Medien : Das Dieterchen

Reinhard Siemes

Die Werbeagentur Wensauer & Partner in Düsseldorf hat die staunende Öffentlichkeit schon mit allerlei unterirdischen Kampagnen überrascht. So wundert es wenig, dass der Marketingchef Jen-Oliver Hauck von Müller-Milch just an den flotten Eberhard P. Wensauer geriet, um seine Milchprodukte an Frau und Mann zu bringen. Im Mittelpunkt der Anzeigen und Fernsehspots steht eines der größten Ekelpaket der Nation: Dieter Bohlen. Der nimmt laut Pressemitteilung den Fuß von der Spaßbremse und ruft die so genannte Müller-Partei aus. „Jetzt wird Bohlitik gemacht!“ Mal reibt sich Dieterchen die Hände, mal deutet es als Big Brother auf den Leser. Das Jammern soll endlich ein Ende haben – auf dass Deutschland ein Partyland wird.

Wie das mit Buttermilch oder Milchreisbechern gehen soll, bleibt allerdings im Dunkeln. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Dieterchen als selbst ernannter Breitmaulkanzler in seinen Hamburger Kiezlokalen zum Milchbecher greift. Allenfalls zu den drei Damen, die – ansonsten nackt – von den Bechern ummantelt sind. Bohlen kann nichts dafür und wäre schön blöd, wenn er die schätzungsweise 800 000 Euro Honorar für die nächsten zwei Jahre ausschlagen würde.

Die Frage ist allerdings, inwieweit die Firma Müller in Aretsried (irgendwo bei München) den Fruststau mit neuen Rezepten auflöst. Offenbar arbeitet sie nach dem Raffaelo-Prinzip „Der Erfolg gibt uns Recht“ und greift immer häufiger in die Klamottenkiste.

Else Kling aus der „Lindenstraße“ als Milchhexe habe ich mir ja noch gefallen lassen. Auch Harald Juhnke als plötzlicher Buttermilchzecher war – zumindest vor vier Jahren – im Bereich des Lustigen. Aber das Bürschlein Küblböck als hüpfender Milchbubi geht endgültig ein in die Niederungen der deutschen Werbung. Doch selbst das ist verzeihlich, weil vorübergehend.

Was mich und viele Verbraucher anschmutzt, ist die Tatsache, dass die gute alte Marke Weihenstephan von Müller-Milch gekrallt wurde. Und zwar so, als würden die leckeren Produkte wie weiland vor 40 Jahren in einer ländlichen Universität handgemolken, im Fässlein zur Molkerei gebracht und dort von Herrn Alois Müller persönlich mit dem Munde gerührt. Die Abfüllung in die blauen Packungen übernehmen laut Werbung stramme Bauerburschen, die das wunderbare Naturprodukt zurück in die bayerische Unendlichkeit tragen.

Wer das Zeug nach der Übernahme probiert hat, weiß, dass jeder Aldi- oder Lidl-Becher gleichwertig, wenn nicht besser ist. Insofern hat sich die neue Müller-Partei mit ihrem Vorsitzenden Bohlen perfekt auf die Realitäten eingestellt: Politik bzw. Bohlitik ist zu 50 Prozent Lüge.

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