Medien : Das ewige 4 : 3

Legenden, Late Night, Totti und Frings – die deutsche WM in Italiens Medien

Vincenzo Delle Donne[Mailand]

Eigentlich ist die Fußball-WM für den normalen italienischen TV-Zuschauer eine ungewohnte Fußballdiät – gleichsam eine „fdh“(Friss die Hälfte). Beim Vertragspoker um die Fernsehrechte musste die staatliche Fernsehanstalt RAI viel Geld hinblättern, um dann nicht einmal die Hälfte aller WM-Spiele live zeigen zu dürfen. Sie erhielt den Zugriff auf die wichtigsten 30 Spiele – inklusive aller Spiele der Azzurri. Alle Spiele waren nur im Bezahlfernsehen der Mailänder Senderkette Sky zu sehen, deren größter Eigner der australische Tycoon Rupert Murdoch ist. Sky erwarb die WM-Rechte, um die mäßigen Abonnentenzahlen aufzustocken. Mit mäßigem Erfolg. Das Viertelfinalspiel der Azzurri gegen die Ukraine wollten bei Sky nur rund zwei Millionen TV-Zuschauer sehen. Bei der RAI waren es über 21 Millionen.

So viele werden es wohl auch heute Abend sein, wenn Italien gegen Deutschland spielt – ohne Torsten Frings, der gestern nachmittag von der Fifa für das WM-Halbfinale gesperrt wurde, veranlasst offenbar auch durch Bilder vom italienischen Sender Sky, der die angebliche Tätlichkeit von Frings gegen den Argentinier Cruz im Viertelfinale entdeckt hatte. Später liefen die Bilder auch in der ARD. Warum müsse man so eine Unsportlichkeit durchgehen lassen, die bei den Azzurri mit eiserner Hand bestraft würde, ereiferten sich italienische Kommentatoren. Als Beleg dafür führt man Tottis Spuckattacke bei der EM 2004 auf seinen dänischen Gegenspieler an. Durch Bilder des dänischen Fernsehens wurde Totti überführt und von der Fifa gesperrt. In einem Kommuniqué stellte nun der italienische Fußballverband fest, dass der Verband nichts unternommen habe, um Frings anzuschwärzen. Ob Frings spiele oder nicht, sei für den Ausgang der Halbfinal-Begegnung nicht relevant.

Aber nicht nur der Fall Frings erregt die italienischen Fans. Die RAI machte aus der Bilder-Not eine Tugend und schickte mit „Notti mondiali“, den WM-Nächten, ein Format auf Sendung, das ein Mittelding zwischen Late-Night-Show und „Sportschau“ ist. Das Zuschauerinteresse dafür ist gewaltig. Immer wieder flimmern Szenen des legendären 4:3-Sieges der Azzurri 1970 gegen die deutsche Mannschaft in Mexiko über den Bildschirm, wie in den letzten Minuten der Verlängerung Boninsegna auf der linken Seite Verteidiger Schulz umdribbelte, zur Torauslinie drängte und dann zurück zu Rivera passte, der zum 4:3-Sieg einschob. Die Squadra Azzurra hatte mit ihrer verspielten Art über die Deutschen gesiegt, die sich mit ihren urdeutschen Tugenden Kampf und Einsatz für unbesiegbar hielten. In Italien stellte der Sieg über die Deutschen für kurze Zeit die damaligen Wirren der italienischen Studenten- und Arbeiterrevolte in den Schatten.

Das Interesse der Tifosi für ihre Mannschaft bei der Fußball-WM in Deutschland war nicht von Beginn an gewaltig, es kam nur allmählich in Gang. Zu groß war der Skandal um manipulierte Serie A-Spiele, bei dem hauptsächlich der Großmeister des organisierten Fußballschwindels, Juventus-Vereinsmanager Luciano Moggi, agierte. Mit einem Register aus Kumpanei, Bestechung und Erpressung bestimmte Moggi nicht nur die Schiedsrichter der wichtigen Partien seiner Mannschaft, sondern auch die Geschicke der Ligakonkurrenten. Mittlerweile gleicht der Skandal einem fußballpolitischen Erdbeben, das auch Nationaltrainer Marcello Lippi zu erfassen schien. Renommierklubs wie Juventus, Milan, Lazio Rom und der AC Florenz droht jetzt der Zwangsabstieg.

Die Siege der Azzurri bei der WM, über die die Gazetten jetzt in epischer Breite berichten, haben die Auswirkungen des Skandals etwas gemildert. Als Italien mit 3:0 gegen die Ukraine gewann, bewegten sich allerorten auf dem Apennin die bekannten fahnengeschmückten Autokorsos durch die Innenstädte. Wenn Fußball in Italien die Metapher für das Leben ist, dann hat für das Land schon eine Phase des Umbruchs begonnen, bei der man anfängt, den Fußball mit anderen Augen zu sehen – mit Ernüchterung und mit Skepsis.

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