Medien : Das Ende der Wanderjahre

Von Washington zu den „Tagesthemen“: Deutschland muss ich erst wieder lernen, sagt Tom Buhrow

Christoph von Marschall

Der Mann lacht gerne. Man sieht es an den Grübchen um Mund und Augen. Natürlich, er ist Rheinländer, da wird man mit einer fröhlichen Ader geboren. Doch in Washington macht Tom Buhrow einen besonders glücklichen und zufriedenen Eindruck. „Georgetown“ antwortet er ohne Zögern auf die Frage nach seinem liebsten Ort in Amerika. Hier sind seine zwei Kinder geboren, während seiner ersten Korrespondentenzeit in den USA 1994-99; inzwischen sind sie elf und acht. Ganz in der Nähe des ARD-Studios haben sie gewohnt in einem der alten Häuschen im Neuengland-Stil. „Alles ist in Fußgängerentfernung, Kneipen, Geschäfte und der Potomac, die grüne Lunge.“

Von seinem Büro blickt er auf die M-Street, gegenüber ist das „Old Glory“, noch so ein zweistöckiges Gebäude mit roter Backsteinfassade; zwei große US-Fahnen hängen über dem Eingang, drinnen gibt es „die besten Hamburger des Viertels“; daneben liegt die Eiskette „Ben & Jerry“ – amerikanischer geht’s kaum. Auf dem L-förmigen, sehr aufgeräumten Holzschreibtisch in leicht rötlichem Ton stehen zwei flache Monitore, auf denen CNN und CBS läuft. Hinter den gelben Besuchersesseln wachen als lebensgroße Pappkameraden George W. Bush – er dient als Hänger für all die Akkreditierungsausweise – und Bill Clinton, bei dem man zweimal hinschauen muss, die dunkle Sonnenbrille verfremdet den gewohnten Anblick. Im Bücherregal stehen Bob Woodwards „Plan of attack“ und die „Pentagon Papers“, auf dem Sideboard ein Bild von Frau und Kindern neben einem rot blühenden Weihnachtsstern.

Und das soll in ein paar Monaten vorbei sein? Am 1. September 2006 tritt Tom Buhrow Ulrich Wickerts Nachfolge als Moderator der „Tagesthemen“ an. Für einen Augenblick ist etwas Melancholie im Raum. Doch sogleich kehrt das Lachen zurück. „Mit wehenden Fahnen gehen wir zurück in die Heimat.“ Hamburg „ist eine tolle Stadt“, freilich, es ist nicht das Rheinland, wo beide Großelternpaare noch leben. Der Kölsche Karneval werde ihm fehlen, und er hat fest vor, eine Skatrunde aufzumachen, die hat er in Amerika vermisst.

Heimat – Buhrow spricht solche Worte ganz unbefangen aus; so selbstverständlich, wie er auch sagt: „Ich liebe Amerika“. Um gleich hinzuzufügen: „Man kann Amerika lieben und auch seine Heimat lieben, das ist doch kein Gegensatz.“ Man müsse zwischen dem Land, seinen Menschen und der Regierung unterscheiden, sagt er und erzählt von US-Autoaufklebern: „Ich liebe mein Land, misstraue aber meiner Regierung.“ Die Deutschen wollten auch nicht für alles in Verantwortung genommen werden, was die Regierung tut.

„Nach zwölf Jahren im Ausland muss ich Deutschland erst wieder lernen: Was ist Hartz I, II, III und IV? Kaum ein Bürger weiß das. Aber ich muss es erklären können.“ In der Politik hat es einen Generationenwechsel gegeben, viele Akteure muss er erst kennen lernen. Natürlich wird er sich Rat suchen: bei Ulrich Wickert, bei Anne Will – und bei Claus Kleber, der kürzlich aus den USA zurückkam, um Moderator des „heute-journal“ zu werden. Vor allem, wie man mit dem öffentlichen Interesse umgeht. „In Washington kann ich unerkannt herumlaufen. Man muss sich wohl ein dickes Fell zulegen“, vermutet Buhrow. „Es wird sich nicht alles kontrollieren lassen. Das ist das Wesen von Klatsch.“ Nur eine Grenze wollen seine Frau und er hart verteidigen: „Wir müssen die Kinder raushalten.“

Die „Tagesthemen“, das ist „kein Wechsel wie die anderen bisher. Es ist der Abschluss unserer Wanderjahre“. Er will nicht ausschließen, dass er später nochmal ins Ausland geht, aber die neue Aufgabe sei „für länger angepeilt. Da muss man sich innerlich verpflichten, bei der Stange zu bleiben.“ Die „Tagesthemen“ sind „die Krönung“, eine „Endstation im positiven Sinne“. Auch keine einfache Erkenntnis für einen, der nicht einmal 50 ist.

Buhrow ist erleichtert, wenn er nicht mit Fragen gelöchert wird, was er an der Sendung verändern will. Selbst wenn er Pläne hätte, würde er die wohl kaum Monate vorab in der Öffentlichkeit ausbreiten. Er lacht. Noch ist er ganz in den USA, wo er bereits zur Schule ging: Mitte der 70er zwei Jahre auf eine katholische Highschool in der Kleinstadt Menasha im Norden Wisconsins, „wo die Papierfabrik Kimberley Clark der größte Arbeitgeber war“. Ulrich Wickert war durch Frankreich geprägt, Buhrow hat „die Zeit in Paris 2000 bis 2002 genossen, aber sie hat mich nicht so beeinflusst“ wie die Stationen in Amerika davor und danach.

Den Rechtsruck in den USA hatte er kommen sehen. „Junge Wilde“ um Newt Gingrich hatten mit „ideologischer Verve“ bei den Kongresswahlen 1994 einen Erdrutschssieg erzielt und waren dann „fassungslos, dass Bill Clinton wiedergewählt wurde“. 2004 wiederum waren die Demokraten und die meisten Deutschen konsterniert, dass Bush eine zweite Amtszeit bekam. Buhrow hält es nach all den Erfahrungen für besser, wenn Journalisten „neutral erklären“ und nicht Partei ergreifen, auch wenn die Gefühle der Zuschauer eindeutig verteilt sind und man als Korrespondent „in solchen Phasen viel Druck“ aushalten müsse.

Amerika erklären, das „wird seltener werden“ in der neuen Funktion. Tom Buhrow zögert einen Augenblick, aber dann gibt er doch einen kleinen Einblick in seine Pläne. Eine mehrwöchige „Zuhör-Tour“ wolle er machen, „um zu verstehen, wie Deutschland tickt, ohne Kamera, ohne zu berichten, von Ost nach West, von Nord nach Süd“. Kanzler Schröders Reise durch die neuen Länder habe ihn dazu inspiriert. Ortsfeste wolle er besuchen, Polizei- und Feuerwehrwachen, mit den einfachen Menschen reden, um die Stimmung mitzukriegen. „Hoffentlich klappt es“, sagt er zum Abschied und zeigt noch einmal sein fröhlich-optimistisches Lachen.

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