Medien : Das große Mauscheln

Joachim Huber

So ist das, wenn man 20 Jahre bei einer Intendanten-Wahl immer nur mitstimmen, nie jedoch den Kandidaten bestimmen darf. Die deutsche Sozialdemokratie macht gerade diese Erfahrung, beim Intendantensuchspiel im ZDF. Der Nachfolger von Dieter Stolte soll und wird aus dem konservativen Lager kommen, da gibt sich der christdemokratische "Freundeskreis" des Fernsehrates überzeugt. Als Favorit der Konservativen wird an erster Stelle Gottfried Langenstein genannt, Direktor Europäische Satellitenprogramme im Mainzer Fernsehsender. Diese Personalie soll heute, wenn die rot-schwarz dominierte Findungskommission in Berlin wieder zusammentritt, auf ihre Mehrheitsfähigkeit getestet werden, damit am 7. Dezember der 77-köpfige Fernsehrat auch wirklich Langenstein zum künftigen Intendanten bestimmt.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wolfgang Clement hat die Fahne der Revolution offensichtlich eingerollt. Der SPD-Mann und Vertreter im ZDF-Verwaltungsrat störte zwischenzeitlich die stille Verabredung zwischen Rot und Schwarz zur Fortsetzung einer alten ZDF-Tradition: Die Majorität im Fernsehrat - sie liegt bei den Konservativen, reicht jedoch nicht für die notwendige Drei-Fünftel-Mehrheit bei der Wahl - schlägt einen Kanidaten vor, alle geben brav ihre Stimme ab. Die Sozialdemokratie wird mit Posten auf anderen Sender-Ebenen zufriedengestellt.

Da also ist Clement dazwischengegangen, als er eine "Kompetenzlösung" für die ZDF-Spitze anmahnte, zur weltweiten Suche nach dem besten Kandidaten aufrief und mit gleichem Schwung Gottfried Langenstein abmeierte. Der Vorstoß des NRW-Chef war auch als Wachruf an die eigene Truppe gedacht. Jetzt ist Clement ins Schweigen verfallen. Ein anderer Sozialdemokrat hat übernommen. Klaus Rüter, Chef der Mainzer Staatskanzlei und Mitglied in der achtköpfigen Findungskommission, nannte die Behauptung, es gebe zwischen den beiden "Blöcken" Einvernehmen über den Kandidaten Langenstein, eine "gezielte Desinformation". Rüter betont, dass die einzige Frau und externe Bewerberin, Dagmar Reim, sich in dem von ihm geleiteten "Freundeskreis" hervorragend präsentiert habe und "einmütig als sehr geeignet" für die Intendanten-Nachfolge angesehen werde. "Dies wird im weiteren Verfahren zu beachten sein." Reim ist Chefin des NDR-Funkhauses in Hamburg.

Rüter will den Druck im Kessel aufrechterhalten. Immerhin, werden sich Rüter und sein Vordenker Clement sagen, immerhin haben wir mit unseren Vorstößen für die SPD einen möglichen weiteren Direktorenposten erobert. In diesem skandalösen Parteien-Gemauschel um einen Spitzenposten des angeblich staatsfernen Rundfunks wird die "rote" Fraktion am Ende wohl besänftigt sein. In politischen Kreisen heißt es, dass Andrea Urban Gottfried Langenstein als Direktorin bei Arte und 3sat nachfolgen wird, wenn Langenstein erst einmal an der ZDF-Spitze inthronisiert ist. Andrea Urban? Die Leiterin der Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen sitzt mit in der Findungskommission. Fleißig wird von SPD-Seite kolportiert, dass Andrea Urban auf gar keinen Fall zur Verfügung stünde. Wie sähe es denn auch aus, wenn Urban in der Findungskommission für Langenstein plädieren würde, um später sein heutiges Direktorat zu übernehmen? Toll jedenfalls nicht, zumal die Jugendschützerin als Medien-Managerin bisher nicht aufgefallen ist. Mit einer SPD-Besetzung bei Arte und 3sat, mit Urban oder jemand anderem, würde das ZDF auf Leitungsebene ein wenig stärker "erröten": dem sozialdemokratischen Flügel wären die oder der Satelliten-Direktor, Verwaltungschef Hans-Joachim Suchan und Chefredakteur Nikolaus Brender zuzuschlagen, der konservativen Fraktion Intendant Langenstein und Programmdirektor Markus Schächter.

Langenstein muss sich als Kandidat nicht verstecken. Dass der vierfache Familienvater mit Geburtsort München konservative Wahlmänner und -frauen hat, disqualifiziert ihn nicht, dass der 47-Jährige der erklärte Favorit von Stolte ist, ebenfalls nicht. Seine Protegés erklären, dass ein Direktor Europäische Satellitenprogramme eigentlich wie ein Intendant arbeiten muss. Fiskalische Kompetenz, Programm-Entwicklung, Management-Qualitäten, all dies geht in die Funktion ein. Langenstein hat mit Microsoft für den Online-Auftritt des ZDF gewonnen, er wird als offen für Neuerungen beschrieben. Führungsfähigkeit ist vorhanden, auch die in den ZDF-Programmen stets betonte Nähe zur Kultur ist gegeben.

Wenn Langenstein tatsächlich ZDF-Intendant wird, bekommen vier andere Haus-Kandidaten eine Absage: Verwaltungschef Suchan, der stellvertretende Chefredakteur Helmut Reitze, Programmdirektor Schächter, sein Stellvertreter Hans Jahnke. Keinem wird nachgesagt, er hätte es nicht auch gekonnt. Das wird den einen oder anderen für auswärtige Aufgaben interessant machen. Reitze beispielsweise wird als künftiger Chef des Hessischen Rundfunks gehandelt.

Wenn sich die Findungskommission auf die Lösung Langenstein plus SPD-Direktorat Satellitenprogramme verständigt, dann sind die vier Wochen bis zum Wahltag eine ruhige Zeit. Anderenfalls sagen die politischen Kreise "Krach bis in neue Jahr" voraus. Dieter Stolte jedenfalls betritt sein Büro zum letzten Mal am 14. März. Der scheidende ZDF-Chef ist bereits heute ein Verlierer in den Rochaden der Parteien. Anfang der Woche hatte Stolte erklärt, er wolle nicht neuer Präsident des Goethe-Institutes werden. Stolte wäre es auch nicht geworden. Joschka Fischer mag Dieter Stolte nicht sonderlich. Als Außenminister ist Fischer Dienstherr des Goethe-Institutes. Vom ZDF fühlte sich der Grünen-Politiker nie gut behandelt. Jetzt war der Zeitpunkt für eine Revanche gekommen, und Mauscheln können inzwischen auch Grüne.

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