Medien : Das Bild der Türken im Fernsehen: Vom Gastarbeiter zum TV-Star

Suzan Gülfirat

Am 17. Februar bat Thomas Gottschalk bei "Wetten, dass . . ?" Deutschlands aufregendsten Boxerinnen auf die Bühne: Regina Halmisch, Daisy Lang und Fikriye Selen. Nur eine von ihnen ist gebürtige Deutsche. Doch Gottschalk befragt die drei jenseits irgendwelcher Nationalitäten - als Frauen und als Boxerinnen. Es fällt noch nicht einmal besonders auf, dass die Deutsche Daisy Lang mit slawischen Akzent spricht, und Fikriye ein typisch türkischer Name ist. Was ist passiert, dass sich das Bild von der nichtdeutschen Frau derart geändert hat?

Als der WDR 1976 den Film "Schirins Hochzeit" ausstrahlte, ging ein türkischer Schrei durch die Nation. Das Werk von Helma Sanders-Brahms handelte von einem anatolischen Bauernmädchen, das gegen seinen Willen mit einem reichen Gutsbesitzer verheiratet werden soll. Schirin flieht als Gastarbeiterin nach Deutschland, in der Hoffnung, hier Mahmut zu finden - den Mann, den sie wirklich liebt: Doch sie findet ihn nicht. Stattdessen wird sie von ihrem deutschen Chef vergewaltigt, sie prostituiert sich und wird am Ende umgebracht. So war in dieser Zeit das Bild, das die Deutschen in ihren Köpfen von der türkischen Frau hatten: unterdrückt waren sie allesamt - und wehrlos. Dabei haben sich unzählige couragierte Frauen damals als Gastarbeiterinnen anwerben lassen und standen und stehen bis heute ihren Mann.

"Unsere Frauen, eine Hure?", lautete auf der anderen Seite das unreflektierte Credo der Gastarbeiter, die ihre anatolischen Moralvorstellungen mit nach Deutschland gebracht hatten. Die Ehre einer Frau war damals gleichbedeutend mit der Ehre der ganzen türkischen Nation. Jungfräulich rein und gottesfürchtig war sie in ihren Vorstellungen. Wurde sie vergewaltigt, war sie selbst Schuld. Einen deutschen Mann zu heiraten kam fast Prostitution gleich. Beim WDR hagelte es nach der Ausstrahlung des Films Proteste. Eine Scheibe wurde eingeworfen, Helma Sanders-Brahms wurde bedroht.

Am Anfang waren Frauen wie Helma Sanders-Brahms und Renan Demirkan. Die türkischstämmige Schauspielerin begann in dem Jahr, als "Schirins Hochzeit" ausgestrahlt wurde, in Hannover ihr Schauspielstudium. Das galt damals als Sensation, eben weil die Gesellschaft nur Schirins Schicksal im Kopf hatte. Und Renan Demirkan ist eine Pionierin wie sie im Buche steht. Doch nach wie vor ist sie ein Unikum. Denn noch immer fragt man sich: Warum darf Nazan Eckes (sie hat den Namen ihres deutschen Ehemannes angenommen) die RTL 2-Nachrichten sprechen? Wieso durfte Türkiz Talay die Kommissarin Nesrin in der RTL-Serie "SK-Babies" spielen? Warum durfte der Regisseur Fatih Akin in der Berlinale-Jury Deutschland vertreten? Und warum gibt es so viele türkischstämmige Kabarettisten?

Warum das so ist, sollte gar nicht hinterfragt werden. Die Frage lautet vielmehr: Was bringt das der Gesellschaft? Klischees verschwinden, neue Vorbilder entstehen. Die Gottschalk-Sendung ist der beste Beweis. Und das ist gut so.

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