Medien : „Das Fernsehen hat mich totgeschwiegen“

Die italienische Journalistin Lilli Gruber will im Europaparlament gegen Berlusconis Medienmacht weiter kämpfen

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Frau Gruber, Sie haben Silvio Berlusconi bei der Europawahl eine symbolträchtige Niederlage beigebracht. Wie groß ist ihre Genugtuung darüber?

Ich will nicht verheimlichen, dass es beim Bekannwerden der ersten Wahlergebnisse ein großes Glücksgefühl war. Dass eine kleine Journalistin des vielgeschmähten öffentlichrechtlichen Fernsehens doppelt so viele Stimmen erhält wie der größte Medienzar des Landes…

… Sie haben als Spitzenkandidatin des Mitte-Links-Bündnisses Ulivo beinahe 800 000 Stimmen geholt, Berlusconi als Spitzenkandidat der Forza Italia nur knapp 430 000 …

… und der ist gleichzeitig Regierungschef und verfügt über unbeschränkte Mittel. Und ich hoffe, dass es vielen Italienern, die bereits resigniert haben, neue Hoffung gibt.

Sie bezeichnen sich als „kleine Journalistin“. Doch ihr Erfolg hat sicher auch mit ihrem großen Bekanntheitsgrad als langjährige Moderatorin der Hauptnachrichten des staatlichen Fernsehens RAI zu tun?

Mag sein. Nur: seit meinem Rücktritt als Moderatorin des Telegiornale 1 hat die RAI mich systematisch totgeschwiegen. Man hat alle Berichte über die großen Wahlveranstaltungen des Ulivo-Bündnisses so geschnitten, dass ich nicht zu sehen war – auch wenn ich unmittelbar neben Romano Prodi stand. Auch mein Sieg über Berlusconi kam in der RAI 1-Tagesschau nicht vor. Und das Innenministerium hat die offizielle Zahl der Vorzugsstimmen zwei Tage lang nicht veröffentlicht.

Worauf führen Sie die Tatsache zurück, dass Berlusconi so klar geschlagen wurde, obwohl er sich im Wahlkampf ausgiebig des Fernsehens bediente?

Seine Monologe haben die Menschen ermüdet. Der Premier weigert sich grundsätzlich, an Fernsehdiskussionen mit politischen Gegnern teilzunehmen. In der eineinhalbstündigen politischen Talkshow auf RAI 1 tritt er nur im Kreis Gleichgesinnter auf, die ihm beipflichten. Die Italiener haben erkannt, dass Berlusconi ihnen Märchen erzählt, die nicht mit der Realität übereinstimmen. Der Medienzar hat sich sozusagen mit seiner eigenen Waffe geschlagen – dem Fersehen.

Warum haben Sie sich für den Wechsel in die Politik entschieden?

Die Einflussnahme der Politik auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat Ausmaße erreicht, die sogar unter der Jahrzehnte herrschenden Democrazia Cristiana unvorstellbar waren. Die Regierung Berlusconi hat alle Schaltstellen der RAI mit Parteigängern besetzt. Qualifikation ist als Kriterium nicht mehr gefragt. Der politische Einfluss auf die RAI war auch unter der Ulivo-Regierung erheblich. Auch daran habe ich Kritik geübt. Aber jetzt sind Zensurversuche an der Tagesordnung und der vorauseilende Gehorsam vieler Redakteure ist beeindruckend. Für eine solche Tagesschau konnte ich mein Gesicht nicht mehr hergeben, ohne die Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Waren Sie selbst Opfer von Zensur?

Ich habe zum Beispiel einen Verweis erhalten, weil ich das neue Mediengesetz als „umstritten“ bezeichnet habe – ein Gesetz, dessen Unterzeichnung Staatspräsident Ciampi verweigerte. Dieses Gesetz ermöglicht Berlusconis Fernsehkonzern Mediaset zusätzliche Werbeeinnahmen von bis zu 1,5 Milliarden Euro. Ein Staat, in dem der reichste Mann des Landes gleichzeitig Regierungschef ist und 90 Prozent der gesamten Fernsehinformation konktrolliert, ist eine Anomalie. Es liegt auf der Hand, dass ein derart massives Ungleichgewicht die Spielregeln außer Kraft setzt.

Ihre Berichterstattung aus Bagdad missfiel der Regierung. Außenminister Franco Frattini hat Sie während einer Live-Sendung aus Bagdad beschuldigt, Terroristen als Widerstandskämpfer zu bezeichnen.

Ein unglaublicher Vorwurf. Zwei Tage später hat sogar US-Präsident George Bush zugegeben, dass es eine Widerstandsbewegung gegen die US-Besetzung gibt.

Glauben Sie, dass Sie als Europaabgeordnete größere Möglichkeiten haben, gegen Italiens Mediensystem zu kämpfen?

Ich hoffe es. Schließlich stehe ich ja nicht alleine da. Das angesehene amerikanische Freedom House hat Italien im jüngsten Jahresbericht wegen seiner Mediensituation von „frei“ auf „teilweise frei“ zurückgestuft. Unser Land rangiert jetzt gemeinsam mit der Türkei auf dem 74. Rang. Und der Präsident von Freedom House ist über den Verdacht erhaben, ein Kommunist zu sein. Er heißt James Wollsey und war früher CIA-Chef. Der Europarat hat erst letzthin seine Besorgnis über die „noch nie dagewesene Machtkonzentration“ in Italien ausgedrückt. Es gibt auch entsprechende Resolutionen des EU-Parlaments.

Sie haben als Reporterin für die RAI vom Fall der Berliner Mauer, vom Krieg im Irak und vielen anderen Schauplätzen des Weltgeschehens berichtet. Fällt Ihnen der Abschied vom Journalismus nicht schwer?

Ich sehe das keineswegs als Abschied. Ich werde weiterhin Kolumnen und Kommentare schreiben. Die Politik ist Neuland für mich. Ich habe ja noch nie ein Parteibuch besessen. Und ich sehe zwischen meiner zukünftigen Arbeit im Europaparlament und meiner bisherigen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Parallelen: im Interesse der Bevölkerung für Werte zu arbeiten, die mir stets viel bedeutet haben: Transparenz, Meinungsvielfalt, Selbstverantwortung, Machtkontrolle… Ob ich bei der Politik bleibe, weiß ich nicht. Doch sicher wird mein Ausflug länger dauern als etwa Rudolf Augsteins kurzer Abstecher in den Bundestag.

Das Interview führte Gerhard Murmelter

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