Medien : Das Gesetz der Serie

Zwischen Kritikerlob, Kult und Suchtgefahr: Warum US-Fiction wie „CSI“ oder „Desperate Housewives“ so gut funktioniert

Markus Ehrenberg

Die Waschmaschine angestellt, den Gartenstuhl angestrichen, die Kleider aus der Reinigung geholt, Bilder von Kindern und Ehegatten auf der Kommode gerade gerückt, darüber scheint die Sonne wie in der „Truman Show“. Dann ein Schuss. Eine tote Hausfrau, eine glückliche Hausfrau? So sieht es jedenfalls aus, zu Beginn der US-Serie „Desperate Housewives“. Wenn man der Werbung glauben soll, wird das der Nachfolger der Kultserie „Sex and the City“, sicher das Fernsehereignis des Frühjahres – vor allem aber ein weiteres Beispiel für den Boom von US-Serien im deutschen Fernsehen.

„Desperate Housewives“ läuft in den USA bereits erfolgreicher als „Sex and the City“. Die Serie bekam den Fernsehpreis Golden Globe, den renommiertesten Preis der Auslandspresse. 20 Millionen Zuschauer sehen dort jeden Sonntag zu, was fünf verzweifelte Hausfrauen für Leichen im Keller haben, fünf Freundinnen im Vorort einer amerikanischen Stadt, mit blitzblanken Kindern, blitzblanken Gärten und Männern. Alltägliche Katastrophen zwischen Zickenkrieg, Kindererziehung und Verhütung – kommentiert von einer Toten, die aus dem Jenseits einen gnadenlosen Blick auf das verlogene Leben ihrer früheren Nachbarn wirft. Eine bitterböse Satire auf das brüchige Familienideal in Amerika. Viel böser als „Sex and the City“, vergleichbar mit dem Kinofilm „American Beauty“, dem auch das Prinzip mit der Off-Stimme eines Toten entliehen ist.

Tragödie, Comedy, Mystery, ein bisschen Krimi, wann immer in jüngster Zeit von der richtigen Serienmischung die Rede ist, taucht auch der Name von Alan Ball auf, dem Produzenten und Schreiber von „American Beauty“. Ball hatte die Idee für die grandiose Bestatterserie „Six Feet Under“ (SFU), deren vorerst letzte Folge vor zwei Wochen auf Vox lief. Wer hätte vor Jahren gedacht, dass Geschichten über Leichenbestatter im Privatfernsehen eine Chance haben? „SFU“ war eine der Serien-Überraschungen 2004, zuletzt allerdings mehr bei Kritikern und eingeschworenen Fans als in der ganz großen Quote. Nach starkem Beginn und Sendeplatzverschiebung konnten sich noch eine halbe Million Zuschauer für den morbiden Charme der Familie Fisher und ihrer Trauergäste begeistern. Mit der vierten „SFU“-Staffel soll es bei Vox dann auch erst im Herbst weitergehen.

Dennoch, der plötzliche Erfolg dieser Serien hat nicht nur mit den phantastischen Inhalten zu tun (Tote helfen, Männer lassen sich Brüste verkleinern, Hausfrauen morden, Neurotiker ermitteln), sondern auch mit treuer, oft einsamer Gefolgschaft. Die Fangemeinde lebt mit ihren Serien-Charakteren, die Woche für Woche zur gleichen Zeit wiederkehren. Wichtig ist ein guter Programmplatz. „Vox zum Beispiel besticht durch gute Programm-Werbung und Kontinuität. Man weiß, dass da jeden Wochentag eine bestimmte Serie läuft. Bei Pro7 oder RTL muss man immer in die Programmzeitung schauen, Specials werden zu oft eingebaut“, sagt Fabian Riedner vom Branchendienst quotenmeter.de. Vox ist mit der Entscheidung für US-amerikanische Serien zum Seriensender Nummer Eins geworden, erzielt mit dem Krimi „CSI“ Höchstquoten. Innerhalb eines Jahres ist der Nischensender auf den höchsten Marktanteil seiner Geschichte geklettert: 6,5 Prozent. Der Ableger „CSI: Miami“ am Montag Abend liegt mit rund 2,5 Millionen Zuschauern fast drei mal so hoch wie Senderdurchschnitt. Ein Vorbild für die Großen. Laut Pro7-Chef Dejan Jocic will auch der Münchner Sender nach dem Misserfolg mit der „Burg“ stärker auf „überraschende US-Fiction“ setzen.

So hat es fast unbemerkt in den vergangenen Monaten eine Renaissance der US-Serie im deutschen Fernsehen gegeben. Der Adressat: nicht das breite Publikum wie noch bei „Dallas“ in den 80er Jahren, sondern elitäre, gebildete Zielgruppen, die sich gut bewerben lassen. Das Klinik-Epos „Emergency Room“ (Pro7), der schräge Krimi „Monk“ (RTL), die grandiose Schönheits-OP-Satire „Nip/Tuck“, der Beverly-Hills-Abklatsch „O.C. California“ (beide Pro7), demnächst der Krimi „Navy CIS“ auf Sat1, wo sonst fast nur deutsche Serien laufen oder die vom Ally-McBeal-Macher erfundene Lehrersoap „Boston Public“ (Vox) – fast alle Privatsender sind auf den Serienzug gesprungen. „Selbstverständlich sind wir daran interessiert, eine Serie in der Tradition von ,Ally McBeal’ im Programm zu haben. Wir beobachten sehr gründlich den US-Markt“, sagt Vox-Programmdirektorin Ladya van Eeden. Besonders im Visier: der Pay-TV-Sender HBO, der „Six Feet Under“ oder „Nip/Tuck“ produzieren ließ. Undenkbar, dass so etwas aus Deutschland kommt. Das Niveau ist hier seit „Monaco Franze“ und „Liebling Kreuzberg“ nicht mehr erreicht worden.

In den USA ist die Serie die Königsklasse, hat Film und Kino den Rang abgelaufen, nicht nur bei Schauspielern und Autoren. Intelligente Erzählweisen, subtiler Humor, aktuelle Themen, avantgardistische Elemente, Spiele mit Zeit und Ort wie im Echtzeitthriller „24“, Reflexionen über die Gesellschaft, den Sinn des Lebens oder des Todes wie in „Six Feet Under“. Mit dem Einkauf der ähnlich ambitionierten „Desperate Housewives“ hat Pro7 im Wettlauf um die beste US-Serie wieder die Nase vorn. Wie man hört, hätte Sat1 die mit viel Vorschusslorbeeren bedachte Serie auch gerne gehabt. Die Pilotfolge ist furios. Der schönste Satz der Heldin Gabrielle: „Mein Mann gab mir alles, was ich mir wünschte, nur stellte sich heraus, dass ich mir die falschen Dinge gewünscht habe.“

Was die richtigen Dinge sind, wird sich im April zeigen. Dann startet „Desperate Housewives“, um 21Uhr15. Die richtigen Zuschauer will sich Pro7 vorher abholen – mit Doppelfolgen des Serienplatzvorgängers „Sex and the City". Zielgruppenmäßig schlau gemacht, aber wie gesagt: Carrie und ihre Freundinnen sind jetzt nicht einfach aus New York raus und verzweifelte Familienmanager in der Vorstadt geworden. Das Einzige, was die „Housewives“ mit „Sex and the city“ verbindet, sind schicke Kleider. Und dass sich Millionen Männer Dienstagabends wieder etwas anderes vornehmen können. Und dass die verzweifelten Hausfrauen nicht der letzte schräge Serienimport aus den USA sein werden.

„CSI: Miami“, Vox, 20 Uhr 15

„Nip/Tuck“. Dienstag, Pro7, 21 Uhr 15

„24“, Mittwoch, RTL2, 22 Uhr 10

„Desperate Housewives“, ab 12. April, Dienstags, Pro7, 21 Uhr 15

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