Medien : Das Fernsehen, orientierungslos

Was ist eine Nachricht? Und wen interessiert’s? 37. Mainzer Tage der Fernseh-Kritik

Hannah Pilarczyk

Die dramatischste Zahl der gesamten „Mainzer Tage der Fernseh-Kritik“ kam von einem Wissenschaftler, und das war nun wirklich ein Wunder. Ein Wunder, dass überhaupt jemand der über 350 geladenen Teilnehmer Georg Ruhrmann zuhörte. Und ein Wunder, dass sich dieser auch noch traute, tatsächlich eine Zahl zu nennen. Wissenschaftler werden nämlich zu der ZDF-Veranstaltung nur eingeladen, damit Medienschaffende überprüfen können, ob sie noch so lange zuhören können, wie sie es von ihren Zuschauern längst nicht mehr erwarten. Da man sich aber auch keine Illusionen mehr über die eigene Aufmerksamkeitsspanne macht, mahnte das ZDF die Wissenschaftler an, in ihren Vorträgen bloß keine Zahlen zu nennen. In einer Art öffentlich-rechtlichen Ungehorsams stemmte sich Georg Ruhrmann, Kommunikationswissenschaftler an der Uni Jena, gegen diese Vorgabe und legte während seines Vortrages die Zahl auf den Tisch, die für so viel Wirbel sorgen sollte: „Dreißig Prozent aller Fernsehzuschauer werden durch die Nachrichten nicht erreicht.“

Zu diesem Zeitpunkt liefen die „37. Mainzer Tage der Fernseh-Kritik“ bereits fünf Stunden. ZDF-Intendant Markus Schächter hatte schon die Ankündigung gemacht, sein Sender werde mit mehr Dokumentationen und ganzen Thementagen in die „ Info-Offensive“ gehen, und die zweite Zahl des Tages war auch öffentlich gemacht worden: 51,3 Prozent. Das sollte der Informationsanteil am ZDF-Programm sein. Woher denn diese Zahl käme, fragte stellvertretend für das verblüffte Publikum Moderatorin Ingrid Scheithauer den Programmdirektor des ZDF, Thomas Bellut. Worauf der keine Antwort wusste.

Die peinliche Pause danach dauerte aber nicht lange, denn der Programmdirektor der ARD, Günter Struve, sprang für Bellut ein und rechnete vor: Kerner, Illner, „Terra X“ – das sei alles Information beim ZDF. Bei der ARD würde Entsprechendes unter Unterhaltung verbucht. Auf die eigenen Nachrichtenformate angesprochen, sagte Struve noch schnell etwas von einer „soliden“ „Tagesschau“, bei der „kein grundsätzlicher Handlungsbedarf“ bestünde – was nur heißt, dass genau dieser Handlungsbedarf bei den durchs „heute journal“ bedrängten „Tagesthemen“ besteht. Dann nahm Struve einen frühen Flieger.

„Info ohne -tainment?“ lautete das Thema der zweitägigen Konferenz. Sollte es nach Jahren der Vermischung eine neue Trennschärfe zwischen Information und Unterhaltung geben?, ließ das ZDF hoffnungsvoll in die zahlreichen Gesprächsrunden fragen. Doch die meisten Redner verneinten. Statt eines neuen TV-Purismus stellte man eher noch mehr Vermischung fest. Zum Beispiel der Gurkenlaster-Unfall von „Superstar“-Kandidat Daniel Küblböck, der es in alle Hauptnachrichten schaffte. Und zum Beispiel die zunehmenden Verweise in den Nachrichten auf kommende Show-Highlights oder Diskussionsrunden. Dabei erwiesen sich die Forderungen nach mehr Trennschärfe, die die anwesenden Kritiker an das Fernsehen erhoben, als durchaus widersprüchlich. Einerseits verlangte man mehr thematische Einbindung. „Sabine Christiansens Sendung verwirrt die Menschen doch mehr, als dass sie sie informiert“, sagte „Stern“-Vizechef Hans Ulrich Jörges. Komplizierte Themen wie der demografische Wandel müssten vom Fernsehen viel umfassender und formatübergreifender behandelt werden, als es bisher der Fall sei. Andererseits wurde gerade die Verknüpfung verschiedener Formate moniert. Ob es dem Ansehen der „heute“-Nachrichten nicht schade, wenn am Ende Werbung für die Boxveranstaltung im eigenen Abendprogramm gemacht werde, wurde der stellvertretende ZDF-Chefredakteur Klaus-Peter Siegloch gefragt. Der mochte sich aber auf keine Grundsatzdiskussion einlassen und sprach lieber von der richtigen „Dosierung“ von Eigenwerbung. Was ihm zwar nicht die Zustimmung des Publikums, aber seiner Nachrichten-Kollegen Christof Lang (RTL) und Bernhard Wabnitz (ARD) einbrachte.

Überhaupt herrschte viel Übereinstimmung zwischen den Sendern. Man war sich einig, dass die Zuschauer nach den Anschlägen des 11. September 2001 und der andauernden Wirtschaftskrise mehr Information und Orientierung vom Fernsehen erwarteten. Und man war sich auch einig, dass mehr Information vor allem mehr Sendungen bedeutete. Nach Sat 1 ist das ZDF schon der zweite Sender, der in die Info-Offensive drängt. Ob man mit mehr Sendungen auch mehr Menschen erreichen könnte, wurde aber nicht diskutiert.

Und auch die eigentlich zwingende Debatte über eine mögliche qualitative Neuorientierung der Nachrichten blieb aus. Sollte man versuchen, die dreißig Prozent der Von-Nachrichten-nicht-Erreichten durch (noch) einfachere Nachrichten einzufangen? Oder sollte man diese Gruppe gleich abschreiben und sich auf die anspruchsvollere Aufbereitung (zurück-) besinnen? Während sich RTL-Mann Lang noch für die „simplen News“ stark machte, zeigten ARD und ZDF ausnahmsweise unbedingten Sparwillen – und blieben eine Antwort schuldig.

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