Medien : „Das ist nur die zweitbeste Lösung“

Dieter von Holtzbrinck und Pierre Gerckens über den Eigentümerwechsel beim Tagesspiegel

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Herr von Holtzbrinck, warum haben Sie den Tagesspiegel verkauft?

VON HOLTZBRINCK: Die Entscheidung ist uns sehr schwer gefallen. Wir haben alles versucht, den Verkauf zu verhindern. Es gab aber keine Alternative. Wir hatten keine Aussicht mehr auf eine Ministererlaubnis, die es uns ermöglicht hätte, gleichzeitig die „Berliner Zeitung“ zu kaufen und den Tagesspiegel zu behalten. Wir mussten uns also von einer der beiden Zeitungen trennen. Der Verkauf an Herrn Dr. Gerckens war eine notwendige und gleichzeitig auch die beste Lösung für den Tagesspiegel.

Hätten Sie nicht abwarten können, bis das Kartellgesetz novelliert ist und dann das Zusammengehen möglicherweise doch möglich geworden wäre?

VON HOLTZBRINCK: Die Spekulation, dass es bis zum 1. Mai 2004 eine sinnvolle Novelle des Kartellgesetzes geben würde, wurde von allen namhaften Kartellrechtlern, die wir kennen, als unrealistisch betrachtet. Und das ist auch vernünftig: Eine neue Wettbewerbsordnung muss am Ende zu einer tragfähigen Lösung finden, die vor allem die Unabhängigkeit der Verlage von Subventionen und der Politik sicherstellt.

Und das dauert?

GERCKENS: Bisher haben die Verleger noch nicht einmal eine Einigung untereinander gefunden. Dazu kommt, dass unsere Hauptkonkurrenten und viele mittlere und kleinere Verlage schon im Vorfeld gesagt haben, dass es auf keinen Fall eine Lex Holtzbrinck geben darf, egal wie die Gesetzesnovelle ausfällt. Deshalb hatten wir wirklich keine Alternative, es sei denn, wir hätten die Hängepartie für die Leser, Kunden und Mitarbeiter des Tagesspiegel unerträglich verlängert.

Herr Gerckens, ist das jetzt ein guter oder ein schlechter Tag für unsere Leser?

GERCKENS: Ich hoffe, dass die Leser es an ihrer Zeitung gar nicht merken werden, dass der Tagesspiegel einen neuen Eigentümer bekommt. Für den Tagesspiegel aber ist der Verkauf nur die zweitbeste Lösung, das ist klar. Als langjähriger Verleger im Hause Holtzbrinck und als Mitglied des Aufsichtsrates habe ich den Kauf der „Berliner Zeitung“ und das kartellrechtliche Verfahren mitgetragen und begleitet. Dass es die Ministererlaubnis nicht gibt, ist für den Tagesspiegel schlecht.

Warum haben Sie den Tagesspiegel und nicht die „Berliner Zeitung“ gekauft?

GERCKENS: Für mich kam nur der Tagesspiegel in Frage. Ich kenne den Tagesspiegel seit zehn Jahren sehr gut und finde die Entwicklung dieser Zeitung herausragend. Dazu kommt, dass ein Großverlag wie der Berliner Verlag für mich zu groß gewesen wäre.

Wie viel haben Sie bezahlt?

GERCKENS: Über den Kaufpreis haben wir Stillschweigen vereinbart.

Einen Euro?

VON HOLTZBRINCK: Es ist kein symbolischer, sondern ein echter Kaufpreis. Wir haben allerdings nicht an den Meistbietenden verkauft, sondern an den Verleger, bei dem der Tagesspiegel am besten aufgehoben ist.

Herr Gerckens, Sie sehen auch ohne Fusion eine Perspektive für den Tagesspiegel. Was können Sie, was Holtzbrinck nicht kann?

GERCKENS: Ich gebe zu, dass ich optimistischer als die Familie von Holtzbrinck bin, was die Entwicklung Berlins als Hauptstadt und als Medienstandort angeht. Das strahlt natürlich auch auf meine Erwartungen ab, was den Tagesspiegel und seine Entwicklung angeht. Außerdem habe ich als Einzelunternehmner mehr Möglichkeiten, sowohl in der Redaktion als auch im Verlag Kooperationen zu schließen, als ein Konzern das hat.

VON HOLTZBRINCK: Der Tagesspiegel hat das Zeug, eines Tages eine der ganz großen Zeitungen in Deutschland zu werden. Das war und ist die Perspektive für diese Zeitung. Dass wir das Ziel nicht zusammen erreichen werden, ist für uns sehr schmerzlich. Es ist ein bitterer Abschied. Aber wir sind sicher, für den Tagesspiegel die optimale Lösung gefunden zu haben. Wir werden versuchen, die „Berliner Zeitung“ weiterzuentwickeln.

Und wenn das Kartellgesetz geändert ist, verkauft Ihr Freund und Berater Gerckens den Tagesspiegel wieder zurück?

VON HOLTZBRINCK: Herr Gerckens ist nicht mehr unser Berater. Er scheidet mit sofortiger Wirkung aus allen Gremien des HoltzbrinckKonzerns aus. Hier geht es um ein dauerhaftes Geschäft, und zwar sowohl beim Tagesspiegel als auch bei der „Berliner Zeitung“. Herr Gerckens ist weder Treuhänder noch Strohmann. Wir werden jeden, der das Gegenteil behauptet, belangen.

GERCKENS: Eine alte persönliche Verbundenheit heißt nicht, dass man Strohmann ist. Es gibt keine Nebenabreden zu dem Kaufvertrag, den wir verhandeln. Ich möchte nach 35 Jahren als angestellter Verleger selbstständiger Unternehmer werden. Mit meinem Geld, auf eigenes Risiko.

Als der Holtzbrinck-Verlag im Rahmen des Ministererlaubnisverfahrens jemanden suchen musste, der den Tagesspiegel kauft, war von Ihnen nichts zu sehen, Herr Gerckens. Warum kommen Sie erst jetzt mit dem Angebot?

GERCKENS: Ich hätte kein Angebot abgeben wollen, weil ich an einen positiven Ausgang des Erlaubnisverfahrens geglaubt habe.

Wann haben Sie sich entschieden?

GERCKENS: Als abzusehen war, dass es keine Ministererlaubnis geben wird.

Welche zeitliche Perspektive haben Sie denn für den Tagesspiegel?

GERCKENS: Es wäre leichtfertig, wenn ich heute eine Bestandsgarantie für zwanzig Jahre geben würde. Das ist ein Zeitraum, den wir alle nicht überschauen, vor allem wenn man sich ansieht, wie rasant sich die Medienwelt verändert. Ich kann seriös drei bis fünf Jahre überblicken.

Das heißt, dass Sie so lange auch die Verluste des Tagesspiegel bezahlen?

GERCKENS: Ich habe wie jeder Verleger ein Interesse daran, dass meine Zeitung schnell schwarze Zahlen schreibt. Das würde ich gern schneller erreichen.

Herr von Holtzbrinck, greifen Sie uns als Verleger der „Berliner Zeitung“ jetzt an?

VON HOLTZBRINCK: Wir werden Wettbewerber sein, ja. Aber keiner von uns hat ein Interesse an einem destruktiven Verdrängungswettbewerb. Wir werden uns auf dem Berliner Markt mit der „Berliner Zeitung“ um neue Leser bewerben, und der Tagesspiegel wird das mit seinem Profil und der überregionalen Ausstrahlung auch tun. Aber eine Neuauflage des Berliner Zeitungskrieges wird es mit uns nicht geben.

Das Gespräch führten Ulrike Simon und Ursula Weidenfeld .

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