat den britischen Reporter gegeben, der live auf dem Schlachtfeld war und so freudig-erregt in einer kurzen Gefechtspause einen Soldaten befragte wie Waldemar Hartmann ansonsten Völlers Assistenten Michael Skibbe in der Halbzeitpause. Ist der Vergleich zynisch?

Es gibt Wiederholungen, Zeitlupen, unzählige Kameras, die alle möglichen Blickwinkel zu erfassen suchen – das hat in Deutschland der Sportkanal von Premiere eingeführt – und es gibt auf n-tv das immer gleiche Standbild von Bagdad bei Nacht und dem zunehmend enttäuscht wirkenden Kommentar, „dass die Lage weiterhin ruhig“ sei. „Diesem Spiel würde ein Tor gut tun“, sagt der Sportkommentator, wenn die Lage anhaltend ruhig bleibt, das bettelt um Action im Standbild, vielleicht würde ein Schuss der Stadt gut tun. Zynisch? Ja, zynisch! Aber – Originalton – „die Bedingungen waren auch widrig.“ Der Sandsturm tobte, man müsste abpfeifen.

Ja, zynisch ist das wohl. Und fatal, weiß Gott, fatal ist diese Kriegsberichterstattung mit den Mitteln des Sportevents. Der Krieg im Irak – ein Auswärtsspiel. Da sind die Amerikaner, der FC Bayern in dieser Disziplin, mächtig, finanzstark und die Guten. Da ist der Irak, der Energie Cottbus auf der Gegenseite, arm, struppig, ruppig in der Vorgehensweise, ungeliebt auch, aber im Streit mit den Bayern voller Unterstützung. Verschiebt sich da etwas? Lässt uns die Versportlichung des Krieges vergessen, wer Saddam Hussein ist? Schalten wir lieber um zum Fußball.

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