Medien : Das Häuten der Zweifel

Wickert interviewt Grass / Steidl-Verlag irritiert über „FAZ“-Aufmachung

Ulrike Simon,Joachim Huber

Das „Häuten der Zwiebel“ geht weiter. Am Wochenende enthüllte Günter Grass im Interview mit der „FAZ“, was er in seiner demnächst erscheinenden Autobiografie aufgeschrieben hat: Er war in den Jahren 1944/45 Mitglied in der Waffen-SS. Die zentralen Fragen – etwa, warum Grass so lange geschwiegen, und ob er als Waffen-SS-Mitglied wirklich keinen Schuss abgegeben hat? – brauchen neue, vertiefte Antworten. Vielleicht ist es am Donnerstag so weit: Günter Grass steht Ulrich Wickert Rede und Antwort. Nicht in den „Tagesthemen“, sondern in der Sendung „Wickerts Bücher“, im Ersten um 22 Uhr 45.

Diese Sendung ist neu, geplant war die erste Ausgabe für den 7. September, vorher will Wickert am 31. August zum letzten Mal die „Tagesthemen“ in der ARD moderieren; die geplante und die vorgezogene Premiere von „Wickerts Bücher“ hatten und haben nur ein Thema: Günter Grass und seine Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“. Jetzt geht alles viel schneller, Wickert fährt am heutigen Dienstag zu Günter Grass auf dessen dänische Ferieninsel Moen und stellt seine Fragen für die ARD-Ausstrahlung am Donnerstag.

Hat Ulrich Wickert nur Glück, dass er das erste Fernsehinterview mit Grass nach dessen Geständnis bekommt und seine Sendung mit einem derartigen Scoop starten kann? Das Wickert-Gespräch sei schon lange vereinbart, heißt es beim Steidl-Verlag, in dem Grass’ Buch erscheint. Es sei auch nicht unüblich, dass Grass mit Wickert spricht, schließlich führe er mit dem „Tagesthemen“-Moderator seit Jahren bei jeder seiner Neuerscheinungen Interviews. Claudia Glenewinkel, Sprecherin des Steidl-Verlags, weist jeglichen Vorwurf zurück, Grass’ Lebensgeständnis sei „eine ausgeklügelte PR- Kampagne“. Zwar gilt Grass beim Vermarkten seiner Bücher als geschäftstüchtig, was einige Kritiker veranlasst zu glauben, die Lebensbeichte diene allein der Promotion des neuen Buches. Glenewinkel widerspricht: Grass habe das „FAZ“-Interview nicht mit der Absicht gegeben, sein Lebensgeständnis abzulegen. „Uns war klar, dass sein Bekenntnis, bei der Waffen-SS gewesen zu sein, Thema wird. Mit einem Skandal dieses Ausmaßes haben wir aber nicht gerechnet.“ Schuld gibt sie der „FAZ“, die durch die Gestaltung der Überschrift, durch Frank Schirrmachers Leitartikel und die Vorabmeldung an die Agenturen das gesamte Gespräch auf den einen Punkt fokussiert habe. „Wir hätten uns einen anderen Schwerpunkt gewünscht“, sagt Glenewinkel.

Schirrmacher versteht die Verwunderung im Steidl-Verlag nicht. Grass’ Bekenntnis sei eine Sensation. Das nicht zu erkennen, wäre ein Grund „dass man mich auf der Stelle entlassen müsste“. Nicht zuletzt sagte Grass selbst, das Geständnis sei für ihn der Anlass gewesen, das Buch zu schreiben.

Gegen einen weiteren Vorwurf wehrt sich der „FAZ“-Herausgeber. Zu sanft habe er Grass im Interview behandelt, heißt es. Erst im Leitartikel derselben Ausgabe habe er die Fragen aufgeworfen, die er Grass hätte stellen müssen. „Das Gespräch war nicht der Ort für solche Details“, meint Schirrmacher. So ein Bekenntnis müsse sich erst setzen. Die Zeit der Aufklärung folge jetzt, hoffentlich unter Mitwirkung von Grass.

Vereinbart wurden das Interview und der Vorabdruck bei der „FAZ“ bereits im Mai, bestätigt der Steidl-Verlag. Die Wahl sei auf die „FAZ“ gefallen, weil Grass einen klassischen, seriellen Vorabdruck abgelehnt habe. Auf sein Einverständnis stieß hingegen der Vorschlag von „FAZ“- Redakteur Hubert Spiegel, den Vorabdruck als achtseitige Tiefdruckbeilage eine Woche nach dem Interview (also kommenden Sonnabend) erscheinen zu lassen. Das umso mehr, da Grass an der Auswahl der Textauszüge, Bilder und Zeichnungen beteiligt wurde.

Vermutungen, die Lebensbeichte sei eine zwischen Grass, Wickert und der „FAZ“ inszenierte Promotion-Aktion unter guten Bekannten, verweisen die Beteiligten ins Reich der Verschwörungstheorien. Anders als behauptet wird, habe die „FAZ“ für den Vorabdruck auch „keinen einzigen Cent bezahlt“, sagt Schirrmacher.

Folgen könnte Grass’ Geständnis für ein weiteres Buchprojekt haben. Im September soll im Steidl-Verlag das von Manfred Bissinger moderierte Gespräch zwischen Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner und Günter Grass erscheinen. Dieses „Streitgespräch über Deutschland“ wurde ohne das Wissen über Grass’ Zugehörigkeit zur Waffen-SS geführt. Eine Springer-Sprecherin sagte gestern, es sei offen, ob das Buch erscheint oder inwiefern dieser Umstand ausdrücklich vermerkt wird.

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