Das Erste : Jan Hofer auf dem Handy

Die ARD eröffnet mit 100 Sekunden „Tagesschau“ ihre Digitaloffensive.

Joachim Huber
Handy-TV
Die ARD-"Tagesschau" macht mobil. -Foto:Visum

Ein Kriterium für das Gute in der neuen, der digitalisierten Medienwelt heißt ja, dass der Sender den Nutzer dort erwischt, wo der gerade steht oder umfällt. Die ARD jagt vom 16. Juli an den Handy-Besitzer, wenn die Redaktion von ARD-aktuell in Hamburg eine aktuelle „Tagesschau“-Ausgabe verbreitet. Dafür wird die Nachrichtenwelt auf 100 Sekunden komprimiert, die wiederum zu jeder vollen Stunde aktualisiert werden. Laut ARD-Angaben vom Dienstag können die Mobilfunkanbieter das kostenlose „Tagesschau“-Angebot übernehmen und ihren Kunden zur Verfügung stellen. Per UMTS-Übertragungsstandard kommt es dann aufs Handy, in der Anfangsphase steht der Mobilservice nur von acht Uhr bis 21 Uhr zur Verfügung. T-Mobile und Vodafone hätten bereits Interesse an „Tagesschau mobil“ gezeigt.

Der „Jan Hofer auf dem Handy“ ist Bestandteil der ARD-Digitalstrategie, wie sie die Intendanten bei ihrer Tagung in Saarbrücken beschlossen haben. Im Kern will die ARD ihre Programme und Inhalte unabhängig vom Ort und vom Zeitpunkt ihrer ersten Ausstrahlung machen. Die Palette der Mobilisierung „reicht von HDTV und Handy-TV über ein Audio- und Videoportal bis hin zu digitalen Zusatzangeboten im Hörfunk“, sagte der ARD-Vorsitzende Fritz Raff. Die ARD wolle ihrem Publikum großen Mehrwert ohne erheblichen Mehraufwand bieten.

Im Kern werden Fernsehen und Hörfunk nicht neu gedacht oder gemacht, geplant ist eine verfeinerte Wiederholung, eine Rund-um-die Uhr-Verwertung von Sendungen. Rechtzeitig zur Internationalen Funkausstellung (Ifa) Anfang September in Berlin wird zentral ein auf www.ard.de zugängliches Audio- und Videoportal viele Fernseh- und Hörfunkinhalte der ARD und ihrer Anstalten kostenfrei für einen Zeitraum von sieben Tagen zum Abruf bereitstellen. Nichts anderes will das ZDF: Bis Jahresende sollen 50 Prozent aller Sendungen im Internet bis zu einer Woche nach ihrer Ausstrahlung zu sehen sein. Die ARD wird die Funkausstellung nutzen, dem interessierten und mit Abkürzungen wie „IP-TV“, „HDTV“, „SD-TV“ oder „DMB“ überforderten Publikum ein „digitales Wohnzimmer“ einzurichten. „Hier wird“, sagte der ARD-Vorsitzende Fritz Raff, „modellhaft greifbar und erlebbar, wo für den Nutzer Chancen und Mehrwert einer digitalisierten Medienwelt liegen.“

Der digitale Vorwärtsdrang der ARD wird bei weitem nicht allein von den technischen Möglichkeiten angetrieben. Das hohe Durchschnittsalter der Fernsehzuschauer, zugleich die deutliche Nachfrageschwäche bei den jüngeren Nutzern (dies trifft insbesondere den Hörfunk) haben den Senderverbund unter Zugzwang gebracht. Wenn alle Gebühren zahlen müssen, dann müssen – wenigstens – alle Verbreitungswege befahren werden, damit die Angebote beim potenziellen Nutzer ankommen können. Bei den Podcast-Offerten der ARD zeige die Kurve bereits, „dass selbst anspruchsvolle Kulturbeiträge und längere Wortsendungen auch jüngere Zielgruppen erreichen, wenn die Inhalte im Internet abrufbar sind“.

Damit die private Senderkonkurrenz nicht auf den vermeintlich falschen Gedanken kommt, die ARD strebe eine Expansion im digitalen Bereich an, hat Raff die Devise „Umbau statt Ausbau“ kreiert. Demnach wird das Profil der drei Digitalkanäle der ARD weiter geschärft: Eins Extra soll sich zu einem umfassenden Informationsprogramm – vielleicht mit dem neuen Namen „Tagesschau“ – weiter entwickeln, EinsPlus sich als Ratgeber-, Service- und Wissenskanal profilieren, EinsFestival soll verstärkt ein jüngeres und bildungsaffines Publikum ansprechen.

Was die ARD-Intendanten beschlossen haben, ist ein Strategie- , ein Diskussionspapier. Das endgültige Konzept soll im September stehen, sagte NDR-Intendant Jobst Plog. Raff erklärte, für eine erfolgreiche Digitalstrategie seien Veränderungen der rechtlichen Grundlagen nötig. „Hier kann man sich nicht an dem Regelwerk der analogen Welt orientieren.“ Bei seinen bisherigen Gesprächen habe er den Eindruck gewonnen, dass die Politik den nötigen Anpassungen offen gegenüber stehe. Gleichzeitig versicherte Raff, die digitalen Pläne der ARD würden keinen zusätzlichen Finanzbedarf über die zum 1.1.2009 angemeldete „moderate“ Gebührenerhöhung mit sich bringen, sondern durch Umschichtungen finanziert.

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