Medien : Das Duell

Arte zeigt Theo van Goghs vorletzten Film: ein grandioses Kammerspiel über die Mediengesellschaft

Barbara Sichtermann

Es beginnt damit, dass der Journalist Pierre nicht weiß, was er fragen soll, als er sich mit seiner Interviewpartnerin an deren Tisch setzt. Er ist eigentlich berufsbedingt nicht auf den Mund gefallen. Aber diesmal... Ist er bloß sprachlos angesichts des Sexappeals der blonden Katja, einer in ganz Holland bekannten Schönheit, die in einer TV-Serie auftritt?

Sie errät, warum er schweigt. Er ist nicht vorbereitet auf dieses Interview. Er hat keine Ahnung von der Welt der Soap Operas und von Katja. Sein Ressort ist die Politik. Zurzeit macht sein Land eine Kabinettskrise durch. Pierre begreift nicht, warum seine Redaktion ihn hierher geschickt hat. Er will kein Seifenopern-Luder ausfragen, sondern den Regierungschef. Er fühlt sich abgewertet. Deshalb sagt er nichts. Und das sagt dem Mädchen, dem er gegenübersitzt, genug. Sie fühlt sich ebenfalls unter Wert gehandelt. „Niemand hat ein gutes Wort für mich“, obwohl Millionen ihretwegen einschalten. Auch der Journalist hält sie für eine eitle Null, sie merkt es und reibt es ihm hin.

Bühne frei für den Schaukampf zweier verletzter, unterschätzter, ebenbürtiger Kämpfernaturen, die sämtliche Register ziehen: Fangfragen, Verstellung, Gefühlsausbrüche, Mitleidstour, Aufrichtigkeitsanfälle, Verführung, Lüge, Provokation, Ablenkung... alles wird durchprobiert. Und immer, wenn man glaubt, dass es wohl doch Katja ist, die als die Cleverere in Gedanken einen Schachzug weiter ist, überrascht Pierre mit einem Hinterhalt. Am Ende gibt es einen Triumph und eine Niederlage – mit Abtransport im Polizeiauto.

Das großartige Kammerspiel um Frage und Antwort, Wahrheit und Lüge, Sein und Schein ist Theo van Goghs vorletzter Film. Er entstand nicht zufällig in Holland, dem Land der freien Gedanken, das seine Toleranz jetzt bedroht sieht. Ob er, der Film, so schrill-provokant ist, wie man das von einem Enfant-terrible-Regisseur erwartet? Er ist es überhaupt nicht.

„Das Interview“ ist ein intimer Film, der zwei Menschen dabei zusieht, wie sie einander herausfordern – nicht nur bis es weh tut, sondern bis einer von beiden wahrhaft erledigt ist. Ein Zweipersonenstück, das seinen Ort nicht wechselt – wir halten uns fast nur in Katjas Wohnlandschaft auf – steht vor dem Problem, dass es sich keine Pause beim Aufbau der Spannung zwischen seinen Personen leisten kann, denn es ist kein weiterer Erzählstrang vorhanden, der sozusagen „übernehmen“ und den Hauptstrang zwischenzeitlich entlasten könnte. Es muss immer weitergehen, es muss immer mehr passieren.

Van Gogh schaffte, unterstützt von den Klasseschauspielern Pierre Bokma und Katja Schuurmann, diesen steilen Aufstieg ohne zu wackeln und ohne in die Exaltation abzurutschen. Sein Paar treibt in langsamen Schritten und auch mal in Sprüngen das Drama vorwärts, stetig steigt die Temperatur und das, obwohl die Grundspannung zwischen den beiden hochnervösen VIPs schon bald nach Beginn in die erotische Spannung umschlägt. Wie der Dialog der Worte, so ist allerdings auch das Hin und Her der Blicke mehrdeutig. Selten wohl haben die Personen eines Films einander so oft gesagt, dass sie sich nicht mögen: „Du bist nicht mein Typ“, und einander so restlos mit den Augen verschlungen wie in „Das Interview“.

Der Film erzählt auch eine Geschichte über die Welt der Medien und was sie aus den Menschen machen kann, die füreinander zuerst mal nur der Stoff für eine Story oder der Verstärker der eigenen geldwerten Prominenz sind. Er zeigt, dass „Menschlichkeit“, verstanden als Bereitschaft, ein Gespräch zu führen, in dem die Wahrheit vorkommt, ob nun als Interview vermarktbar oder nicht, die größte Schwäche und zugleich die einzige Stärke ist, um die es letztlich immer geht.

„Das Interview“: 20 Uhr 40, Arte

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