Medien : Das große Intendanten-Sudoku

Bei NDR, SWR und WDR müssen die Senderspitzen neu besetzt werden – auf Herres, Boudgoust und Brender läuft es zu

Bernd Gäbler

Der ARD geht es schlecht. Die Schleichwerbung ist nicht verjährt. Der Sportkoordinator bewegt sich in klebriger Nähe zum Dopingsumpf. Der Pogrammdirektor des „Ersten“ ratifiziert dubiose Sportlerverträge, die er aber nicht gelesen haben will. Dennoch wurden beide in ihrem Ämtern trotzig bestätigt. Hinter vorgehaltener Hand räumen einige ARD-Obere ein, dass das miese Image selbstverschuldet sei. Sie spüren, dass es so nicht weitergehen kann. Dies kann der Humus für gedeihliche Lösungen offener Personalprobleme sein. Niemand kann sich zurzeit endloses parteipolitisches Geschacher und würdelosen Kandidatenverschleiß leisten.

Gesucht werden drei Intendanten für die großen Sender SWR, NDR und WDR. Die Wege bis zur Wahl sind verschlungen. In den Gremien regen sich sorgenvoll Mitglieder, denen der öffentlich-rechtliche Auftrag am Herzen liegt. Sie wollen nicht als Vorposten von Parteien agieren und empfänden es als Schande, wenn jetzt parteipolitische Loyalität mehr zählte als individuelle Eignung.

Im Südwesten geht alles ruhig seinen Gang. Der konservative Intendant Peter Voß hat sein Amt stets politisch verstanden, war aber nicht willfährig. Die SWR-Fusion hat er bewältigt. Drei Bewerber aus dem eigenen Beritt kandidieren für die Nachfolge: der Verwaltungsdirektor Peter Boudgoust, Fernsehdirektor Bernhard Nellesen und der Chef des Stuttgarter Landessenders Willi Steul. Alles folgt einer inneren Logik: Die Nächsten rücken auf. Bernhard Nellesen, erst seit 2003 Fernsehdirektor, fiel zuvor in „Report Mainz“ nicht als kantiger Journalist auf; bei einer Zuschauerbefragung ordneten ihn viele der Volksmusik zu. Der frankophile Willi Steul scheint den stärker sozialdemokratisch geprägten Rheinland-Pfälzern schwer vermittelbar zu sein, so dass der in der ARD bereits profilierte Peter Boudgoust als Favorit gilt. Vermutlich wird er am 1. Dezember in Stuttgart ohne viel Getöse gewählt werden. Peter Voß kann sich dann in Ehren in den rechtzeitigen, ja sogar ein wenig vorgezogenen Ruhestand verabschieden.

Im NDR eilt die Nachfolge nicht. Im Jahr 2002 wurde Jobst Plog noch einmal für 6 Jahre gewählt, Rente mit 67 wäre die Folge. Er hat es sich offengehalten, früher aufzuhören. In der komplexen 4-Länder-Anstalt sind direkte politische Durchgriffe schwer, aber die CDU ist seit 2002 stärker geworden. Stetig betonte der ambitionierte Ministerpräsident Christian Wulff, wie wichtig das Land Niedersachsen als Medienstandort auch für den NDR zu sein habe. Dezent kam man dem nach. Krach und Krisen wurden vermieden. Da man ohnehin hauptsächlich sich selber traut, wird es wohl auch im NDR zu einer hausinternen Nachfolge kommen. Weit und breit ist nur ein aussichtsreicher Kandidat in Sicht: Fernsehdirektor Volker Herres. Es wäre der klassische Aufstieg: Chefredakteur, Programmdirektor, Intendant. Parteipolitisch hat sich Herres nicht exponiert. Er gilt als umsichtiger Anwalt der Senderinteressen. In der ARD war er als Nachfolger für Günter Struve nicht durchsetzbar. Seine Berufung in die Programmverantwortung fürs „Erste“ hätte eine Verjüngung signalisiert. Dieser Weg blieb versperrt, so ist der andere jetzt frei – zügig, vermutlich sogar vorfristig an die Spitze des NDR.

Bleibt der größte, stärkste und komplizierteste Sender: der WDR. Fritz Pleitgen, fast schon Inkarnation des öffentlich-rechtlichen Sendungsbewusstseins, hat frühzeitig seinen Hut – nicht in den Ring geworfen, sondern über den Ring gehängt. Er warf einen großen Schatten: Die Gremien seien aufgerufen, einen kraftvollen Intendanten zu wählen, doch stünde er selbst allzeit bereit, sollte es nicht zu einer angemessenen Einigung kommen. So hat er sich selbst zum Maßstab ernannt.

Dies sah nach einer arg gedrechselten Taktik aus. Als wolle er auf jeden Fall bleiben, ohne dies offen bekunden zu müssen, zumindest bis das Haus in seinem Sinne bestellt bzw. die Zusammensetzung der Wahlgremien geändert oder zumindest der Vorsitzende des Rundfunkrats, Reinhard Grätz, gewichen sei. Mit diesem hat sich Pleitgen innigst überworfen. Das SPD-Mitglied Fritz Pleitgen hatte öffentliche Polemik gegen den sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Peer Steinbrück nicht gescheut, während er dem CDU-Amtsnachfolger Jürgen Rüttgers nur freudig Harmonie bekundete. Reinhard Grätz, ein SPD-Haudegen alter Schule, der schon Johannes Rau die Aktentasche getragen hat und seit Jahrzehnten den Politikstil des eifrigen Strippenziehens in Hinterzimmern pflegt, war dies zuwider. Fasziniert beobachteten neutrale Gremienmitglieder seitdem, wie sich die beiden Alten ineinander verbissen wie zwei blutende Elefanten – vereint im Wettbewerb, wer wohl den anderen „überlebt“, sprich länger im Amt bleibt. Nach der Schweriner ARD-Tagung kam es im WDR-Rundfunkrat zu einer Sensation. „Mit Unverständnis“ wurden die Ergebnisse „zur Kenntnis genommen“; die Sportlerverträge als „Image schädigend“ und „mit öffentlich-rechtlichem Ethos unvereinbar“ charakterisiert. Die Resolution war eine Ohrfeige für Grätz, der in Schwerin allem eifrig zugestimmt hatte. Sie streifte auch Pleitgen. Die befreiende Tat hat hinter den Kulissen eine neue Dynamik in Gang gesetzt.

Plötzlich wabert im WDR ein Gerücht über alle Flure und Gänge: jetzt sei es klar, lautet es, Nikolaus Brender soll es werden. Keiner kennt die Quelle, niemand mag sich bekennen, aber es wird kolportiert, dass Fritz Pleitgen in kleinem Kreis und auch gegenüber einzelnen wahlberechtigten Gremienmitgliedern verdeutlicht habe, dass er mitnichten unbedingt weitermachen wolle. Viel lieber sei ihm eine einvernehmliche Lösung. Für Nikolaus Brender, noch Chefredakteur des ZDF, werde er sofort den Weg frei machen, wenn erst die Schneise sicher geschlagen sei.

Formal sieht es so aus, dass die Mitglieder einer Findungskommission bis nach den Herbstferien die Zahl der Kandidaten – auf vermutlich drei – reduzieren werden. Noch wird eifrig antichambriert. Der saarländische Ministerpräsident Peter Müller von der CDU empfiehlt den nordrhein-westfälischen Parteifreunden seinen Lieblings-Sozialdemokraten Fritz Raff. Am Ende dürfte der Intendant des Saarländischen Rundfunks aber doch zu sehr Sozialdemokrat, vor allem aber zu sehr für dubiose Radsportgeschäfte verantwortlich sein, um auch für Grüne und parteipolitisch nicht gebundene Mitglieder im WDR-Runkfunkrat wählbar zu sein.

Gegen die mittlerweile im „ARD-Presseclub“ präsente Monika Piel hat eigentlich keiner etwas. Aber im Sommer dieses Jahres hat sie zumindest ungeschickt agiert, wenn nicht gar ein veritables Selbsttor geschossen. Als Hörfunkdirektorin hat sie einen bereits gesendeten Beitrag des Anti-Korruptions-Rechercheurs Werner Rügemer aus dem WDR-Online-Auftritt entfernt. Zu groß war ihre Sorge um eventuelle Rechercheschwächen. Allerdings hatte sich bei ihr ein im Beitrag kritisierter CDU-Politiker beschwert. Da blieb ein Gerüchlein haften.

So läuft es auf Nikolaus Brender hinaus. Im ZDF galt er zunächst als Reisender auf einem „SPD-Ticket“, hat es aber im dichten Mainzer Politdschungel geschafft, sogar aus dem Wahlkampfgetümmel unabhängig zu berichten und das Informationsprogramm zu profilieren. Legendär ist inzwischen, wie stoisch er dem noch amtierenden Kanzler Gerhard Schröder in der die Wahl 2005 abschließenden Elefantenrunde die Stirn bot. Aufmerksam wahrgenommen wurde seitdem das biografische Detail, dass er in seiner Jugend im Schwarzwald der Jungen Union vorgestanden hatte. Im WDR tat er sich einst schwer mit der Aufgabe, das vermuffte Dritte Programm zu reformieren. Im ZDF aber hat Nikolaus Brender so viel Statur bewiesen, dass ihm inzwischen nicht nur Fritz Pleitgen zutraut, in Köln Europas größten Einzelsender gut zu führen.

Einige Sozialdemokraten scheinen sich noch zu sträuben. Wenigstens soll noch der nächste Rundfunkratsvorsitz gesichert werden. SPD-MdL Marc-Jan Eumann steht bereit. So könnte denn am 20. November im WDR eine Ära zu Ende gehen. Auf Fritz Pleitgen folgte der von ihm selbst auf verschlungenen Wegen prolongierte Lieblingsnachfolger; während es Reinhard Grätz gelingt, den politischen Ziehsohn zu seinem Nachfolger zu küren. Arm in Arm könnten dann beide zufrieden in die Abendsonne abgehen.

Die Krise hätte als Beschleuniger gedient. Boudgoust, Herres, Brender – darauf läuft es zu. Für die ARD-Sender gab es schon schlechtere Meldungen.

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