Medien : Das Finale

Die Arte-Dokumentation über die Jalta-Konferenz von 1945 setzt kompromisslos auf Originalmaterial

Barbara Sichtermann

Die Dokumentation von Lionel Arazi nimmt ihren Titel „200 Tage für den Umbau der Welt“ wörtlich. Ihr Strukturprinzip ist der Kalender. Zwar sind es nicht 200 Daten, die genannt werden, aber doch die wichtigsten, und das sind diejenigen, für die gutes Material vorliegt. Da gab es die Tage im Januar 1945, in denen die Großoffensive der Roten Armee begann, das zerstörte Warschau erobert wurde, der Treck der Überlebenden sich formierte. Am 21. Januar legt Präsident Roosevelt in Washington seinen Eid ab – zum vierten Mal. Er hat die Amerikaner in den Krieg geführt, weil es ihm nicht gleichgültig war, wenn auf der anderen Seite des Atlantiks die alte Welt sich zerfleischte. „Wir haben gelernt, Weltbürger zu sein.“ Am selben Tag tritt in der Sowjetunion Stalin vor seine Getreuen. „Weh dem, der als Erster aufhört zu klatschen“, so der Kommentar.

Es ist Lenins 21. Todestag, und sein Nachfolger im Amt als Staats- und Parteiführer ist mittlerweile unangreifbar. Bald darauf, am 3. Februar, sagt „der Soldat seiner Majestät“ Churchill den Satz: „Dieser Ort, der schlechter nicht gewählt sein könnte“, und meint damit Jalta auf der Krim, wohin er gerade aufgebrochen ist, um sich mit den Regierungschefs von Amerika und Russland zu beraten. Es geht um die Zukunft Europas und der Welt, es geht um das in die Knie gezwungene Deutsche Reich, um seine Aufteilung in Besatzungszonen, um die Fragen der Reparationen und des Vorgehens gegen Japan, um die Gründung der UN. Vom 4. bis zum 11. Februar dauert die Konferenz, auf der ein leutseliger Stalin, ein misstrauischer, gleichwohl scherzender Churchill und ein todkranker Roosevelt die Grundlinien einer Nachkriegsordnung entwerfen.

Der große Reiz dieser sehr dichten, streckenweise zu voll gestopften Dokumentation liegt darin, dass sie zu hundert Prozent aus Originalmaterial besteht. Normalerweise ist es bei historischen Filmen dieser Art ja so: Sie beginnen mit verschneiten, flirrenden Schwarz-Weiß-Bildern, die erst mal auf Grund ihrer „Echtheits“-Anmutung die Aufmerksamkeit fangen, und dann kommt ein bräsiger Experte (gern vor schwarzem Hintergrund) oder steinalter Zeitzeuge, der vor einer modernen Kamera (die gestochen scharfe bunte Bilder liefert) den Anschluss an die Gegenwart herstellt und erzählt, wie es damals war. Bei der „Jalta“-Dokumentation wartet man nach den ersten fünf Minuten mit den verschneiten, flirrenden Schwarz-Weiß-Bildern ganz automatisch darauf, dass so ein Schnitt erfolgt. Man wartet umsonst und überlässt sich schließlich bereitwillig dem Strom der „echten“ alten Bilder aus der Zeit vor dem Kriegsende. Diese technisch – nach heutigen Maßstäben – unzulänglichen, eher stolpernden als laufenden Bilder von Churchill, wie er sich aus dem Flugzeug quält, von Roosevelt, wie er vor den Kongress tritt, von Stalin, wie er Platz nimmt neben den westalliierten Siegern – sie faszinieren mit ihrer Patina als Zeugnisse entscheidender Augenblicke. Das gilt auch für andere Szenen, die während des Frühjahrs ’45 festgehalten wurden: die Befreiung von Auschwitz, die Bomben auf Dresden, die amerikanische Flotte im Pazifik und General Schukows Marsch auf Berlin.

Das Instrument, mit dem die disparaten Szenen verklammert und zu einem Welt-Panorama angeordnet werden, ist neben dem Kalender-Prinzip der erläuternde Kommentar. Der kann sich nicht entscheiden, ob er nur sachliche Erklärung liefern oder sich nicht doch hier und da zu einer gewagten Interpretation aufschwingen sollte, wobei er launige Randbemerkungen nicht scheut und fallweise zur Phrase verflacht: „Dieses Finale (Eroberung Berlins) wird sich der Welt und der Geschichte einprägen.“ Auch die Permanenz des Textvortrags, die keine Pause vorsieht für eine reine Vertiefung in die Bilder, wäre als Kritikpunkt zu nennen.

Aber die Stärken der Dokumentation überwiegen. Zu ihnen gehört, dass Hitler mal nicht vorkommt – außer einmal als zerbrochene Büste. Am 12. April erfährt Roosevelts Nachfolger Truman Genaueres über das so genannte Manhattan-Projekt – bald wird er den Abwurf der Atombombe über Hiroshima befehlen. Und er sagt diesen Satz, der ein wenig zu schön ist, um als Polit-Lyrik abgetan zu werden: „If we do not want to die together in war, we must learn to live together in peace.“

„200 Tage für den Umbau der Welt – die Konferenz von Jalta“; Arte, Mittwoch, 20 Uhr 40. 2. Teil: 27. Juli

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